Neue Nachhaltigkeitsrichtlinie Fußball darf nicht dreckig bleiben

Trainingslager in Katar, Pkw-Schlangen vor den Stadien, Müllberge nach dem Spiel – so unbedarft geht es im deutschen Fußball nicht weiter. Die Profiligen sollen nachhaltiger werden, erste Mindestkriterien gelten schon für die Spielzeit 2023/24.
Meisterkonfetti: Um diese Art des Abfallaufkommens müssen sich in Deutschland nur wenige Vereine kümmern

Meisterkonfetti: Um diese Art des Abfallaufkommens müssen sich in Deutschland nur wenige Vereine kümmern

Foto: imago sportfotodienst

Wenn sich Fußball-Fans über die fortschreitende Kommerzialisierung ihres Lieblingssports aufregen, dann fällt oft der Spruch "Fußball muss dreckig bleiben". Doch der damit gemeinte ehrliche und ursprüngliche Umgang mit dem runden Leder findet sich, wenn überhaupt, nur noch in den Amateurklassen. Bei den Profis reagiert dagegen eindeutig das Geld, für Fußballromantiker ist kaum noch Platz.

Nun gibt es für diese jedoch ein wenig Grund zur Hoffnung, denn der Profifußball soll umsteuern und nachhaltiger werden. Die 36 Clubs der Deutschen Fußball Liga (DFL) bekennen sich zu neuen Zielen – ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeitskriterien sollen künftig in den beiden oberen Ligen gelten. Und um zu vermeiden, dass das nicht nur Gerede ist, sollen diese Kriterien sogar Bestandteil des alljährlichen Lizenzierungsverfahrens werden, erstmals für die Zulassung zur Saison 2023/24.

Damit erreicht ein gesellschaftliches Thema nun auch den kommerziellen Fußball mit seinen Clubs, die zumindest in der Spitze schon lange wie professionelle Unternehmen geführt werden und hohe Millionenumsätze generieren. Das Thema Nachhaltigkeit ging dabei jedoch, von wenigen engagierten Einzelaktivitäten abgesehen, zumeist komplett unter. Niemanden schien es offiziell zu stören, wenn das Heimspiel alle zwei Wochen zu kilometerlangen Staus mit entsprechender Luftverschmutzung in der Stadt führte. Keiner machte sich Gedanken, wie viel Energie das gefühlt ständig angeschaltete Flutlicht im Stadion verbraucht. Und kaum jemand hinterfragte, ob das Trainingslager wirklich immer einige Flugstunden entfernt in einem Luxushotel stattfinden muss oder ob das alles nicht auch eine Nummer kleiner in der näheren Umgebung passieren könnte.

Doch hier setzt nun offenbar ein Umdenken ein: Der Fußball soll sauberer werden, diesmal allerdings im wahrsten Sinne des Wortes. Denn laut DFL wird es für die 36 Spitzenclubs künftig verpflichtend, sowohl eine Nachhaltigkeits- als auch eine Umweltstrategie nachzuweisen. Dazu gehören demnach nicht nur detaillierte Angaben zum Wasser- und Energieverbrauch des Vereins, sondern auch die Aufstellung einer Mobilitäts- und Verkehrsanalyse. Zudem wird ein sozialer Verhaltenskodex für alle Mitarbeitenden des jeweiligen Vereins eingefordert.

Sozialzertifizierte Merchandise-Artikel

Berücksichtigt wird dabei, "dass Clubs, die individuell teilweise bereits umfassende Aktivitäten umsetzen, auch künftig mit Fokus auf ihre jeweiligen strategischen Schwerpunkte wirken können." So stellte etwa Bundesligist RB Leipzig im Frühjahr ein eigenen Nachhaltigkeitskonzept vor, das die Klimabilanz aller Aktivitäten des Clubs verbessern, den entstehenden Abfall bei den Spielen reduzieren und auch einen bewussteren Umgang mit der Ressource Wasser ermöglichen soll.

Einen Schritt weiter ist da schon der 1. FC Köln, der bereits vor einem Jahr mit einem TÜV-Zertifikat für nachhaltige Unternehmensführung ausgezeichnet wurde. So wollen die Kölner nun auch ihre rund 100 Firmenfahrzeuge konsequent auf Elektroantrieb umstellen, spätestens 2023 werden alle Merchandise-Artikel des Vereins sozialzertifiziert sein. Und in der vergangenen Saison stand das Heimspiel am 23. April 2022 gegen Arminia Bielefeld unter dem speziellen Motto "Lebe nachhaltig" für ein höheres Nachhaltigkeitsbewusstsein im Sport und in der Gesellschaft.

Einen ungewöhnlichen Weg geht der Zweiligist FC St. Pauli. Da die Hamburger Verantwortlichen keinen nachhaltig und fair produzierenden Ausstatter finden konnten, produziert der Club seine Trikots mittlerweile selbst. Für diese "Do it yourself"-Idee bekam der Kiezclub sogar ein Lob von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Ligakonkurrent 1. FC Nürnberg überzeugt dagegen immer wieder mit neuen Umweltprojekten, darunter einem Konzept zur Regenwassergewinnung. Über eine Zisterne wird das Wasser von den Tribünendächern gesammelt und für die Bewässerung des Rasens genutzt.

Dieses bislang eher individuell und unterschiedlich stark ausgeprägte Engagement einzelner Clubs soll nun einen einheitlichen Handlungsrahmen bekommen. Auch die Finanzkraft wird dabei laut DFL-Angaben eine Rolle spielen, denn ein Champions-League-Teilnehmer hat naturgemäß nicht nur mehr Geld, sondern auch stärkere strukturelle und personelle Mittel zur Verfügung als ein Verein, der gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist.

"DFL Nachhaltigkeitsforum" – aber ohne Fans

Die nun erarbeiteten Richtlinien sollen in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden, finanzielle Anreize sind dabei denkbar, Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote im Bereich Nachhaltigkeit geplant, zudem ist die Etablierung einer Datenplattform für die einzelnen Clubs angedacht.

Gemeinsam mit externen Experten werden zusätzliche Leitfäden und Vorlagen zur Unterstützung der Nachhaltigkeitspläne in und um deutsche Fußballstadien erarbeitet. Dazu gibt es gewiss noch viele offene Fragen der Vereinsvertreter, einige davon könnten bereits am 26. Juli beantwortet werden, denn dann findet erstmals das "DFL Nachhaltigkeitsforum" statt.

Eingeladen dazu sind nicht nur die Clubs der 1. und 2. Bundesliga, sondern auch Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien. Auffällig allerdings ist, dass die DFL niemanden aus der Gruppe willkommen heißt, die den Fußball neben den Akteuren auf dem Rasen am meisten ausmachen – die oft lautstarken und meist auch zahlungskräftigen Fans. Hier müssen die DFL-Nachhaltigkeitsbeauftragten wohl noch lernen, dass zu jedem Konzept nachhaltigen Handelns auch eine soziale Komponente gehört, die stets den Mensch in den Mittelpunkt der Bemühungen rückt.

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