Samstag, 19. Oktober 2019

Deutschlands führende Volkswirtin "Wir sind schon viel besser geworden"

Monika Schnitzer

Sie müssen harsche Schelte von Politikern einstecken, ihre Theorien stehen in der Kritik. Wie können sich Wirtschaftsprofessoren heute profilieren und zu Lösungen beitragen? Ein Interview mit Monika Schnitzer, bis Ende 2016 Vorsitzende des größten deutschen Ökonomenclubs, über die Zukunft ihrer Zunft.

Monika Schnitzer
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    Monika Schnitzer war bis Ende 2016 Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, des größten deutschen Ökonomenclubs. Die 54-Jährige ist seit 2001 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums, zwischenzeitlich stand sie der EU-Kommission in Wettbewerbsfragen bei.
    Seit 1996 ist sie Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort setzt sie sich vor allem mit Wettbewerbspolitik und internationalen Handelsbeziehungen auseinander.

Monika Schnitzer nimmt Platz an einem Ecktisch der Ständigen Vertretung am Flughafen Köln/Bonn, einem Ableger des Berliner Polit-Lokals. Gerade kommt sie von einem Termin mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn, in anderthalb Stunden muss sie zum Flugzeug nach München. Die Münchener Ökonomie-Professorin war bis Ende 2016 Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik und damit des mitgliederstärksten Ökonomen-Verbandes im deutschsprachigen Raum. Eines ihrer Ziele: den Draht der Volkswirte zur Politik verbessern.

manager-magazin.de: Frau Prof. Schnitzer, hier in der Ständigen Vertretung hängen unzählige Fotos von Kanzlern und Ministern. Eines zeigt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der Ökonomen abschätzig als "sogenannte Experten" tituliert. Wirtschaftsminister Gabriel und Kanzlerin Merkel sind in der Vergangenheit ebenfalls dadurch aufgefallen, über Volkswirte zu lästern. Haben sich Politiker und Ökonomen entfremdet?

Monika Schnitzer: Ich habe da einen anderen Eindruck. Wenn Politiker mit uns Forschern persönlich sprechen, ist das Verhältnis ganz anders als vor laufender Kamera. Wir führen sehr konstruktive Gespräche.

mm.de: Achim Wambach, seit Januar Ihr Nachfolger als Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, musste sich von Sigmar Gabriel schon anhören, er agiere in der Energiepolitik "abenteuerlich" und "blauäugig". Ist das auch konstruktiv?

Schnitzer: Zum Teil können Volksvertreter unsere Vorschläge nicht direkt aufgreifen, zum Beispiel weil sie auf ihren Koalitionspartner oder ihre Stammwähler Rücksicht nehmen müssen. Das wissen wir und gerade deshalb müssen wir Volkswirte, um gehört zu werden, öffentliche Debatten manchmal pointierter führen, als wir es im persönlichen Umgang tun.

mm.de: Das klingt, als wären die Streitereien nur Show. Dabei gibt es auch Volksvertreter, die ganz sachliche Argumente gegen Ihre Zunft ins Feld führen - etwa in Bezug auf Konjunkturprognosen. Die Vorhersagen weichen laut Studien um einen Prozentpunkt von der späteren Entwicklung ab. Erwarten Forscher ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent, liegt es also im Schnitt nur bei einem Prozent. Wie können Ökonomen hier genauer werden?

Schnitzer: Unsere Berechnungen sind schon viel besser geworden. Aber das bedeutet nicht, dass wir in Zukunft perfekte Prognosen liefern werden. Wirtschaftsvorhersagen werden immer Unwägbarkeiten beinhalten, weil es um menschliches Handeln geht. Das ist manchmal nicht erwartbar. Wer hat schon mit dem Brexit gerechnet, der jetzt die Konjunktur belastet?

mm.de: Trotzdem geben Ihre Kollegen weiterhin sogenannte Punktprognosen ab und beziffern auf die Nachkommastelle genau, wie stark die Wirtschaft zulegen oder schrumpfen wird. Ist das noch sinnvoll?

Schnitzer: Kein verantwortungsvoller Ökonom glaubt, die Zukunft exakt voraussagen zu können - übrigens auch nicht die Konjunktur-Kollegen, die um die Ungenauigkeiten der Punktprognosen wissen. Deswegen nutzen manche Forscher auch sogenannte Intervallprognosen, die eine Spanne darstellen - beispielsweise, dass die Wirtschaft zwischen einem halben und einem Prozent wachsen wird. Wie bei einer Wahlprognose wird dann die Ungenauigkeit deutlich, aber für solche Details interessiert sich keiner. Es wird nun mal eine einzige Zahl eingefordert, die die Kollegen liefern müssen.

mm.de: Mit dem immer stärkeren Einsatz von mathematischen Methoden suggeriert die Volkswirtschaftslehre doch gerade, sie sei eine exakte Wissenschaft. Ist das alles nur Schein?

Schnitzer: Es ist gut, dass die Mathematik einen höheren Stellenwert in der Ökonomie hat als früher. Aber sie stellt nicht Absolutheit her - sondern Transparenz. Unsere Berechnungen und Modelle zwingen uns dazu, klar und logisch zu argumentieren und dabei die zugrundeliegenden Annahmen offenzulegen. Forschern, die nur Texte verfassen und keine mathematischen Modelle anwenden, ist manchmal selbst nicht klar, welche impliziten Annahmen sie eigentlich machen.

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