Negativfaktor Deutschland Warum "German free" international zum Werbeslogan wird
Immer nur Vorträge: WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala (l.) und die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock
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Im August 1887 wurde in Großbritannien der "Merchandise Marks Act" beschlossen. Produkte aus Deutschland wurden fortan mit dem Schriftzug "Made in Germany" gebrandmarkt. Dieses Kainsmal wandelte die deutsche Industrie über die Jahrzehnte in ein globales Gütesiegel für deutsche Qualität und Zuverlässigkeit.
Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Aber sie reimt sich, wie der Ökonom Barry Eichengreen (71) süffisant bemerkte. In diesem Fall lautet der Refrain "German free": Hersteller und Foren werben seit einiger Zeit damit, dass ihre Produkte "German free" sind, also keinerlei Bauteile aus Deutschland enthalten. Das gilt insbesondere für die Sicherheits- und Verteidigungstechnologie. Dort drängt die Konkurrenz die deutschen Anbieter mit diesem Label schon etwas länger an die Seite. Und es steht zu befürchten, dass "German free" auch auf anderen Märkten zum Werbeslogan wird. Zumindest tun wir sehr viel dafür: Wir moralisieren uns aus bestimmten Segmenten, wir preisen uns aus bestimmten Märkten, und wir dilettieren uns aus bestimmten Technologien.
Stichwort Moral: In der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ist der Schaden bereits entstanden. Die ideologische und zugleich erratische wie dilatorische Genehmigungspolitik der Deutschen bei Rüstungsexporten nervt nicht nur Industriepartner wie Frankreich, Spanien oder Italien. Sie ist zum Absatzförderungsprogramm für die Konkurrenz geworden. Die jüngste Großbestellung der polnischen Regierung in Südkorea hat das gezeigt. Polen hat klargemacht, dass man dort nicht wegen deutlich günstigerer Preise bestellt hat, sondern weil man die Unberechenbarkeit der Deutschen bei Exporten fürchtet.
Auch in anderen Segmenten tut die Ampelregierung viel dafür, sie "German free" zu machen. Der Vorstoß von Wirtschaftsminister Robert Habeck (54; Grüne), die Investitionsgarantien des Bundes künftig an die Erfüllung der klimapolitischen Sektorleitlinien Deutschlands zu koppeln, wird genau diesen Effekt haben. Käufer in Afrika, Asien und Lateinamerika werden sich genau überlegen, ob sie die ewigen Belehrungen aus Deutschland in Produkte verbaut importieren wollen. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang ein Satz der aus Nigeria stammenden Generaldirektorin der World Trade Organization (WTO), Ngozi Okonjo-Iweala (69), im September bei der Botschafterkonferenz des Auswärtigen Amtes: "When we talk to China, we get an airport; when we talk to Germany, we get a lecture." Okonjo-Iweala war von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (42; Grüne) als Ehrengast eingeladen worden.
Ngozi Okonjo-Iweala, Generaldirektorin der World Trade Organization, aus Nigeria
Stichwort Preise: Die Chemiekonzerne BASF und Lanxess geben die Produktion von Ammoniak in Deutschland teilweise auf. Zu den Energiepreisen hierzulande sei das wirtschaftlich nicht mehr möglich, begründeten sie die Entscheidung. Damit ist dieser Markt "German free". Die riesigen Mengen, mit denen die beiden Unternehmen die Weltmärkte versorgen, werden nun fast komplett aus China kommen. Mit dem Effekt, dass der CO2-Ausstoß bei der Produktion in etwa um Faktor zehn steigen wird. Ammoniak wird in China deutlich weniger umweltfreundlich hergestellt als in Deutschland.
Stichwort Technologie: In Berlin und München, aber auch in selbst ernannten Hightech-Metropolen wie Heilbronn sprechen aktuell alle davon, wie strategisch und beherzt man das Thema "digitale Souveränität" angehe. Innenministerin Nancy Faeser (53; SPD) misstraut offenkundig den Amerikanern und will deswegen nur heimische Software für die Polizei – und das gegen den ausdrücklichen Willen von deren Spezialisten. Auch die Bundeswehr scheint den Amerikanern zu misstrauen und will, anders als die meisten Partner, keine Software für Aufklärung und Gefecht aus dem Ausland nutzen und lieber selbst etwas basteln. Und alle misstrauen den Cloudanbietern, weswegen sich nun der Handelsriese Lidl aufmacht, den Amazons und Googles mal richtig Paroli zu bieten.
Es wird dabei völlig vergessen, wo die führenden globalen Techfirmen stehen und dass dieser Vorsprung in einem deutschen Alleingang nicht einholbar ist. Anstatt sich mit den führenden Unternehmen zusammenzutun und gemeinsam Software zu entwickeln, die unseren Erwartungen Rechnung trägt, verlieren wir wieder Zeit mit digitalem Dilettantismus. Moderne Software wird auch künftig vor allem eins sein: "German free".
Bislang trifft dieser dreifache Trend, zumindest öffentlich sichtbar, vor allem Großkonzerne. Aber die Auswirkungen werden, nach und nach, auch stärker bei den kleinen spürbar. Das Ausland schaut dem Treiben jedenfalls teils belustigt, teils besorgt, teils beschämt zu. Mein Vorschlag für ein neues Label: "Mad in Germany".