Mittwoch, 18. September 2019

Top-Ökonom über Integration "Wir müssen aufhören, uns das Bildungsniveau der Flüchtlinge schönzureden"

3. Teil: Neue Wege in der Ausbildung

Wie sieht es mit den Erwachsenen aus - was können Politik und Wirtschaft tun, damit sie eine Arbeit finden?

Wößmann: Zuerst einmal müssen die Flüchtlinge möglichst schnell Deutsch lernen. Auch schon, während die Asylverfahren noch laufen. Und dann müssen wir uns bewusst machen, dass sehr viele scheitern werden, wenn wir nicht versuchen, auch in der Ausbildung neue Wege zu gehen. Wir sollten verstärkt teilqualifizierende Berufsausbildungen anbieten, die ein oder zwei Jahre dauern und Grundlagen vermitteln. Damit könnten die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt starten. Und wer möchte, kann die Ausbildung dann noch fortsetzen.

Reicht denn eine solche Teilqualifikation aus, um einen Arbeitsplatz zu finden?

Wößmann: Es hilft, aber es sollte mit anderen Maßnahmen verknüpft werden. Zusätzlich sollte der Mindestlohn teilweise ausgesetzt werden. Unternehmen können dann zunächst einmal einstellen, ausprobieren - und sehen, wen sie dann tatsächlich auf Mindestlohnniveau heben können. Ein großer Teil der Flüchtlinge bringt eben noch nicht die Produktivität mit, die es erlaubt, 8,50 Euro und mehr zu zahlen.

Auf der anderen Seite fürchten viele Deutsche schon, dass die Flüchtlinge ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Spielen Sie den Rechtspopulisten mit so einem Vorschlag nicht in die Hände?

Wößmann: Mit unrealistischer Politik spielt man den Rechtspopulisten am Ende noch mehr in die Hände. Denn damit verbaut man einem großen Teil der Flüchtlinge den Zugang zu unserem Arbeitsmarkt und schickt sie in die Arbeitslosigkeit. Das wird im Zweifelsfall die Ressentiments noch viel mehr verstärken. Außerdem zeigt die Migrationsforschung, dass Flüchtlinge wegen ihrer mangelnden Sprachkenntnisse ohnehin zumeist in anderen Berufen als die Deutschen arbeiten. Sie konkurrieren daher eher mit den Migranten, die schon hier sind, und weniger mit den Deutschen.

Herr Wößmann, trotz aller Probleme, die Sie ansprechen - kann die Integration der Flüchtlinge gelingen?

Wößmann: Wir werden es zwar nie schaffen, alle Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu bringen. Aber ich bin sicher: Wenn wir uns anstrengen, wird es uns gelingen können, zumindest einen gehörigen Teil der Flüchtlinge zu integrieren. Es kommt auf das an, was wir jetzt tun. Wir dürfen nicht die Hände in den Schoß legen, sondern müssen der Realität ins Auge blicken.

Die Autoren sind Absolventen der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft, die vom ehemaligen mm-Redakteur Ulric Papendick geleitet wird. Dieses Interview ist Teil der Gesprächsreihe auf manager-magazin.de zu den Zukunftsthemen der Ökonomen. Die Idee für diese Reihe ist gemeinsam mit der Redaktion von manager-magazin.de entstanden.

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