Konjunktur Einzelhandel dank Inflation mit Rekordumsatz, Industrie bricht ein

Die deutsche Industrie hat im November den größten Auftragseinbruch seit mehr als einem Jahr erlitten. Besser sieht es im Einzelhandel aus, steigende Preise haben die Umsätze dort im abgelaufenen Jahr auf ein Rekordniveau gehoben, unter dem Strich steht jedoch ein kleines Minus.
"Sehr bescheidene Erwartungen für 2023": Die gestiegenen Preise täuschen über die schwache Lage im Einzelhandel hinweg

"Sehr bescheidene Erwartungen für 2023": Die gestiegenen Preise täuschen über die schwache Lage im Einzelhandel hinweg

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Felix Hörhager / dpa

Der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe ist im November stark gesunken. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag mitteilte, gingen die Aufträge im Vergleich zum Vormonat Oktober um 5,3 Prozent zurück. Insbesondere der Anteil der Großaufträge fiel laut Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) "stark unterdurchschnittlich" aus. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sprach von einem "herben Rückschlag für die deutsche Wirtschaft".

Im Vormonat Oktober hatte ein starkes Auftragsplus aus dem Ausland noch für eine leichte Zunahme der Bestellungen bei deutschen Unternehmen gesorgt. Die Auslandsnachfrage ging im November dann jedoch den Statistikern zufolge stark zurück. Aus den Ländern des Euroraums wurde 10,3 Prozent und von Drittstaaten 6,8 Prozent weniger bestellt. Die Nachfrage im Inland verringerte sich demnach leicht um 1,1 Prozent.

"Damit setzt sich der seit Februar letzten Jahres zu beobachtende Abwärtstrend wieder verstärkt fort, nachdem es im Oktober zu einer kurzen Stabilisierung gekommen war", erklärte das BMWK. Im Detail gehe dies vor allem auf ausbleibende Großaufträge im sonstigen Fahrzeugbau zurück: Das Auftragsvolumen bei Schienen-, Luft- oder Raumfahrzeugen sei um 40,9 Prozent eingebrochen, die Bestellungen aus dem Euroraum sogar um 69,1 Prozent.

Auch bei der Nachfrage nach deutschen Metallerzeugnissen und im Maschinenbau gab es laut Ministerium deutliche Rückgänge. Leichte Zunahmen verzeichnete die Auto- und die Chemieindustrie. Spürbar mehr Aufträge (8,2 Prozent) gab es für Hersteller pharmazeutischer Erzeugnisse.

"Industrie durchläuft einen schwierigen Winter"

Der Auftragsbestand in der Industrie sei "nach wie vor hoch, was die Produktion am aktuellen Rand stützt", erklärte das Wirtschaftsministerium. "Die Auftragsdaten zeigen aber, dass die Industrie einen schwierigen Winter durchläuft, auch wenn sich die Geschäftserwartungen der Unternehmen zuletzt verbessert haben."

"Die stark gesunkenen Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe sind ein herber Rückschlag für die deutsche Wirtschaft", erklärte Jupp Zenzen vom DIHK. "Gefüllte Auftragsbücher waren viele Monate ein Lichtblick für viele Unternehmen. Diese Polster schmelzen nun immer mehr weg. Eine Winterrezession rückt damit näher."

Ohne Preiserhöhungen verliert der Einzelhandel 0,3 Prozent

Steigende Preise haben die Umsätze im Einzelhandel in Deutschland im abgelaufenen Jahr auf Rekordniveau gehoben. Nominal lagen die Erlöse um 8,2 Prozent über dem bisherigen Rekordjahr 2021, wie das Statistische Bundesamt auf Basis der Daten bis einschließlich November 2022 hochgerechnet hat. Doch rechnet man die Preiserhöhungen heraus, ergibt sich nach dieser am Freitag veröffentlichten Schätzung der Wiesbadener Behörde ein Minus von 0,3 Prozent zum Vorjahr.

Dies erklärt die geringe Zuversicht in der Branche. "Unsere aktuelle Trendumfrage im Einzelhandel zeigt, dass die Mehrheit der Händler nicht damit rechnet, dass die Umsätze sich im Jahr 2023 erholen werden", sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth, der Deutschen Presse-Agentur.

Es gebe wegen des Ukraine-Krieges und dessen wirtschaftlichen Folgen große Unsicherheit bei Konsumentinnen und Konsumenten sowie Händlern, erklärte Genth: "Deshalb gehen wir mit sehr bescheidenen Erwartungen in das Jahr 2023 – eher mit Sorge als mit einem positiven Blick."

Tausende Geschäftsinhaber haben aufgegeben

Vor allem bei Anschaffungen, die fürs tägliche Leben nicht zwingend notwendig sind, halten sich Verbraucherinnen und Verbraucher zurück. Tausende Geschäftsinhaber haben nach HDE-Einschätzung im vergangenen Jahr Boutiquen, Schuhläden, Sportfachgeschäfte oder Parfümerien aufgegeben.

Seit Monaten bremsen stark gestiegene Preise für Energie und Lebensmittel den privaten Konsum. Zwar kehrte in einem von hoher Inflation und Konsumflaute geprägten Jahr rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft die Kauflust bei den Menschen in Deutschland zurück, wie die Konsumforscher der Nürnberger GfK jüngst feststellten. Doch die Erholung des Konsumklimas stehe "noch auf wackeligen Füßen", relativierte GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl.

Das im November einsetzende Weihnachtsgeschäft bescherte der Branche Auftrieb, wie die Zahlen des Bundesamtes zeigen: In dem Monat setzten die Einzelhandelsunternehmen in Deutschland nach vorläufigen Ergebnissen kalender- und saisonbereinigt sowie bereinigt um Preiserhöhungen (real) 1,1 Prozent und nominal 1,3 Prozent mehr um als im Oktober 2022. Im Vergleich zum November 2021 sank der Umsatz real um 5,9 Prozent, stieg allerdings nominal um 4,8 Prozent. Die Differenz zwischen diesen beiden Werten erklären die Wiesbadener Statistiker mit hohen Preissteigerungen.

Einen deutlichen Rückgang der Umsätze auf Jahressicht gab es im Versand- und Internethandel, der in der Coronakrise geboomt hatte. Hier ergab sich nach Berechnungen des Bundesamtes sowohl real (minus 8,1 Prozent) als auch nominal (minus 3,1 Prozent) ein Minus. Von 2020 auf 2021 waren die Umsätze im Online-Handel real um 12,3 Prozent in die Höhe geschossen.

Für die Branche insgesamt hatte der HDE, der den Einzelhandel ohne Kfz-Handel, Tankstellen, Apotheken und Brennstoffhandel betrachtet, im Juli prognostiziert, dass die nominalen Umsätze 2022 um drei Prozent auf gut 607 Milliarden Euro steigen werden. Inflationsbereinigt jedoch sei ein Rückgang um zwei Prozent zum Vorjahr zu erwarten. Im November hatte der HDE die Prognose angepasst: Demnach geht der Verband nun für das Gesamtjahr 2022 von einem nominalen Umsatzplus von 7,5 Prozent auf 633,4 Milliarden Euro und einem realen Rückgang von 0,1 Prozent aus.

hr/afp,dpa-afx
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