Fachkräftemangel im Bildungssektor Geldprämien und "Unterrichten statt Kellnern"

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Angesichts eines teils massiven Lehrermangels schlagen Schüler, Eltern und Pädagogen Alarm. Sie beklagen schwere Versäumnisse in der Bildungspolitik und befürchten Nachteile durch Lücken im Unterrichtsstoff. Im neuen Schuljahr werde sich die bislang schon dramatische Situation vielerorts noch verschlimmern, sagen Experten. Lehrer fehlen demnach vor allem an Grundschulen, Förderschulen und ehemaligen Hauptschulen. Folgen des Mangels: Unterrichtsausfall, größere Klassen - und im schlimmsten Fall fehlen sogar Noten auf Zeugnissen.

"Ich rechne mit einer Verschärfung vor allem in den neuen Bundesländern und auch in den Stadtstaaten, insbesondere in Berlin", sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. "Aber auch in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ist die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht." Bei Krankheitsausfällen werde es auch dort große Versorgungsengpässe geben. "Im Endeffekt sind die Kinder die Leidtragenden, weil sie keinen guten und vollständigen Unterricht bekommen", sagte Meidinger. Das frustriere auch die Lehrer, da sie ihr Ziel, die Schüler bestmöglich zu fördern, nicht erfüllen könnten.

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Tatsächlich seien die Zeiten vorbei, in denen sich die Schüler über Unterrichtsausfall vor allem freuten, sagte der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz (BSK), Hannes Leiteritz. Sie befürchteten vielmehr Nachteile für die nähere Zukunft - zum Beispiel bei Bewerbungen. "Weniger Unterricht heißt weniger Stoffvermittlung. Und der Stoff, der nicht vermittelt wird, kann auch in späteren Jahren nicht aufgeholt werden", kritisierte der Abiturient aus Schleiz in Thüringen. "Es entstehen Lücken, die später nicht wieder geschlossen werden können, weil immer neuer Stoff nachkommt."

Zu wenige Lehrer - und immer mehr Schüler: Nach einer offiziellen Prognose wird die Zahl der Schüler bis 2030 bundesweit um 278.000 auf 11,2 Millionen steigen. Das seien über zwei Prozent mehr als 2016, hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) im Mai mitgeteilt. Als Gründe nannte sie gestiegene Geburtenzahlen und viele Zuwanderer.

Die Länder tun inzwischen einiges, um das Ruder herumzureißen: Bayern will mit einem Ausbau des Studienangebots auf die steigenden Schülerzahlen reagieren: Ab Oktober soll es dort unter anderem 700 neue Studienplätze fürs Grundschullehramt geben. Sachsen will mit einer Geldprämie versuchen, den Lehrermangel auf dem Land einzudämmen: Referendare sollen von Januar 2019 an bis zu 1000 Euro Zulage bekommen, wenn sie ihren Anwärterdienst im ländlichen Raum absolvieren. In Brandenburg können bald Lehrer nach der Pensionierung weiter arbeiten, bei einem besonderen dienstlichen Interesse.

In Berlin hat der Lehrermangel besonders dramatische Züge angenommen: Im Juni fehlten laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in der Hauptstadt noch 1250 Lehrer - so viele wie noch nie. Ein Projekt zum Lückenstopfen heißt hier "Unterrichten statt Kellnern": Studenten in lehramtsbezogenen Masterstudiengängen werden Halbjahres- oder Jahresverträge an Schulen angeboten.

Die Maßnahmen kommen aus Expertensicht zu spät. "Es wurden Prognosen verschlafen und es wurde nicht rechtzeitig gegengesteuert", sagte Meidinger vom Lehrerverband. "Die Politik, auch das Bundesbildungsministerium, hätte die Hochschulen auffordern müssen, die Lehrerausbildungskapazitäten nicht so stark abzubauen." Die Länder hätten nicht rechtzeitig auf den Geburtenanstieg reagiert. "Es hätte viel früher eine massive Lehreranwerbung geben müssen."

Auch aus Sicht des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) ist der Lehrermangel zu einem großen Teil hausgemacht. "Wie kann es sein, dass man in solch eine enorme Lücke hineinschlittert?", kritisierte VBE-Chef Udo Beckmann. "Wenn die Politik nicht massiv nachsteuert und umsteuert, dann sehe ich auf absehbare Zeit keine Entspannung."

Die Eltern sind ebenfalls in Aufregung. "Aus unserer Sicht ist der Lehrermangel zurzeit so schlimm, wie er noch nie war", sagte Bundeselternrats-Chef Stephan Wassmuth. "Wir sind eine Leistungsgesellschaft, das darf man nicht vergessen. Eltern machen sich Sorgen, dass die Grundlagen fehlen." Es könne nicht die Lösung sein, dass Eltern den fehlenden Stoff mit ihren Kindern in der Freizeit nachholten oder Nachhilfe finanzierten.

Auch mit Seiteneinsteigern versuchen Länder, Lücken zu stopfen. In Nordrhein-Westfalen hatte 2017 laut Schulministerium jeder neunte neu eingestellte Lehrer keine grundständige Ausbildung. Meidinger sieht diesen Trend kritisch und spricht von einer "Notlösung". "Geschieht das in großem Umfang, verschlechtert das die Unterrichtsqualität." Beckmann vom VBE gibt zu bedenken, Seiteneinsteiger hätten teils überhaupt keine pädagogische Qualifikation. "Gerade in der Grundschule brauchen wir aber bei der hohen Diversität der Schüler gut ausgebildete Pädagogen." Er fordert eine pädagogische Vorqualifikation von mindestens einem halben Jahr.

FAQs: Wie der Quereinstieg in den Lehrerberuf funktioniert

Bundesweit werden Lehrkräfte an Grundschulen, Förderschulen und Hauptschulen gesucht. "Aber auch weiterführende Schulen brauchen derzeit Lehrer - insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern", sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Dadurch haben verstärkt auch Quereinsteiger die Möglichkeit, in den Beruf hineinzukommen.

Welche Qualifikation müssen Quereinsteiger vorweisen können?

"Das ist je nach Bundesland und Schulform unterschiedlich geregelt. Schul-Anlegenheiten sind Ländersache", sagt Meidinger. Bei Grundschulen ist oft leichter ein Zugang möglich. "In der Regel ist dort keine enge Anbindung an die Fächer vorgeschrieben, die der Quereinsteiger unterrichten soll." Zum Teil reicht sogar ein abgeschlossenes Bachelorstudium.

Was gilt für weiterführende Schulen?

"Wer an einer Gesamtschule oder einem Gymnasium ein Fach unterrichten will, muss in der Regel in dem fachlichen Bereich studiert haben", sagt Meidinger. Aber auch hier sind die Grenzen zum Teil bereits aufgeweicht. "Soll jemand etwa Mathematik den Schülern beibringen, kann es ausreichen, dass Mathe in seinem Studium vorkam - er etwa einen Abschluss in Informatik oder Ingenieurwissenschaften hat." Gerade werden dringend Lehrer in naturwissenschaftlichen Fächern gebraucht. Letztlich sei es eine Entscheidung der einstellenden Behörde, was als fachliche Voraussetzung anerkannt wird.

Welche pädagogischen Vorkenntnisse werden verlangt?

Auch das ist sehr unterschiedlich. Oft werden Quereinsteiger direkt vom ersten Tag an in Klassen eingesetzt. Sie bekommen teilweise nur unzureichend berufsbegleitend pädagogisches Wissen vermittelt - zum Leidwesen der Eltern, Schüler und anderen Lehrer. "In anderen Bundesländern erhalten sie vor ihrem Einsatz in der Schule eine pädagogische Schnellausbildung - und qualifizieren sich dann berufsbegleitend weiter", sagt Meidinger. Wünschenswert wäre: "Bevor jemand vor einer Klasse steht, sollte er ausreichend pädagogisch geschult werden, vergleichbar einem Referendariat."

Welche Fähigkeiten sollten Quereinsteiger noch mitbringen?

Bestimmte Voraussetzungen zum Alter oder der Staatsangehörigkeit gibt es nicht. "Natürlich brauchen Lehrer gute Deutschkenntnisse, damit sie den Stoff ihren Schülern vermitteln können", sagt Meidinger. Geht es um die Verbeamtung, liegt die Altersgrenze in einigen Bundesländern zwischen etwa 40 und 45 Jahren. "Ansonsten sollten Bewerber Kinder mögen, sich für ihre Fächer begeistern und Freude daran haben, Wissen zu vermitteln." Auch Belastbarkeit, ein gutes Zeitmanagement und strukturiertes Arbeiten seien hilfreich. Interessenten sollten zudem Humor mitbringen und sich nicht zu ernst nehmen.

Was sollten junge Menschen beherzigen, die Lehrer werden wollen?

"Wie hoch der aktuelle Bedarf in einem bestimmten Fach ist, sollte kein Entscheidungskriterium für junge Menschen sein", sagt Meidinger. Aus dem Lehrermangel kann sich schnell ein Überangebot entwickeln, etwa wenn die Zahlen der Studienanfänger in einem Fach massiv steigen. "Deshalb sollten junge Menschen, die aktuell überlegen, auf Lehramt zu studieren, sich für ein Fach entscheiden, dass sie gerne unterrichten wollen." Wichtig sei, dass jemand mit Herzblut bei der Sache ist - oft hätten solche Kandidaten auch bei einem Einstellungsstopp den Biss, sich weiterzuqualifizieren und letztlich doch eine Stelle zu bekommen.

Christine Cornelius, dpa/mh
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