Brexit, Trump und die Frankreich-Wahl Ökonomische Prognosen in Zeiten zerzauster Politik

Die Wirtschaft wächst. Aber das politische Umfeld wandelt sich rapide - und ist kaum noch ausrechenbar. Die Unsicherheit wächst. Mit allerlei Krisen ist im neuen Jahr zu rechnen.
Die drei ... - was eigentlich? Eine Besucherin der jährlichen Pressekonferenz des russischen Präsidenten Wladimir Putin hält am 23. Dezember ein Schild in die Höhe.

Die drei ... - was eigentlich? Eine Besucherin der jährlichen Pressekonferenz des russischen Präsidenten Wladimir Putin hält am 23. Dezember ein Schild in die Höhe.

Foto: DPA

2017 wird kein schlechtes Jahr, so jedenfalls sagen es die gängigen Prognosen voraus. Die Weltwirtschaft wird deutlich schneller wachsen als 2016: Die OECD beispielsweise geht von einem Plus von 3,3 Prozent aus, nach 2,9 Prozent im abgelaufenen Jahr. Auch die deutsche Wirtschaft soll moderat zulegen; die Vorhersagen rangieren zwischen 1,3 Prozent (Sachverständigenrat) und 1,7 Prozent (OECD). Genug, um die Zahl der Jobs weiter steigen zu lassen. Auch in der Eurozone insgesamt soll die wirtschaftliche Erholung weitergehen.

Es ist nur so: Die ökonomischen Prognosen scheinen nicht so recht zu passen zur Weltwahrnehmung 2017, die von zwei Begriffen geprägt ist - Unsicherheit und Krise. Die Welt, so scheint es, ist kaum noch ausrechenbar. Heftige politische Umschwünge und unerwartete Marktreaktionen sind jederzeit möglich.

2016 hat einen Vorgeschmack darauf gegeben. Es war viel los im vorigen Jahr: Börsenturbulenzen in China, Brexit-Referendum, Putschversuch in der Türkei und die repressive Reaktion darauf, Krieg in Syrien und die Rückkehr Russlands ins Zentrum der internationalen Politik, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, die Regierungskrise in Italien nach dem verlorenen Verfassungsreferendum ... Die Aufzählung ließe sich verlängern.

Die Politik wird zum entscheidenden Faktor für die Wirtschaft. Doch die Politik selbst hat längst die bekannten Pfade verlassen. Lässt sich die wirtschaftliche Zukunft überhaupt noch seriös vorhersagen? Sollten ökonomische Vorhersagen ganz andere Faktoren miteinbeziehen? Oder sollten wir das Prognostizieren gleich ganz einstellen?

Zunächst: Prognosen über die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind, anders als häufig unterstellt, alles andere als nutzlos. Sie bilden die Grundlage, auf der staatliche und wirtschaftliche Akteure ihre Pläne für die nähere Zukunft machen. Darauf zu verzichten, wäre keine vernünftige Option.

Doch Prognosen funktionieren am besten in einem stabilen Umfeld. Solange die wirtschaftlichen und politischen Strukturen bleiben wie sie sind, ist die wirtschaftliche Entwicklung, die Beschäftigung oder die Staatsverschuldung für die nähere Zukunft relativ gut vorhersagbar.

Bislang haben all die Überraschungen des Jahres 2016 die Wirtschaft nicht nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen. Was allerdings nicht heißt, dass die ökonomische Entwicklung auch in Zukunft unbeeindruckt von allen politischen Verwerfungen einfach so weiterlaufen wird. Business as usual in einem sich rasch verändernden Umfeld - das wäre tatsächlich überraschend.

Denn die drei Säulen, die bislang für relative Verlässlichkeit gesorgt haben, sind einsturzgefährdet:

  • Die internationale Ordnung verändert sich rapide. Bislang fußte sie auf den USA, der EU und den Institutionen, die sie tragen. Ein grundlegendes Einverständnis dies- und jenseits des Atlantiks sorgte für militärische Stabilität und ökonomische Integration. Nun scheinen die USA unter Trump ihre Rolle als halbwegs berechenbare global agierende Supermacht aufzugeben. Der Zerfall der EU und der Eurozone ist inzwischen vorstellbar. Möglich, dass die Wahlen in Frankreich und in den Niederlanden im Frühjahr EU-Gegner an die Macht bringen, die diesen Prozess beschleunigen. China und Russland schwingen sich derweil zu internationalen Akteuren auf.
  • Die westlichen Demokratien waren über Jahrzehnte stabil, weil sie von etablierten Machtoligopolen durchzogen waren. Die großen Parteien formierten sich in der politischen Mitte. Auf den wichtigsten Politikfeldern herrschte ein breiter Konsens. Die Bürger waren großteils Stammwähler, geprägt von Faktoren wie Milieu und Konfession, und entsprechend berechenbar. Auch die Medienwelt war festgefügt: Fernsehen, Radio und die großen Zeitungen und Zeitschriften bildeten eine wohlstrukturierte öffentliche Meinung ab. All das ist in Auflösung begriffen: Die etablierten Parteien, zumal auf der sozialdemokratischen Seite des Spektrums (nicht nur in Deutschland, auch in Großbritannien, Frankreich oder Spanien), verlieren rapide an Gefolgschaft. Populisten steigen auf und gewinnen Wahlen. Neuen Bewegungen und Aktionsbündnisse gelingt es, der Politik einen neuen Kurs aufzuzwingen, wie die Gegner des Freihandelsabkommens TTIP eindrucksvoll bewiesen haben. Der demokratische Diskurs zerfasert in der digitalen Ära und steigert sich immer wieder in allerlei Erregungsspiralen und Shitstorms.
  • Die Finanzmärkte balancieren eineimmer größere Last von Schulden, die irgendwann aus dem Gleichgewicht zu kippen droht. Warnsignale gibt es immer wieder: aus China, wo die Unternehmen und Privatbürger hochverschuldet sind und die Regierung sich bemüht, Kapitalabflüsse ins Ausland zu stoppen; aus Italien, wo eine Bankenkrise schwelt; aus der Türkei, wo die Währung abwertet, weil internationale Investoren sich zurückziehen; aus den USA, wo die Aussicht auf höhere Staatsdefizite und einen strikteren Kurs der Notenbank die Zinsen steigen lässt. Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise könnte der nächste Crash bevorstehen, zumal wenn es zu heftigen, unvorhergesehenen politischen Umschwünge kommt.

In diesem Umfeld sind Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung schwierig. Es genügt nicht mehr, die Wahlprogramme der mutmaßlich regierenden Parteien zu studieren. Auch die klassischen Wahlprognosen der Meinungsforscher sind wackliger geworden.

Die politischen Rahmenbedingungen, unter denen die Wirtschaft heute arbeitet, orientieren sich zunehmend an Stimmungen. An raschen Umschwüngen der öffentlichen Meinung übrigens, die auch die Finanzmärkte maßgeblich beeinflussen. Es liegt deshalb nahe, die kursierenden Narrative in die Prognosen mit einzubeziehen. Welche Erzählungen treiben die politische Agenda? Welche Probleme und Lösungen, welche Ursachen und Folgen werden thematisiert?

Es lohnt sich, diese Fragen systematisch zu beantworten - insbesondere durch die Analyse von klassischen und sozialen Medien, eben dort, wo heute die öffentliche Meinung geprägt und die politische Agenda formuliert wird.

Die wichtigsten Ereignisse dieser Woche

MONTAG

Wiesbaden - Weihnachtsbilanz - Neue Zahlen: Umsatz des Einzelhandels im Dezember.

DIENSTAG

Nürnberg - Es geht voran, immer noch - Die Bundesagentur für Arbeit gibt die der Arbeitsmarktdaten für Dezember bekannt.

Wiesbaden - Die Preise zum Jahresende - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die erste Schätzung zum Anstieg der Verbraucherpreise im Dezember.

MITTWOCH

Luxemburg - Euro-Inflation - Eurostat legt eine Schätzung zur Preissteigerung im Dezember in der gesamten Eurozone vor.

Seeon - Profilbildung im Schnee - Beginn der traditionellen Winterklausur der CSU-Landesgruppe imBundestag. Auf der Agenda: die Verschärfung der Rhetorik gegen die Flüchtlingsimmigration (bis Freitag).

DONNERSTAG

Frankfurt am Main - Wie weiter mit dem Euro? - Veröffentlichung der Erörterungen bei der EZB-Ratssitzung vom 8. Dezember, die Aufschluss über das Meinungsbild innerhalb des Führungsgremiums geben.

FREITAG

Stuttgart - Was bedeutet heute noch liberal? - Dreikönigstreffen der FDP.

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