mm-Konjunkturindikator Europa zeigt Stärke - deutsche Wirtschaft boomt auch 2016

Von Carsten-Patrick Meier
EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Geldpolitik muss den ganzen Währungsraum im Blick haben - doch auch um den steht es besser, als die schwache Inflation vermuten lässt

EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Geldpolitik muss den ganzen Währungsraum im Blick haben - doch auch um den steht es besser, als die schwache Inflation vermuten lässt

Foto: DANIEL ROLAND/ AFP

"Wir werden das tun, was wir machen müssen, um die Inflation so schnell wie möglich zu erhöhen!" Angesichts dieser klaren Worte von EZB-Präsident Mario Draghi spricht vieles dafür, dass die EZB bei ihrer Ratssitzung am kommenden Donnerstag die Geldpolitik weiter lockern wird.

Hintergrund ist der sehr niedrige Preisauftrieb im Euro-Raum. Mit einem Wert nur wenig über Null wird die Inflationsrate das Inflationsziel der EZB von "nahe an, aber unter 2 Prozent" im laufenden Jahr erheblich verfehlen. Für das kommende Jahr liegen die Prognosen mit Werten leicht jenseits von 1 Prozent schon wieder höher - aber eben immer noch deutlich unter der Zielmarke.

Zur Diskussion steht vor allem eine Ausweitung der monatlichen Wertpapierkäufe im Rahmen ihres "Erweiterten Programm zum Ankauf von Vermögenswerten". Dadurch würden die Kurse für Staatsanleihen und andere direkt betroffene Vermögenswerte weiter steigen und deren Renditen abermals sinken. Indirekt würde dies wohl auch den Euro  schwächen.

Noch mehr Pfeile im Köcher

Alternativ (oder zusätzlich) könnte die EZB den geplanten zeitlichen Rahmen des Programms strecken. Statt wie bisher ein voraussichtliches Ende des Programms im September 2016 zu kommunizieren, könnte die EZB nun betonen, die Käufe "solange wie nötig" durchzuführen.

Auch dies würde den Expansionsgrad der Geldpolitik unmittelbar erhöhen, bedeutete es doch, dass die langfristigen Zinsen länger als bisher erwartet niedrig bleiben werden, was sich auch in niedrigeren Zinsen über kürzere Laufzeiten niederschlagen würde.

Darüber hinaus werden in der EZB noch zahlreiche weitere Maßnahmenpakete diskutiert, unter anderem eine Erhöhung des Strafzinses, den Banken derzeit zu zahlen haben, wenn sie Geld bei der EZB "parken" wollen.

Die EZB darf sich nicht nur an Deutschland ausrichten

Sollte die EZB die Geldpolitik erneut lockern? Viele deutsche Ökonomen stehen dem kritisch gegenüber, darunter Bundesbankpräsident Jens Weidmann, EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger, der Sachverständigenrat und die Gemeinschaftsdiagnose.

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Der mm-Konjunkturindikator: 3,0 Prozent für 2016

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Tenor der meisten Äußerungen ist, die Geldpolitik sei bereits sehr (beziehungsweise zu) expansiv, zudem drohten Risiken für die Finanzstabilität, von geldpolitischen "Aktionismus" sei daher dringend abgeraten.

Nicht immer ist dabei klar, ob die Argumentation aus Sicht des Euro-Raums insgesamt oder aus Sicht Deutschlands geführt wird. Aus Sicht Deutschlands ist der Fall klar: Die Geldpolitik der EZB ist für die konjunkturelle Lage in Deutschland viel zu expansiv und das schon geraume Zeit, praktisch seit die deutsche Wirtschaft die Rezession von 2008/2009 so überraschend fix überwunden hat. Auch Risiken für die Finanzstabilität, etwa durch den Boom am Immobilienmarkt, sind klar vorhanden.

Der Größte Annehmbare Unfall für die EZB

Aber: für die Beurteilung der Geldpolitik der EZB sind dies etwa so überzeugende Argumente wie es die wirtschaftliche Lage in Bayern oder in Schleswig-Holstein für die Geldpolitik der Bundesbank gewesen wären. Die EZB muss sich an den Erfordernissen des gesamten Euro-Raums ausrichten, nicht an einem Mitgliedsland. Die konjunkturelle Situation in der Euro-Zone insgesamt ist aber nun einmal deutlich ungünstiger als die deutsche.

Vergessen wird bei der deutschen Kritik am vermeintlichen Aktionismus der EZB außerdem, was den Kern moderner Notenbankpolitik ausmacht: die Steuerung der Inflationserwartungen. Keine Notenbank der Welt hat sich diesem Konzept mehr verschrieben als die vergleichsweise sehr junge Institution EZB, mit ihrer alleinigen Ausrichtung auf die Wahrung eines niedrigen mittelfristigen Ziels für den Preisauftrieb.

Was ist der Größte Annehmbare Unfall in einer solchen geldpolitischen Strategie? Nicht eine Verfehlung des Inflationsziels, und sei sie noch so krachend. Solange Bevölkerung und Märkte diese als "Ausrutscher", hervorgerufen etwa durch den drastischen Ölpreisverfall, auffassen, bleibt die Welt für die EZB in Ordnung. Problematisch wird es erst, wenn die übrigen Akteure es der Notenbank nicht mehr abnehmen, dass sie es schaff, das Inflationsziel mittelfristig zu erreichen.

Diesen Schwund des Vertrauens in ihre Handlungsfähigkeit muss sie nach Kräften vermeiden. Denn glauben erst einmal alle, dass die Inflation auch mittelfristig niedriger sein wird als von der EZB angestrebt, dann passen sie ihr Verhalten entsprechend an - mit dem Ergebnis, dass die Inflation tatsächlich niedriger ausfallen wird.

Der Euro-Raum erholt sich kräftiger als erwartet

Vor dem Hintergrund der erheblichen Zielabweichung im laufenden Jahr kann es für die EZB derzeit keine andere Priorität geben, als zu zeigen, dass sie weiterhin Herr der Lage ist und noch "viele Pfeile im Köcher hat", um den Preisauftrieb wieder auf das für mittlere Frist versprochene Niveau zu hieven. Daher die - für deutsche Ökonomen verfrühte - Zurschaustellung ihres "Instrumentenkastens".

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Der mm-Konjunkturindikator: 3,0 Prozent für 2016

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Sollte die EZB also bei der nächsten Sitzung die Geldpolitik lockern? Vielleicht hilft der mm-Indikator bei der Antwort. Dessen Dezember-Wert für das Jahr 2016, der erste, den wir für das kommende Jahr errechnet haben, liegt bei 2,7 Prozent und damit praktisch auf demselben Niveau wie der Wert für 2015.

Der mm-Indikator zeigt also an, dass das reale Bruttoinlandsprodukt in der größten Volkswirtschaft des Euro-Raums weiter sehr kräftig expandieren wird. Und vielleicht sagt er damit auch etwas über den übrigen Euro-Raum und damit über den Euro-Raum insgesamt.

Unternehmen trotzen Chinas Rezession

Etwas verwunderlich ist es doch schon, dass der Indikator eine Fortsetzung des robusten Aufschwungs vom laufenden Jahr signalisiert. Denn mit China driftet ein Land, das in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Abnehmer deutscher Waren geworden ist, unverkennbar in Richtung Rezession - mit Auswirkungen, die in der gesamten asiatischen Region und bis in die USA zu spüren sind.

Ein Schuh wird daraus, wenn die Exporte nach Übersee derzeit und im kommenden Jahr durch Lieferungen in den übrigen Euro-Raum ersetzt werden - weil sich die Konjunktur dort kräftiger erholt als bisher erwartet. Dies wäre kompatibel mit der steigenden Unternehmenszuversicht im übrigen Euro-Raum und dem kräftigen Anstieg der engen Geldmenge M1.

Vor diesem Hintergrund wäre bei der nächsten Ratssitzung der EZB mit einer kleinen Geste der geldpolitischen Handlungsfähigkeit - etwa eine weitere Erhöhung des Strafzinses - genug getan.


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Direkt zum mm-Konjunkturindikator:
Die aktuellen Prognosen auf einen Blick
Die historischen Prognosen von 2010 bis 2014


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