Peter Bofinger zur Inflation "Die Bundesregierung sollte mindestens 500 bis 1000 Euro an jeden Bürger zahlen"

Ökonomen streiten über angemessene Antworten auf die Inflation. Einig sind sie sich noch nicht einmal bei den Ursachen der Teuerung. Der Geld-Ökonom Peter Bofinger ordnet die Debatte ein – und fordert eine echte Entlastung.
Das Interview führte Finn Walter
Längste Amtszeit der Geschichte: Ökonom Peter Bofinger war fast 15 Jahre lang Wirtschaftsweiser und Berater der Bundesregierung

Längste Amtszeit der Geschichte: Ökonom Peter Bofinger war fast 15 Jahre lang Wirtschaftsweiser und Berater der Bundesregierung

Foto: IPON / IMAGO

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Der Ökonom Peter Bofinger (68) war lange einer der einflussreichsten Berater der Bundesregierung. Fast 15 Jahre lang war er Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – länger als er war niemand Wirtschaftsweise. Vor zwei Jahren ging er offiziell in den Ruhestand, behielt aber seine Professur für Volkswirtschaftslehre an der Universität in Würzburg. Bofinger zählt noch immer zu den renommiertesten Experten für Geldpolitik in Deutschland. Mittlerweile mischt er sich nur noch sporadisch in aktuelle Debatten ein – und wirft einen erfrischenden Blick von außen auf den Zinsstreit.

manager magazin: Herr Bofinger, unter Ökonomen wird im Moment scharf über die Inflation debattiert. Deutschlands bekannteste Wirtschaftswissenschaftler sind sich teils noch nicht einmal über die Ursachen einig. Warum eigentlich?

Peter Bofinger: Ich weiß gar nicht, ob die Uneinigkeit wirklich so groß ist. Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass die Inflation überwiegend energiepreisbedingt ist. Die Streitfrage ist: Hat die EZB auch einen Anteil an der Inflationsentwicklung? Ein paar Ökonomen sind der Meinung, dass ihre Geldpolitik schon vor dem Krieg in der Ukraine zu expansiv war. Das ist allerdings nicht die Mehrheitsmeinung.

Warum nicht?

Bevor die Energiepreise so stark anstiegen, gab es kaum eine seriöse Institution, die vor einer hohen Inflation gewarnt hat. So hat etwa der Sachverständigenrat, dem damals noch der prominente Geldökonom Volker Wieland angehörte, im November 2021 für dieses Jahr eine Inflationsrate von 2,1 Prozent prognostiziert. Die Leute, die die EZB stark kritisieren (unter anderem Volker Wieland, Anm. d. Redaktion), malen schon seit Jahren Inflationsgefahren an die Wand. Die sind nie eingetreten, bevor jetzt die Energiepreise stiegen.

Auf Geldökonom Peter Bofinger (l.) hörte die Regierung viele Jahre. Hier steht er 2014 zusammen mit der damaligen Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Christoph Schmidt, dem Vorsitzenden des Sachverständigenrats.

Auf Geldökonom Peter Bofinger (l.) hörte die Regierung viele Jahre. Hier steht er 2014 zusammen mit der damaligen Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Christoph Schmidt, dem Vorsitzenden des Sachverständigenrats.

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Haben sich manche Ihrer Kollegen da also in eine Sackgasse manövriert?

Klar, am Ende versucht jeder seine Argumentation zu rechtfertigen. Für mich ist viel mehr entscheidend, dass wir bis zuletzt keine überbordende Nachfrage im Euroraum hatten. Wenn die Inflation EZB-bedingt wäre, hätte man einen Anstieg der Nachfrage sehen müssen. Der private Verbrauch liegt aber preisbereinigt nach wie vor unter dem Niveau vor der Pandemie.

Die Zentralbank setzt nun auf ein traditionelles Instrument: Sie erhöht die Zinsen, und zwar ziemlich rasch. Was bringt das, wenn die Inflation gar nicht nachfragebedingt ist?

Die Diskussion über die Zinspolitik geht häufig in die falsche Richtung, da sie sich an Nominalzinsen orientiert. Ökonomisch entscheidend sind aber nicht die Nominalzinsen, sondern die Realzinsen – also Nominalzinsen minus Inflationsrate. Leider macht die EZB in ihrer Kommunikation diesen zentralen Unterschied nicht deutlich.

Wie meinen Sie das?

Einfaches Beispiel: Wenn Sie auf Ihrem Sparbuch 1 Prozent Zinsen bekommen und die Inflationsrate ist 0 Prozent, ist das deutlich besser, als wenn Sie auf Ihrem Sparbuch 3 Prozent Zinsen bekommen und die Inflationsrate liegt bei 5 Prozent. Am Ende ist die Differenz zwischen Zinsen und Inflationsrate relevant. Das gilt auch für Investoren. Leider berücksichtigt die öffentliche Diskussion – darunter auch Ökonomen – das überhaupt nicht. Wenn die EZB jetzt bei steigenden Inflationserwartungen die Nominalzinsen anhebt, bleiben die Realzinsen weiterhin konstant. Gemessen an den Realzinsen haben wir also keine restriktive Geldpolitik, sondern eine neutrale. Wenn die EZB steigende Inflationserwartungen nicht kompensiert, würde sie zusätzlich Öl ins Feuer gießen.

Heißt das im Umkehrschluss, die EZB sollte bei sinkenden Energiepreisen die Zinsen auch schnell wieder senken?

Das kommt darauf an, wie hoch die sogenannte Kerninflationsrate ist. Bei diesem Konzept werden Energiepreise und unverarbeitete Lebensmittel rausgerechnet. Die Kerninflationsrate liegt im Euroraum bei 5,5 Prozent. Bevor die EZB Zinsen senken kann, muss auch diese herunterkommen.

Mit 5,5 Prozent liegt auch die Kerninflationsrate deutlich über dem Zielniveau. Zeigt das nicht, dass die aktuelle Inflation doch auch nachfragebedingt ist?

Nein, es zeigt nur, wie der Energiepreis-Schock in die allgemeine Preis- und Lohnentwicklung hineinwirkt. Wir werden jetzt Lohnerhöhungen bekommen, die über das Inflationsziel von 2 Prozent hinausführen. Ich vermute die Gewerkschaften werden Lohnerhöhungen von 5 bis 6 Prozent durchsetzen. Das ist unbefriedigend für die Arbeitnehmer, denn sie haben immer noch einen Reallohnverlust. Aber es ist immer noch mehr als mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar wäre.

Befürchten Sie eine Lohn-Preis-Spirale?

Ich weiß nicht, ob man das schon so nennen kann. Nach der klassischen Lohnformel sollten Löhne gemäß dem Inflationsziel der EZB plus der Produktivitätsentwicklung steigen. Letztere ist wahrscheinlich sogar leicht negativ. Nach dieser Formel dürften Lohnerhöhungen irgendwo bei 2 Prozent liegen. Das ist natürlich völlig inakzeptabel.

Einige prominente Stimmen sind der Meinung, die expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre sei verantwortlich für die Inflation. Klingt doch eigentlich logisch?

Die Geldmenge seit der Einführung des Euro ist stets gestiegen. In der Phase der Nullzinspolitik stieg sie aber weniger als zuvor an. Damit ist schon die Grundannahme falsch, die EZB habe in dieser Phase zu viel Geld gedruckt.

Eine restriktivere Linie wäre keine Lösung, um die Inflation auszugleichen?

Die EZB kann die Geldpolitik so restriktiv gestalten, dass wir eine Deflation bekommen, die den Preisanstieg im Energiesektor durch Preissenkungen in den übrigen Bereichen der Wirtschaft kompensiert. Aber das kann niemand ernsthaft befürworten.

Welche Rolle spielt die Fiskalpolitik in der aktuellen Situation? Was also kann die Bundesregierung jetzt tun?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Die Bundesregierung kann in die Preise eingreifen. Das geht zum Beispiel über den Tankrabatt oder eine geringere Mehrwertsteuer. Diese Maßnahmen haben den Vorteil, dass sie die Inflation senken. Gleichzeitig haben die Menschen aber weniger Anreiz zum Energiesparen.

Was ist Möglichkeit Nummer zwei?

Da wir nicht wissen, ob wir energetisch durch den Winter kommen, ist es besser, die Preise wirken zu lassen und den Haushalten mit Transfers auszuhelfen.

"Es ist noch keine Entlastung, wenn der Staat sich nicht am höheren Gaspreis bereichert."

Peter Bofinger

Tut die Bundesregierung nicht genau das mit ihrem Entlastungspaket?

Das neueste Entlastungspaket ist leider eine Luftnummer. Es entlastet nicht wirklich, sondern vermeidet vor allem Belastungen.

Wie meinen Sie das?

Durch den Ausgleich der kalten Progression zum Beispiel hat niemand mehr Geld als zuvor. Die Maßnahme verhindert lediglich eine noch höhere Belastung durch den progressiven Steuertarif. Ohne diese Maßnahme müssten die Menschen trotz sinkender Reallöhne mehr Steuern bezahlen. Genauso verhält es sich mit der Senkung der Mehrwertsteuer auf Gas. Es ist noch keine Entlastung, wenn der Staat sich nicht am höheren Gaspreis bereichert.

Was fordern Sie stattdessen?

Ein großzügiges Entlastungspaket, das seinen Namen verdient. Es muss eine Energiepauschale enthalten, die versteuert wird, damit höhere Einkommen weniger davon bekommen. Ich könnte mir vorstellen, Spitzenverdiener davon auszuschließen. Die Bundesregierung sollte mindestens 500 bis 1000 Euro an jeden Bürger zahlen.

Dem Bäckermeister hilft das aber auch nicht viel. Wie wollen Sie Betriebe vor der Pleite retten?

Ich plädiere für staatliche Kredite der KfW-Bank. Die sollten zweckgebunden und günstig sein. Die KfW kann sie zurückfordern, wenn die Energiepreise wieder sinken.

Wo soll das Geld dafür herkommen?

Der Staat hat finanziell keine Probleme. Die Verschuldung ist im internationalen Vergleich extrem gering. Deshalb ist die Diskussion über die Schuldenbremse auch ziemlich absurd. Ich wähle da gerne folgendes Bild: Mit der Schuldenbremse verhält es sich ähnlich, wie wenn die Feuerwehr in ein brennendes Haus rennt und die Hausfrau sagt "Stiefel aus", damit der Teppich nicht dreckig wird. Soll heißen, wie müssen da besser priorisieren.

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