Krisenszenario Bundesbank warnt vor Rezession

Ein vollständiger Einfuhrstopp russischer Energie könnte die deutsche Wirtschaft nach Berechnungen der Bundesbank in eine Rezession stürzen – allerdings nicht so stark wie zu Beginn der Coronapandemie oder zu Zeiten der Finanzkrise.
Eher düstere Aussichten: Die Bundesbank beziffert die Folgen eines Energieembargos auf das Bruttoinlandsprodukt

Eher düstere Aussichten: Die Bundesbank beziffert die Folgen eines Energieembargos auf das Bruttoinlandsprodukt

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

"Im verschärften Krisenszenario würde das reale Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr gegenüber dem Jahr 2021 um knapp 2 Prozent zurückgehen», hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Monatsbericht der Bundesbank. Die Wirtschaftsleistung könnte damit um bis zu 5 Prozent niedriger ausfallen als in der März-Prognose der Europäischen Zentralbank (EZB) angenommen. Umgerechnet in absolute Zahlen wären das ungefähr 165 Milliarden Euro.

Da es kurzfristig kaum möglich wäre, Lieferausfälle aus Russland durch erhöhte Einfuhren aus anderen Förderländern komplett zu ersetzen, dürfte es vor allem bei der Gasversorgung zu Engpässen kommen. Die Bundesbank geht in ihrem Szenario davon aus, dass der Einsatz von Energie rationiert würde. Mehr als die Hälfte der Gasimporte in Deutschland stammen aus Russland.

Auch in den kommenden beiden Jahren würden die Folgen eines Lieferstopps die deutsche Wirtschaft belasten und zu Wachstumseinbußen führen, schrieben die Ökonomen der Deutschen Bundesbank. Sie schätzten den Absolutbetrag auf jeweils ungefähr 115 Milliarden Euro. Für diese beiden Jahre wurden keine Berechnungen zu Effekten möglicher Rationierungen von Energie angestellt.

Dennoch würde Europas größte Volkswirtschaft nach den im März erstellten Modellrechnungen in diesem Jahr nicht so stark schrumpfen wie im Corona-Krisenjahr 2020. Die Bundesbank-Volkswirte führten dies auf die "vergleichsweise dynamische Erholungsphase" nach der Krise zurück. Im ersten Coronajahr 2020 war das Bruttoinlandsprodukt um 4,6 Prozent eingebrochen. Zur Finanzkrise 2009 betrug der Einbruch sogar 5,7 Prozent.

Erhebliche Unsicherheiten

Im vergangenen Jahr fasste die deutsche Wirtschaft aber wieder Tritt und wuchs um 2,9 Prozent. Die Bundesbank wies darauf hin, dass die Modellrechnungen erheblichen Unsicherheiten unterliegen und die künftige Entwicklung "sowohl über- als auch unterzeichnen" können.

Grundsätzlich werden die wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs nach Einschätzung der Notenbank "die eigentlich angelegte kräftige Erholung erheblich schwächen". So belasteten unter anderem gestörte Lieferketten, drastisch gestiegene Energiepreise sowie eine erhöhte Unsicherheit Unternehmen und private Haushalte. Das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen des Krieges sei nach wie vor sehr unsicher und hänge von seinem weiteren Fortgang ab.

Im ersten Quartal des laufenden Jahres erwartet die Notenbank in etwa eine Stagnation der Wirtschaftsleistung. Vor Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine am 24. Februar hätten die Lieferengpässe in der Industrie wohl etwas nachgelassen. Zudem habe der Bau von der milden Witterung profitiert, begründeten die Volkswirte ihre Einschätzung.

Zum Ende vergangenen Jahres stoppten die vierte Corona-Welle und die verschärften Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie die Konjunkturerholung. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im vierten Quartal um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal.

hr/DPA