Ökonomen zum Wahlausgang "Das rot-grün-rote Schreckgespenst ist vertrieben"

Aus Sicht von Ökonomen können Anleger und Unternehmen aufatmen: Ein rot-grün-rotes Bündnis ist vom Tisch. Eine wirtschaftspolitische Wende sei unwahrscheinlich.
Keine rot-grün-rote Bundesregierung: Aus Sicht von Unternehmen und Investoren sei das nur zu begrüßen, sagen Ökonomen

Keine rot-grün-rote Bundesregierung: Aus Sicht von Unternehmen und Investoren sei das nur zu begrüßen, sagen Ökonomen

Foto: Christian Ohde / imago images/Christian Ohde

Starke Gewinne bei der SPD, herbe Verluste für CDU/CSU: Die Sozialdemokraten mit ihrem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz erreichen Hochrechnungen zufolge erstmals seit 2002 wieder die meisten Stimmen bei einer Bundestagswahl, während CDU/CSU nach starken Verlusten so schlecht abgeschnitten haben wie noch nie. Die Regierungsbildung allerdings wird schwer. Den Ausschlag geben werden die zur Nummer drei aufgestiegenen Grünen und die FDP, die sich als viertstärkste Kraft etablieren könnte. Ökonomen sagten in ersten Reaktionen:

"Viele Anleger und Unternehmer dürften erleichtert sein, dass ein rot-grün-rotes Bündnis im neuen Bundestag voraussichtlich keine Mehrheit hat", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Das stärkt die Verhandlungsposition der FDP, ohne die niemand eine stabile Regierung bilden kann." Ein wirtschaftspolitischer Linksschwenk sei damit vom Tisch. Aber auch ein marktwirtschaftliches Reformprogramm sei nun sehr unwahrscheinlich, weil die Grünen als unabdingbarer Partner jeder Koalition wirtschaftspolitisch anders tickten als die FDP. "Eine wirtschaftspolitische Trendwende zeichnet sich damit nicht ab. Ich erwarte am Montag keine wesentlichen Marktreaktionen."

"Ob Ampel, Jamaika oder Minderheitsregierung: Man muss damit rechnen, dass die zukünftige Regierung relativ schwach sein wird"

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft

"Es wird vermutlich nicht für eine Rot-Rot-Grüne-Koalition reichen, damit ist nicht mit einer extremen Umstrukturierung der Wirtschaftspolitik in Deutschland zu rechnen. Aus wirtschaftlicher Sicht, ist dies zunächst eine gute Nachricht", sagt Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IFW). Deutschland stehe nun aber eine schwierige Regierungsbildung ins Haus, die sich über Monate ziehen könnte. "Ob Ampel, Jamaika oder Minderheitsregierung: Man muss damit rechnen, dass die zukünftige Regierung relativ schwach sein wird, weil sich ideologisch stark unterschiedlich positionierte Parteien auf ein Programm einigen müssen."

Eine länger andauernde Lähmung und politische Unsicherheit bedeuteten wirtschaftlich nichts Gutes, vor allem angesichts der enormen anstehenden Zukunftsaufgaben. Weil ohne die Grünen gar nichts gehe, sei mit einer starken Ausrichtung auf Klimapolitik zu rechnen. "Für andere Themen, zum Beispiel das Thema Rentenreform, wird wohl wenig Energie bleiben. Vermutlich wird in jeder Koalition ohne neue Schulden gar nichts gehen, weil man Geld für die Umsetzung wenigstens einiger der Lieblingsprojekte der Koalitionspartner brauchen wird, es aber immer bei einem Partner Widerstand für Strukturreformen geben wird."

"Das größte Risiko aus Finanzmarktsicht ist ausgeräumt"

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank

"An den Finanzmärkten wird der Wahlausgang gelassen aufgenommen werden. Zu einem Linksbündnis wird es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht kommen. Damit ist das größte Risiko aus Finanzmarktsicht ausgeräumt", meint Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Damit stehe aber auch fest: Mit einem deutlichen Bruch der bisherigen Regierungsarbeit sei nicht zu rechnen. Auch der Einzug der SPD ins Bundeskanzleramt würde Kontinuität bedeuten. "Olaf Scholz sind solide Staatsfinanzen wichtig, alleine das wirkt für die Finanzmärkten beruhigend. Und zunächst gilt: Solange die Regierungskoalition noch offen ist, gibt es ohnehin keinen Grund Finanzwetten abzuschließen. Der Euro wird auf die Bundestagswahl keine größeren Reaktionen zeigen."

"Das rot-grün-rote Schreckgespenst ist vertrieben"

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe

Mögliche Koalitionspartner sollten auch über eine Wachstumsagenda für Deutschland sprechen, fordert Alexander Krüger, Chefvolkswirt vom Bankhaus Lampe. Darüber sei im Wahlkampf viel zu wenig gesprochen wurde. Vieles deute auf schwierige und eventuell auch langwierige Koalitionsverhandlungen hin, vor allem im Falle eines Dreierbündnisses. "Um den Kanzler zu stellen, werden CDU und SPD wohl zu den größten Zugeständnissen bereit sein", ist der Ökonom überzeugt. Aktieninvestoren dürften sich über das vertriebene "rot-grün-rote Schreckgespenst" erleichtert zeigen. Unabhängig vom künftigen Politikkurs blieben Sachwertanlagen zentral, da sich an der Nullzinspolitik der EZB in der kommenden Legislaturperiode nichts ändern werde.

rei/Reuters
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