Müllers Memo Die Rente mit 76 ist unausweichlich

Mit ihrer "Demografiestrategie" versucht die Bundesregierung, die Bürger sanft auf die Schrumpfung der Gesellschaft vorzubereiten. In Wahrheit werden uns nur radikale Maßnahmen vor der Verarmung bewahren.
Senioren: Höhere Lebenserwartung könnte künftig mit längerer Lebensarbeitszeit einhergehen

Senioren: Höhere Lebenserwartung könnte künftig mit längerer Lebensarbeitszeit einhergehen

Foto: Oliver Berg/ dpa

Großen Themen nähert man sich am besten in sehr kleinen Schritten - in der deutschen Politik ist das eine beliebte Methode. Aufregung vermeiden, Widerstände minimieren, Politik im Schleichgang. Diese Woche wird das wieder mal zu beobachten sein, wenn der Bundesinnenminister Vertreter des Babyboomer-Jahrgangs 1964 zum "Gedankenaustausch" trifft: Am Dienstag will Thomas de Maizière unter anderen eine Managerin, einen Handwerksmeister und eine Bundespolizistin empfangen. Vermutlich heißen sie Sabine, Stefan und Kerstin, wie man damals eben seine Kinder so nannte. Worüber werden sie reden? Über die Demografie.

Darüber, wie der geburtenstärkste Jahrgang der Nachkriegsgeschichte - knapp 1,4 Millionen Menschen wurden vor 50 Jahren hierzulande geboren - die beginnende Alterung und bevorstehende Schrumpfung der Bevölkerung erlebt. Hübsche Fotos soll es geben, Pressestatements, das Übliche.

Das 64er-Event ist Teil der "Demografiestrategie der Bundesregierung", die noch unter Schwarzgelb gestartet wurde mit dem erklärten Ziel, "jedem Einzelnen entsprechend seiner Lebenssituation und seines Alters Chancen zu eröffnen, seine Potenziale und Fähigkeiten zu entwickeln und seine Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen".

Das klingt schön soft und einfühlsam. Im Bericht zur Strategie werden dann auf mehr als 70 Seiten alle möglichen wohlklingenden Maßnahmen aufgezählt: Familien stärken, bessere Arbeit, selbstbestimmtes Leben im Alter, solide Finanzpolitik.

Die Wahrheit ist weniger komfortabel. Wenn die Bundesrepublik den ernsthaften Versuch unternehmen will, sich aus der demografischen Falle zu befreien, dann müssen sich die Deutschen auf zwei ziemlich radikale Veränderungen einstellen:

  • Arbeiten bis ins hohe Alter - die Rente mit 67 müsste zur Rente mit 76 werden;
  • Einwanderung in bislang unbekannter Größenordnung - bis 2050 müssten sich 14 Millionen Ausländer bei uns niederlassen.

Das sagt natürlich kein Politiker, weil es die Bürger verschrecken würde. Gelegentlich tut man sogar das Gegenteil des Notwendigen: So ist sich die schwarzrote Bundesregierung nicht zu schade, die Rente mit 63 einzuführen. Das hat weder mit Nachhaltigkeit noch mit Gerechtigkeit etwas zu tun noch passt es zur "Demografiestrategie". Aber angesichts der guten Wirtschaftslage gibt es der Bundeshaushalt momentan nun mal her.

Die demografischen Zahlen allerdings weisen in die Gegenrichtung: Um zu verhindern, dass die Zahl der Beschäftigten in Deutschland ins Bodenlosen fällt, gibt es zwei Stellschrauben - die Ausdehnung des Arbeitslebens und die massenhafte Zuwanderung.

Gerecht wäre bei höherer Lebenserwartung auch eine längere Lebensarbeitszeit

Die Großväter der 64er gingen um 1970 im Alter von 65 Jahren in Rente und hatten dann noch eine Lebenserwartung von knapp 13 Jahren. Ihre Enkel und Urenkel werden 2030, nach einem meist leichteren und unbeschwerteren Leben, im Alter von 65 eine um zehn Jahre längere Lebenserwartung haben. Warum gehen sie nicht auch zehn Jahre später in Rente? Wäre das nicht gerecht? Sollen etwa die geburtenschwachen jüngeren Jahrgänge für die dann alten Babyboomer schuften?

Bislang ist beschlossen, bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts die Rente mit 67 einzuführen. Immerhin. Aber eigentlich müssten wir Kurs auf die Rente mit 76 nehmen. Angesichts sinkender Rentenniveaus und im Schnitt besseren Gesundheitszustands werden übrigens künftig viele Menschen länger arbeiten wollen. Denn die Alternative - bei schmalen Bezügen ein Viertel Jahrhundert lang darben - ist nicht sonderlich verlockend.

Ob de Maizière darüber beim "Gedankenaustausch" mit Sabine, Stefan oder Kerstin spricht?

Auch was die Zuwanderung angeht, müssten einschneidende Veränderungen her. Vorausberechnungen der Bevölkerungsforscher zeigen an, dass die momentane Immigrationsdynamik lange Zeit anhalten müsste, wenn man die Beschäftigtenzahl dauerhaft stabilisieren will. Derzeit kommen jährlich rund 400.000 mehr Menschen nach Deutschland als fortziehen. Ein im historischen Vergleich hoher Wert - rund doppelt so hoch wie der Durchschnitt der Jahre 1950 bis 2000.

Steigende Einkommen könnten mehr Rentner mitfinanzieren

Um bis 2050 die Nettozuwanderung bei 400.000 im Jahr zu halten, bedarf es erheblicher Anstrengungen. Insgesamt müssten rund 14 Millionen Menschen einen Platz in dieser Gesellschaft finden. Bislang kommen die Neubürger zu drei Vierteln aus dem übrigen Europa. Die kulturellen Hürden sind entsprechend niedrig, die Integration vergleichsweise leicht. Doch dieses Reservoir wird in wenigen Jahren erschöpft sein: weil die Krise dort irgendwann vorbei sein wird und der Abwanderungsdruck entsprechend abnimmt, weil auch dort der Nachwuchs knapp wird.

Um den Zielwert von 400 000 zu erreichen, müsste Deutschland eine aktive Einwanderungspolitik betreiben, die in Ländern mit hohen Geburtenraten ansetzt: in Indien beispielsweise oder in Teilen Afrikas. Länder mit größerer kultureller Distanz zu uns. Der Integrationsaufwand wäre erheblich. Auf jeden Fall würde eine Einwanderung in dieser Größenordnung diese Gesellschaft gründlich verändern.

Sicher, es gibt noch eine weitere Handlungsoption gegen die demografische Falle: die Steigerung der Produktivität. Rasch steigende Einkommen könnten locker eine größere Zahl von Ruheständlern mitfinanzieren. Denkbar, dass die heraufziehende Roboterrevolution solche Produktivitätssprünge ermöglicht. Aber das ist reines Wunschdenken: Der tatsächlich gemessene Produktivitätsfortschritt ist überall im Westen fast zum Erliegen gekommen.

Ein "Gedankenaustausch" über die demografischen Aussichten sollte sich nicht auf das Wünschenswerte beschränken, sondern das Notwendige und das Machbare ins Visier nehmen. Wer sich immer nur in sehr kleinen Schritten voranbewegt und manchmal sogar rückwärts (wie bei der Rente mit 63), der kommt nie ans Ziel.

Die Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

WASHINGTON - Amerikas weitere Aussichten - Der IWF veröffentlich seinen Bericht über die US-Wirtschaft. Zeitgleich berichten die US-Statistiker über die Industrieproduktion im Mai.

SALVADOR/BRASILIEN - La Ola - Bundeskanzlerin Angela Merkel absolviert Termine am Rande des deutschen WM-Auftakts.

DIENSTAG

BERLIN - Gedanken der Babyboomer - Innenminister de Maizière spricht mit ausgewählten 50-Jährigen über deren Haltung zu demografischen Fragen.

WASHINGTON/LONDON - Inflation im Anzug? - Während in Europa wieder mal das Deflationsgespenst spukt, gibt es neue Zahlen zum Anstieg der US-amerikanischen und der britischen Verbraucherpreise.

TOKIO - Autoriese unter Druck - Toyota bittet zur Hauptversammlung.

MITTWOCH

ESSEN - "Big T" in Trouble - Fortsetzung des Prozesses vor dem Landgericht Essen gegen den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wegen des Vorwurfs der Untreue

WASHINGTON - Tapering in Action - Der Offenmarktausschuss der US-Notenbank Fed entscheidet über den Kurs. Chairwoman Janet Yellen berichtet der Presse. Allmählich sei es Zeit für eine schnellere Straffung, meinen die Volkswirte der Commerzbank.

DONNERSTAG

BERLIN - Überschuss-Frage - US-Finanzminister Jacob Lew besucht Deutschland und dürfte sich wieder mal deutlich über den deutschen Leistungsbilanzüberschuss beschweren.

LUXEMBURG - Regierung von Euro-Land - Eine Woche vor dem EU-Gipfel, bei dem die Regierungschef sich gegenseitig ihre Wirtschaftspolitik absegnen ("Europäisches Semester"), treffen sich die Finanzminister der Euro-Zone.

FREITAG

LUXEMBURG - Geldfragen - Treffen der Finanzminister der gesamten EU.

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