mm-Konjunkturindikator Der gefühlte Aufschwung ist echt

Von Carsten-Patrick Meier
Gute Auftragslage: Die deutsche Wirtschaft wächst schneller als ihr langfristiges Potenzial

Gute Auftragslage: Die deutsche Wirtschaft wächst schneller als ihr langfristiges Potenzial

Foto: Dmg Mori Seiki/ picture alliance / dpa

Gerade haben meine Kollegen in den großen Wirtschaftsforschungsinstituten ihre Sommerprognosen für die Konjunktur veröffentlicht. Nahezu überall wurde der für das laufende Jahr erwartete Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) gesenkt, wenn auch zumeist nur geringfügig. Die Konsens-Schätzung dürfte derzeit bei 1,8 Prozent liegen; im April hatte die Gemeinschaftsdiagnose noch 2,1 Prozent prognostiziert.

Hintergrund der Abwärtsrevision ist, dass das Bruttoinlandsprodukt laut Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung des Statistischen-Bundesamtes im ersten Quartal um einiges langsamer gestiegen ist als zunächst erwartet worden war.

Wie plausibel ist ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent im laufenden Jahr vor dem Hintergrund des gesamtwirtschaftlichen Umfelds? Das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft dürfte jährlich um rund 1,5 Prozent wachsen, hauptsächlich aufgrund von technisch-organisatorischem Fortschritt, der die Arbeitsproduktivität steigen lässt.

Den Prognosen zufolge steigt das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr also schneller als das Produktionspotenzial, die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten werden also stärker ausgelastet. Eine solche Entwicklung wird gemeinhin als "Aufschwung" bezeichnet.

Dass sich die deutsche Wirtschaft im Aufschwung befindet, dürfte dem Gefühl der meisten Menschen hierzulande entsprechen. Immerhin ist die Arbeitslosigkeit nicht hoch und der Dax  nicht im Keller. Der Sache nach stimmt das Bild insofern mit der Intuition überein.

Aber stimmen auch die Größenordnungen?

Mit 1,8 Prozent würde das reale BIP zwar stärker steigen als das Produktionspotenzial, aber doch nur ein ganz, ganz kleines bisschen stärker. Klar, das ist ein Aufschwung - aber doch ein sehr schwacher, blutleerer.

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Der mm-Konjunkturindikator: 3,0 Prozent für 2016

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Entspricht das der gefühlten Wirtschaftslage? Immerhin ist die Arbeitslosigkeit nicht nur "nicht hoch", sondern so niedrig wie seit zwanzig Jahren nicht und Beschäftigung und Löhne steigen weiter kräftig.

Und der Dax  ist nicht nur "nicht im Keller", sondern hat gerade vor ein paar Wochen eine neue Rekordmarke gerissen, was darauf hindeutet, dass der Anstieg von Löhnen und Beschäftigung nicht primär auf Kosten der Gewinne verläuft.

Und haben wir nicht seit nunmehr fünf Jahren Ultraniedrigzinsen, die nach traditioneller ökonomischer Lehre (vergleiche Wicksell, Keynes, Hayek, Friedman, …) irgendwann einmal in einen ultrastarken Boom führen sollten?

Und ist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wegen der Abwertung des Euro  nicht derzeit so hoch wie nie in der Nachkriegszeit?

Und ist der Weltmarktpreis für Rohöl  nicht so niedrig wie zuletzt vor acht Jahren?

Und ist - vielleicht auch wegen der niedrigen Energiekosten - die Anschaffungsneigung der privaten Haushalte nicht auf dem höchsten Wert seit Beginn der Befragungen durch die GfK im Jahr 1972?

Und weiß sich nicht Herr Schäuble, unser Finanzminister, gar nicht zu retten vor den weit über Plan, in manchem Monat mit zweistelligen Raten, sprudelnden Steuereinnahmen?

Und sind nicht sogar "Wackelkandidaten" der Währungsunion, wie Spanien, Portugal oder Italien mittlerweile auf dem Weg der konjunkturellen Erholung - das "Grexit-Risiko" allein kann doch unmöglich die Dynamik in Deutschland so stark zurückhalten?

Der mm-Indikator, der die genannten Faktoren berücksichtigt, nicht jedoch die aktuellen - aber stark revisionsanfälligen - Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, kommt jedenfalls zu einem günstigeren Urteil über die Stärke des Aufschwungs. Sein Juli-Wert taxiert den Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts im laufenden Jahr auf 2,9 Prozent. Er liegt damit sogar etwas höher als in den vergangenen Monaten.

Hintergrund dafür ist u. a. die relativ günstige Einschätzung der Geschäftslage durch die vom DIHK im Mai befragten Unternehmen. Mit einem BIP-Anstieg von 1,5 Prozentpunkten oberhalb des Wachstums des Produktionspotenzials kann klar von einem Aufschwung, ja von einem kräftigen Aufschwung gesprochen werden. So, wie es die Intuition derzeit nahelegt.


Wenn Sie jetzt wissen wollen, was von der deutschen Wirtschaft 2015 zu erwarten ist, haben Sie mit dem mm-Indikator das brauchbarste Instrument - aktuell und ungefiltert.

Direkt zum mm-Konjunkturindikator: Hier sehen Sie die Prognosen auf einen Blick


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