Herbstprognose führender Institute Deutsche Wirtschaft steuert auf Rezession zu

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihr Herbstgutachten vorgelegt. Darin warnen die Ökonomen vor einer Rezession, befürworten die Gasumlage und fordern einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke.
Nix los: Die hohen Preise dämpfen die Konsumlust der Verbraucher, die Fußgängerzonen könnten wie hier in Oldenburg wieder leerer werden

Nix los: Die hohen Preise dämpfen die Konsumlust der Verbraucher, die Fußgängerzonen könnten wie hier in Oldenburg wieder leerer werden

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Deutschland kann den führenden Forschungsinstituten zufolge einer Rezession nicht entrinnen. Die Wirtschaft rutsche wegen der Energiekrise im Winterhalbjahr in eine konjunkturelle Talsohle und werde dann schrumpfen, erklärten die Regierungsberater am Donnerstag in ihrem Herbstgutachten. Für dieses Jahr erwarten die Fachleute nur noch ein Wirtschaftswachstum von rund 1,4 Prozent und für 2023 einen Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um etwa 0,4 Prozent. Drei Quartale hintereinander werde die deutsche Wirtschaft schrumpfen, im zu Ende gehenden Sommerquartal, im Herbst und Anfang 2023. Im Jahr 2024 dürfte die Wirtschaft wieder 1,9 Prozent wachsen.

Die Inflation wird sich der Prognose zufolge weiter verstärken. Für das aktuelle Jahr rechnen die Institute mit einer Teuerungsrate von durchschnittlich 8,4 Prozent, für 2023 mit 8,8 Prozent. Für 2024 gehen sie von sinkenden Energie- und Rohstoffpreisen und damit einer Inflation von 2,2 Prozent aus.

"Die Hauptbelastung findet derzeit bei den privaten Haushalten statt, die einen massiven Kaufkraftverlust hinnehmen müssen. Und der wird sich im Laufe des nächsten Jahres noch verstärken", sagte Torsten Schmidt vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Die meisten Unternehmen dagegen könnten die Energiepreisschocks noch recht gut verkraften.

Warnung vor Gaspreisbremse

Die Gaspreise seien der entscheidende Faktor, der die deutsche Wirtschaft in die Rezession treiben werde. Und die Spitze sei hier noch nicht erreicht, hieß es. Die höchsten Energiepreise für Verbraucher würden Mitte des kommenden Jahres erwartet. "Das heißt, dieser Schock, der derzeit die Wirtschaft getroffen hat, der wird noch sehr lange fortwirken", sagte Schmidt.

Vor der Einführung der derzeit viel diskutierten Gaspreisbremse warnen die Forscher allerdings, da sie die ohnehin schon hohe Inflation weiter anfachen könnte. Wegen des hohen Importanteils erfordere eine Senkung des Gaspreises "massive Subventionen, die ihrerseits natürlich dann neue Kaufkraft in den Privatsektor pumpen würden", sagte Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft Kiel. Damit werde der gesamtwirtschaftliche Preisauftrieb abermals angefacht. "Und das ist destabilisierend, insbesondere aber auch problematisch für die unteren Einkommensgruppen, für die ist das geradezu ein Bärendienst", sagte er.

Die umstrittene Gasumlage dagegen sei besser als ihr Ruf. Es gehe dabei lange nicht nur darum, die Gasversorger zu retten. Indem die höheren Gaspreise schneller an die Bevölkerung weitergegeben würden, setze man einen Anreiz zum Gassparen auch bei Kunden mit Altverträgen.

Durch staatliche Hilfspakete kann der Wohlstandsverlust der Bevölkerung aus Sicht der Wissenschaftler nicht ausgeglichen werden. "Das kann man wirtschaftspolitisch begleiten, aber sicher nicht ausgleichen", sagte Schmidt weiter. Wichtig sei mehr Angebot an Strom und Gas, etwa durch Flüssigerdgas und einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke "nicht nur jetzt über den Winter, sondern bis wirklich alternative Stromerzeugungskapazitäten in Deutschland geschaffen wurden".

Warnung vor expansiver Finanzpolitik

Die Experten warnen zudem vor einer allzu expansiven Finanzpolitik, um die Inflation nicht zusätzlich anzuheizen. "Man kann diesem Kostenschock eben durch eine Nachfragestimulierung nicht adäquat entgegenwirken." Deshalb müsse man staatliche Unterstützungen gezielt ausrichten – nicht mit dem Ziel, die Nachfrage zu stimulieren, sondern so, dass die Bürger ihre Strom- und Gasrechnungen bezahlen könnten. "Darüber sollte man auch nicht hinausgehen."

Im Frühjahr hatten die Fachleute für 2022 noch mit einem Wachstum von 2,7 und 2023 von 3,1 Prozent gerechnet. Wegen der Folgen des Ukraine-Kriegs und den Auswirkungen auf die Energie-, Rohstoff- und Verbraucherpreise schraubten die Institute ihre Schätzung nun allerdings deutlich zurück. So falle die Wirtschaftsleistung 2022 und 2023 insgesamt um 160 Milliarden Euro niedriger aus als noch im Frühjahr erwartet.

Die sogenannte Gemeinschaftsdiagnose stammt vom Essener RWI, Münchner Ifo, Kieler IfW und dem IWH aus Halle. Das Berliner DIW pausiert derzeit und will 2023 wieder am Gutachten mitarbeiten. Das Papier dient als Grundlage für die Konjunkturprognose der Regierung, die wiederum als Basis für die Aufstellung der Haushalte der öffentlichen Hand gilt.

mg/Reuters
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