mm-Konjunkturindikator Die deutsche Wirtschaft wirkt zunehmend überhitzt

Von Carsten-Patrick Meier
Straßenbau in der Sommerhitze: Auch die konjunkturellen Überhitzungserscheinungen nehmen zu

Straßenbau in der Sommerhitze: Auch die konjunkturellen Überhitzungserscheinungen nehmen zu

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Zur Jahresmitte 2015 sieht der mm-Indikator die deutsche Wirtschaft in einem kräftigen Aufschwung. Um 3 Prozent dürfte das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr steigen. Dies entspricht auch unserer Konjunkturprognose, die wir gerade veröffentlicht haben (www.kiel-economics.de ). Darin setzen wir uns unter anderem damit auseinander, inwieweit wir derzeit von der Mehrheitsmeinung unter den Konjunkturbeobachtern abweichen und warum.

Einer - natürlich holzschnittartig vereinfachten - Zusammenfassung zufolge sieht diese Mehrheitsmeinung die deutsche Wirtschaft seit der Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008/2009 einen flachen Wachstumspfad entlang "stolpern", immer wieder zeitweise zurückgeworfen durch das Aufflammen der Euro-Krise oder anderer außenwirtschaftlicher Verwerfungen, deren Überwindung dann auch mal eine etwas stärkere Dynamik freisetzt.

Eine wichtige Herausforderung liegt dieser Sicht zufolge in der Stabilisierung des externen Umfelds, nicht zuletzt Griechenlands. Gelänge dies, so winkten für die kommenden Jahre moderate, aber spannungsfreie Zuwächse; die Wirtschaftspolitik könnte sich auf die Anhebung des Potentialwachstums konzentrieren.

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Der mm-Konjunkturindikator: 3,0 Prozent für 2016

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So prognostiziert etwa die Gemeinschaftsdiagnose  für den Zeitraum von 2014 bis 2019 einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 1,5 Prozent pro Jahr bei geschlossener gesamtwirtschaftlicher Produktionslücke und einem Preisauftrieb von ebenfalls 1,5 Prozent; sie empfiehlt der Politik die Senkung von Steuern zur Hebung der Arbeitsanreize.

Unserer Ansicht nach unterschlägt dieses Bild einen wichtigen Aspekt: die für Deutschland seit nunmehr mindestens fünf Jahren zu expansive Geldpolitik. Spätestens seit 2010 führt die Orientierung der Europäischen Zentralbank (EZB) an der konjunkturellen Lage im gesamten Euro-Währungsgebiet dazu, dass das Zinsniveau im Euro-Raum für die deutsche Wirtschaft zu niedrig ist.

Die Funktionsweise der Währungsunion bringt dies mit sich in einer Situation, in der ein Teil der Teilnehmerländer die Nachwirkungen eines außergewöhnlichen Booms und des nachfolgenden Zusammenbruchs verarbeitet, dies lässt sich nicht ändern.

Überlegungen von so eminenten, aber durchaus unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Lagern zugehörigen Ökonomen wie Friedrich August von Hayek, John Maynard Keynes oder Milton Friedman zufolge wäre nun zu erwarten, dass sich eine derart lange Phase expansiver Geldpolitik in einer starken Stimulation der gesamtwirtschaftlichen Aktivität und dem darauf folgenden steigenden Preisauftrieb niederschlägt, zumal die Niedrigzinsphase im Prognosezeitraum weiter andauern dürfte.

Die Politik sollte eine Überhitzung wie in Spanien oder Irland vermeiden

Auch die jüngeren Erfahrungen von Ländern wie Spanien, Irland oder Griechenland, deren nominale und reale Zinsen durch den Beitritt zur Europäischen Währungsunion massiv gesenkt wurden, deuteten in diese Richtung.

Das ist auch unsere Prognose. Die deutsche Wirtschaft ist demnach gegenwärtig mitten in einer äußerst kräftigen Aufschwungsphase.

Angetrieben durch das extrem niedrige Zinsniveau und die im historischen Vergleich rekordhohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Ausland - hier wirkt sich die expansive Geldpolitik neben den Zinsen ebenfalls aus - werden sowohl die Investitionen und der Konsum als auch, wenn auch in geringem Maße, die Ausfuhr im laufenden Jahr und verstärkt noch in den nächsten Jahren sehr kräftig expandieren.

Die Zunahme der Beschäftigung wird sich dabei weiter beschleunigen. Damit wird die Knappheit von Arbeitskräften trotz fortgesetzter Zuwanderung aus dem Ausland und einer weiter anziehenden Erwerbsneigung zunehmen, was für sich genommen den Aufwärtsdruck auf die Löhne erhöht. Auf den Preisauftrieb schlägt der sich spürbar beschleunigende Lohnanstieg im Prognosezeitraum jedoch aufgrund der hohen Produktivitätszuwächse nur bedingt durch.

Die damit verbundenen Risiken für den Preisauftrieb und vor allem für die Finanzstabilität sind nach meinem Urteil die eigentliche Herausforderung für die Wirtschaftspolitik in den kommenden Jahren. Sie sollte bestrebt sein, eine konjunkturelle Überhitzung wie in Spanien oder Irland nach Kräften zu verhindern. Tatsächlich muss die Wirtschaftspolitik zunehmenden konjunkturellen Überhitzungserscheinungen nicht tatenlos zusehen.

Mit der Finanzpolitik und den neugeschaffenen "makroprudentiellen" Politikinstrumenten für Bundesbank und Bafin stehen ihr hinreichende Instrumente zur Verfügung, um den Autonomieverlust bei der Geldpolitik auszugleichen. Freilich muss sie dafür erkennen, dass ein gesamtwirtschaftliches Steuerungsproblem vorliegt - dabei hilft der mm-Indikator - und eine aktive Rolle bei dessen Lösung annehmen.


Wenn Sie jetzt wissen wollen, was von der deutschen Wirtschaft 2015 zu erwarten ist, haben Sie mit dem mm-Indikator das brauchbarste Instrument - aktuell und ungefiltert.

Direkt zum mm-Konjunkturindikator: Hier sehen Sie die Prognosen auf einen Blick


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