Donnerstag, 17. Oktober 2019

Politisches Sommer-Beben nach Rückzug aus Nationalmannschaft Rücktritt von Mesut Özil löst europaweit Reaktionen aus

Mesut Özil: Der Missverstandene
Getty Images

Der Rücktritt Mesut Özils und seine spektakuläre Begründung dafür werden zum Politikum. Politiker über alle Partei- und Landesgrenzen hinweg, selbst Schriftsteller äußern sich zu diesem einmaligen Vorgang. Die Debatte in Deutschland über Integration und Rassismus hat auf einmal ein prominentes Beispiel.

Nach dem Rücktritt Mesut Özils aus der deutschen Fußballnationalmannschaft und seiner scharfen Kritik am Deutschen Fußball-Bund haben sich türkische Regierungspolitiker auf die Seite des Fußballers geschlagen. Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb am Sonntagabend auf Twitter: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen." Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln bei Twitter, weil dieser mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde. Weiter schrieb er: "Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!"

Özil hatte am Sonntag die im Mai entstandenen Fotos mit Erdogan verteidigt. In drei Stellungnahmen übte er zudem unter anderem scharfe Kritik am DFB sowie an Sponsoren und Medien - und verkündete seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

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Bild: REUTERS, TWITTER

"Berechtigte Kritik darf nicht in eine pauschale Abwertung umschlagen"

Auch Politiker aus Deutschland reagierten auf die jüngsten Aussagen Özils. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), schrieb bei Twitter, es sei "gut, dass sich Özil endlich erklärt hat". Und weiter: "Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssen sich Nationalspieler Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben." Diese berechtigte Kritik dürfe aber nicht in eine pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.

"Wir gehören zusammen und wir akzeptieren Rassismus never ever."

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) schrieb, es sei ein "Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt".

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel bedankte sich bei Özil "für 92 Spiele und 23 Tore für die Nationalmannschaft. Schade, dass es nicht weiter geht." An "alle Bürgerinnen und Bürger mit unterschiedlichen Wurzeln" schrieb er zudem: "Wir gehören zusammen und wir akzeptieren Rassismus never ever."

"Du warst und bist immer ein Gewinner, Özil"

Der in der Schweiz lebende Schriftsteller und Bestsellerautor Paulo Coelho schrieb auf Twitter: "Egal was sie sagen, Du warst, bist und wirst immer ein Gewinner sein, Özil."

Paul Ziemiak (CDU), Vorsitzender der Jungen Union, warf Özil vor allem politische Naivität vor. "Niemand Vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdogan - mitten im türkischen Wahlkampf - ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv", sagte er der "Bild"-Zeitung.

"Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte"

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagte der "Bild": "Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland." Er wünsche sich "ein klares Bekenntnis zu unseren Werten" - "gerade gegenüber jemandem" wie Erdogan.

Der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour nannte das Treffen von Özil und Erdogan einen großen Fehler, "auch wenn's Özil nicht einsieht". Er sagte aber auch: DFB-Präsident Reinhard Grindel hätte gehen sollen, nicht Özil.

Ähnlich äußerte sich auch sein Parteikollege Cem Özdemir. Özils Foto bleibe falsch und seine Erklärung überzeuge nicht, schrieb er. Zugleich betonte Özdemir: "Es ist fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf. Leistung gibt es nur in Vielfalt, nicht in Einfalt. So sind wir 2014 Weltmeister geworden. Und Frankreich jetzt." Das Agieren der DFB-Spitze sei mindestens ebenso desaströs. "Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte." Der DFB brauche einen Neubeginn.

In die gleiche Richtung äußerte sich Der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe: "Der Rücktritt von Özil ist beschämend für das Land und erbärmlich für den DFB. Zurücktreten müssen eigentlich Bierhoff und Grindel, die sich nicht nur hinter Özil verstecken, sondern auch Ressentiments Vorschub geleistet und einen Spieler zum Freiwild gemacht haben."

rei/aar/dpa/afp

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