Impfgipfel Merkel und Spahn wollen Sputnik V für Deutschland bestellen

Bund und Länder bereiten sich wegen der dritten Welle darauf vor, die Corona-Notbremse zu ziehen. Umso wichtiger wird ein schnelleres Impftempo. Auf dem Impfgipfel verspricht die Bundeskanzlerin immerhin stetige Lieferungen.
Wieder verfügbar: Spritzen mit Astrazeneca-Impfstoff in Erfurter Impfzentrum am Freitag

Wieder verfügbar: Spritzen mit Astrazeneca-Impfstoff in Erfurter Impfzentrum am Freitag

Foto: Michael Reichel / dpa

Angesichts rasch steigender Infektionszahlen haben sich Bund und Länder in der Corona-Pandemie auf eine neue Impfstrategie mit den Hausärzten verständigt. Wegen der zunehmenden Impfstofflieferungen könnten neben den Impfzentren auch die Arztpraxen mit zunächst einer Million Dosen in der Woche versorgt werden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) am Freitagabend nach einer Telefonkonferenz mit Ländervertretern. Die wöchentliche Menge für die Hausärzte verdreifacht sich dann in der letzten Aprilwoche.

"Wir können schneller und flexibler werden", sagte Merkel. Deutsche Gründlichkeit werde um mehr Flexibilität ergänzt. "Die Devise lautet: Impfen, Impfen, Impfen." Allerdings werde man Lockerungen der Corona-Auflagen auch zunächst wieder zurücknehmen müssen. "Wir werden leider auch von dieser Notbremse Gebrauch machen müssen", betonte sie mit Blick auf den Bund-Länder-Gipfel am Montag. Drastischer drückte es der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (58) zuvor auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) aus: "Man kann es drehen und wenden, wie man will. Wir müssen zurück in den Lockdown."

Das Robert-Koch-Institut (RKI) sieht die Zahl der Corona-Fälle exponentiell wachsen. Es sei sehr gut möglich, dass die Lage um Ostern ähnlich sei wie vor Weihnachten mit sehr hohen Fallzahlen und vielen Corona-Patienten in den Krankenhäusern, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade. "Verbringen Sie die Ostertage nur im engsten Kreis", appellierte er an die Bevölkerung und forderte einen Verzicht auf Reisen. "Es stehen uns schwere Wochen bevor."

15 Millionen Dosen pro Monat - und Extradosen für Grenzgebiete

Deutschland rechnet im April insgesamt mit rund 15 Millionen Impfdosen, nachdem der Astrazeneca-Stoff wieder freigegeben ist. Noch in der Vorwoche hatte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (62, SPD) sogar 10 Millionen Dosen pro Woche in Aussicht gestellt. Die Impfzentren sollen stabil jede Woche 2,25 Millionen Dosen erhalten. Dazu kommen die Kontingente für die Hausärzte, später auch Betriebsärzte. Für die 50.000 Hausarztpraxen sind dies zunächst jeweils nur 20 Dosen pro Woche. An der Impfpriorisierung für Ältere und Kranke soll sich grundsätzlich nichts ändern. Jedoch würden die Ärzte besonders anfällige Patienten am besten kennen und diese gezielt zum Impfen einladen.

Der Hausärzteverband kritisierte den geplanten Starttermin für Impfungen in den Praxen als zu spät. Es sei unerklärlich, warum Hausärzte "erst irgendwann im April einsteigen und dann auch nur übrig gebliebenen Impfstoff verimpfen sollen", sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, der Funke Mediengruppe laut Vorabbericht. "Wir stehen zum Impfen bereit - und wollen keine Resterampe werden."

Da Deutschland von Biontech fast 600.000 Dosen extra bekommt, sollen diese in Gebieten mit besonders hohen Infektionszahlen und Virusvarianten eingesetzt werden. Dies gilt etwa für Regionen in Bayern, Sachsen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. Teilweise sollen hier ebenfalls die Hausärzte impfen.

Russen rechnen mit EU-Zulassung erst nach Juni

Ähnlich wie zuvor schon Bundesgesundheitsminister Spahn sprach sich auch Merkel für den Einsatz des russischen Impfstoffs Sputnik V aus, wenn dieser eine Zulassung für Deutschland erhalte. Sollte die EU keine Bestellungen aufgeben - wofür es keine Anzeichen gebe - werde dies Deutschland auch alleine tun, sagte Merkel. Spahn hatte davon gesprochen, dass schon bald erste Verträge geschlossen werden könnten.

Der russische Staatsfonds RDIF erwartet jedoch keine rasche Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). "Wenn eine Zulassung kommt - voraussichtlich nach Juni - könnten wir innerhalb von drei, vier Monaten etwa 100 Millionen Dosen für 50 Millionen Menschen in der EU liefern", sagte der RDIF-Chef Kirill Dmitrijew (45) in einem Interview der "Berliner Zeitung" (Samstagausgabe). Russland erwarte, dass nach Ungarn weitere EU-Staaten Sputnik V direkt zulassen könnten - unabhängig von der EMA-Entscheidung.

"Diesen Ländern könnten wir Impfstoffe noch im April senden", sagte Dmitrijew. "Wir erwarten jetzt eine EMA-Delegation für Mitte April, und wir hoffen, dass die Entscheidung über Sputnik V eine rein wissenschaftliche sein wird und keine politische."

Dmitrijew bestätigte der Zeitung Pläne für die Produktion des Präparats in Deutschland und anderen EU-Staaten. So gebe es Verhandlungen über eine Produktion des Impfstoffs in den Anlagen des russischen Pharmaunternehmens R-Pharm im bayerischen Illertissen. Dort würden Arzneimittel für 150 Länder weltweit produziert. R-Pharm hatte auch den Antrag zur Zulassung von Sputnik V bei der EMA gestellt. Es gebe zudem "Vorvereinbarungen mit zwei anderen Produzenten in Deutschland" sowie mit Spanien und Frankreich, sagte Dmitrijew dem Blatt.

Schnelle Impfungen gelten als einziger Ausweg aus der dritten Welle der Pandemie, die sich immer schneller aufbaut. Immer mehr Bundesländer liegen inzwischen wieder über der als "Notbremse" eingezogenen Inzidenz-Marke von 100, also 100 Fällen über eine Woche täglich auf 100.000 Einwohner. Ab dieser müssen eigentlich nach Bund-Länder-Beschluss die Öffnungen von Anfang März wieder zurückgenommen werden. Einige Länder sind hier aber zögerlich. Hamburg jedoch zog die Bremse: Unter anderem müssen in dem Stadtstaat der Einzelhandel, körpernahe Dienstleistungen sowie Museen und Galerien ab Samstag schließen, wie Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (55, SPD) sagte.

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