Ersatz für russische Energie Vereinigte Arabische Emirate liefern Deutschland LNG, Diesel und Ammoniak

Auf der Reise von Bundeskanzler Olaf Scholz in die Golf-Staaten vereinbart RWE einen Vertrag über die Lieferung von verflüssigtem Erdgas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zudem soll Deutschland künftig auch Diesel und Ammoniak aus der Region erhalten.
In der Hitze von Abu Dhabi: Bundeskanzler Olaf Scholz mit der VAE-Ministerin für Klimawandel und Umwelt, Mariam bint Mohammed Saeed Hareb Almheiri

In der Hitze von Abu Dhabi: Bundeskanzler Olaf Scholz mit der VAE-Ministerin für Klimawandel und Umwelt, Mariam bint Mohammed Saeed Hareb Almheiri

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Deutschland hat einen neuen Energielieferanten vor allem für Diesel und verflüssigtes Erdgas. Als Ersatz für ausbleibende Energielieferungen aus Russland erhält die Bundesrepublik Flüssigerdgas (LNG) aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Während des Besuchs von Bundeskanzler Olaf Scholz (64) in dem Golfstaat schloss der Essener Energiekonzern RWE am Sonntag einen Vertrag über eine erste Lieferung von 137.000 Kubikmetern LNG ab. Es soll die erste Lieferung sein, die im Dezember 2022 am neuen LNG-Terminal in Brunsbüttel bei Hamburg eintreffen soll. Laut RWE wurde ein Memorandum über mehrjährige Lieferungen ab 2023 unterzeichnet.

Zum Vergleich: Vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine floss allein am 1. Februar nach Angaben des Betreibers Gas mit einer Energiemenge von circa 1,76 Milliarden Kilowattstunden durch die Pipeline Nord Stream 1. Die jetzt vereinbarte erste Lieferung von 137.000 Kubikmetern Flüssigerdgas für RWE per Schiff aus den Vereinigten Arabischen Emiraten entspricht etwa 0,95 Milliarden Kilowattstunden. Das Volumen der ersten Lieferung ist eher gering. Als bedeutender wird die Erwähnung weiterer Lieferungen und einer mehrjährigen LNG-Partnerschaft mit den VAE gewertet. Scholz betonte in Doha, dass es darum gehe, die Zahl der Lieferstaaten zu erhöhen.

Laut der Vereinbarung vom Sonntag soll der emiratische Staatskonzern ADNOC ab 2023 monatlich auch bis zu 250.000 Tonnen Dieseltreibstoff nach Deutschland liefern. Die Vereinbarung darüber wurde mit dem niedersächsischen Energieunternehmen Hoyer geschlossen.

ADNOC habe zudem eine Reihe von Vereinbarungen mit deutschen Firmen getroffen, darunter Steag und Aurubis, hieß es in der Erklärung weiter. Dabei soll es etwa um Lieferungen von kohlenstoffarmem Ammoniak gehen, einem Trägerbrennstoff für Wasserstoff. Die erste dieser Ladungen sei bereits Anfang September in Hamburg eingetroffen. Beide Länder wollten weitere Möglichkeiten für die Zusammenarbeit in der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette prüfen.

Die emiratische Staatsagentur WAM teilte mit, der emiratische Präsident Mohammed bin Sajid und Scholz hätten "Zusammenarbeit, Dialog und Vorrang diplomatischer Lösungen" als Schlüssel bezeichnet im Umgang mit "verschiedenen Problemen und Krisen".

VAE besitzt siebtgrößte Erdgasvorkommen

Bis zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine bezog Deutschland noch 55 Prozent seines Erdgases aus Russland. Inzwischen sind die Lieferungen von dort zum größten Teil eingestellt und die deutschen Gasversorger suchen nach neuen Bezugsquellen. Die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über die siebtgrößten Erdgasvorkommen weltweit. Die Gewinne aus den Öl- und Gasexporten machen für die Emirate weiterhin den Großteil im Staatshaushalt aus. 2008 wurde das Land zum Netto-Gasimporteur wegen der steigenden Nachfrage zu Hause. Die Flüssiggas-Exporte gingen bisher vor allem nach Asien.

Auch Wasserstoff im Blick

Die Kontakte auf seiner Reise nach Saudi-Arabien, die VAE sowie Katar dienten dazu, mögliche zusätzliche Lieferquellen für LNG, später aber auch für Wasserstoff zu erschließen, sodass Deutschland keine erneute Abhängigkeit von einem Lieferanten habe. "Das wird uns nicht wieder passieren", sagte Scholz in Anspielung auf die umfangreichen russischen Gaslieferungen der Vergangenheit.

Das Werben für die Wasserstoff-Zukunft ist nicht einfach: Zum einen gibt es Zweifel, ob sich Milliardeninvestitionen wirklich lohnen. In einigen Länder hält sich die Vorstellung, dass man in Zukunft auch mit einem massiven Ausbau der Atomkraft CO2-neutral wirtschaften könne. Zum anderen gibt es einen enormen Zeitdruck. Denn Deutschlands Ziel der Klimaneutralität bis 2045 kann nach Ansicht der Bundesregierung nur erreicht werden, wenn der breitflächige Umstieg auf eine Wasserstoff-Wirtschaft gelingt.

Thyssenkrupp baut für Saudis größten Elektrolysator der Welt

Dazu hat Scholz die Chefs von Firmen mit an Bord, die die Transformation zum neuen Milliardengeschäft an verschiedenen Stellen vorantreiben – wie Siemens Energy, den Hamburger Hafen oder die Thyssenkrupp AG. Die deutsche Industrie will bei dem Thema weltweit Vorreiter werden. Der Bau der nötigen Elektrolyse-Einrichtungen für die Produktion von Wasserstoff soll ebenso zum Milliardengeschäft werden wie das erste völlig CO2-freie Stahlwerk, das bei der Salzgitter AG in Niedersachsen entstehen soll. Und Thyssenkrupp baut in Saudi-Arabien bereits mit an einem der größten Elektrolysator der Welt mit einer Leistung von zwei Gigawatt.

Das Ziel: LNG-Terminals künftig auch für Wasserstoff nutzen

Der Kanzler wirbt dabei mit einer Win-Win-Win-Situation: Gerade Länder, aus denen Deutschland gerne vorübergehend auch LNG-Gas beziehen möchte, könnten mit ihren Exportterminals doch gleich eine Infrastruktur aufbauen, die sie nach dem Ende des fossilen Zeitalters auch für den Verkauf von Wasserstoff nutzen könnten – und Deutschland würde davon auch profitieren.

Für dieselbe Doppelnutzung von LNG und Wasserstoff werden die Terminals an der deutschen Nord- und Ostseeküste gebaut – auch wenn Anlandeterminals technologisch sehr viel einfacher und billiger zu bauen sind als Exporteinrichtungen für Wasserstoff, weil dieser für den Transport extrem heruntergekühlt oder als Ammoniak exportiert werden muss. Der Clou: Mit dem Hinweis auf Wasserstoff lässt sich in Europa besser erklären, wieso doch noch in die Nutzung fossiler Energie investiert werden muss. Und den Golf-Staaten, so die Argumentation, bietet der Umstieg eine Perspektive für das Post-fossile Zeitalter, wenn ihr Gas und Öl nicht mehr gebraucht wird.

rei, dri/Reuters, DPA
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