Montag, 30. März 2020

Abrupte Verhaltensänderungen nötig Die Ökonomie der Panik

Corona-Teststelle in Berlin
Photo by Tobias Schwarz / AFP
Corona-Teststelle in Berlin

Abrupte und scharfe Verhaltensänderung kann rational sein. Kluge Politik beugt einem Herdenchaos vor. Lesen Sie unser regelmäßiges Makroökonomie-Update zur Krise.

Ruhe bewahren, nicht überreagieren, auf Sicht fahren. So sieht klassische Coolness aus. "Die Corona-Virus-Panik ist dumm", twitterte Tesla-Chef Elon Musk am Freitag den 6. März. Gut 1,7 Millionen "Gefällt mir"-Klicks bekam er dafür von der Netzgemeinde.

Montags darauf krachte die Börse, allein die Tesla-Aktie verlor rund 15 Prozent. Zwei Wochen später ist das Papier um ein Drittel abgestürzt, weltweit sind die Börsen um 20 bis 30 Prozent im Minus. Große Teile der Wirtschaft stehen still. Sind jetzt alle verrückt geworden?

Kühle Rationalität, so hat diese Krise gezeigt, bedeutet etwas anderes als um jeden Preis Maß und Mitte zu halten. Wer sein Verhalten als Politiker, Wirtschaftsakteur oder privater Haushalt abrupt ändert, ist nicht per se kopflos. Was als Panik bespöttelt wird, ist manchmal kluge Entschlossenheit.

Die Politik muss in einer solchen Gefahrenlage die Logik der individuellen mit der Logik der kollektiven Vernunft in Einklang bringen.

Der Mensch ist ein Herdentier

Dass der Mensch als Herdentier zu verrückten, teils extrem gefährlichen Kollektivbewegungen neigt, ist altbekannt. Das Wort Panik geht zurück auf den antiken Hirtengott Pan, der seine Schafe mit sinnlosem Geschrei in Todesangst und Massenflucht jagte. Der Instinkt schlägt Alarm, sobald andere losrennen. Allein durch Nachahmung - also fast aus dem Nichts - können höchst irrationale Dynamiken entstehen. Wer cool bleibt, sammelt erst einmal selbst Informationen.

Bei realer Gefahr ist es allerdings für den Einzelnen völlig rational, wenn er versucht, der Schnellste zu sein. "If you panic, panic first" ("Wenn schon Panik, dann als Erster") - das Prinzip gilt auch an Märkten. Raus aus Risikopositionen, bevor der Exit verstopft ist. Her mit dem Notvorrat, bevor es überhaupt nichts mehr gibt. Diese Logik bei Hamsterkäufen oder einem klassischen Bank-Run ist für den Einzelnen zwingend. Auch wenn die Krise dadurch erst richtig Wucht bekommt.

Kollektiver Schutz kann solche Teufelskreise unterbinden. Gegen Sturmläufe auf die Banken gibt es heute Sicherungsfonds und Staatsgarantien. Hamstern muss keiner, wenn Reserven vorhanden sind. Schon die glaubhafte Ansage, dass immer genug für alle da sein wird, entzieht der Panik ihren Antrieb. Verfügbare Reserven sind ein machtvolleres Argument als jeder moralische Minister-Appell.

Eingriff ins Private

Auch bei Seuchen greift die Politik schon seit jeher in private Risikokalküle ein. Impfpflichten etwa sollen nicht nur dem unschlüssigen Einzelnen helfen. Sie sollen vor allem die Gesellschaft vor dem Infektionsrisiko schützen. Ähnlich wie beim Kampf gegen ein ausbrechendes Feuer ist bei ansteckenden Krankheiten eine möglichst frühe "Überreaktion" des Staates zwingend notwendig.

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In der Corona-Krise unterschied sich der Mix aus Informationen, Tests, Schutz- und Rettungsmaßnahmen von Staat zu Staat zunächst deutlich. China, das erst vertuschte, erzielte dann Wirkung mit einem autoritären Kraftakt. Südkorea reagierte drakonisch und transparent. Die Europäer und die USA begannen mit Beruhigung und Appellen. Jetzt legen sie von Tag zu Tag immer schärfer nach.

Wer diese Epidemie am besten in den Griff bekommt, ist noch offen. Aber klar ist: Hier stehen ganze Systeme auf dem Prüfstand. Es wird überlebenswichtig, aus den Fehlern und Erfolgen der Anderen zu lernen.

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