Koalitionsverhandlungen: Strategien gegen den Stillstand Wie die Groko noch ein großer Wurf werden kann

Koalitionsverhandlungen folgen einem klaren Ritual: Die eine Partei fordert etwas. Auch wenn die andere Partei das eigentlich als gut erachtet, muss sie dagegen argumentieren, bis sie im Austausch etwas anderes bekommt. Alles ist ein Geben und Nehmen, ein Fordern und Abwehren, ein orientalischer Basar, ein Krieg mit Worten und mit Symbolen. Nur: Das kann und darf es nicht sein. Ein Appell.
Von Christian Scholz
Was gibst Du mir? Koalitionsverhandlungen gleichen nicht selten einem orientalischen Basar

Was gibst Du mir? Koalitionsverhandlungen gleichen nicht selten einem orientalischen Basar

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In den aktuellen Koalitionsgesprächen zwischen Union und SPD geht es um zu gewinnende "Trophäen", um "Linien", die man verteidigt. Es ist ein Krieg, in dem sich am Ende jeder zum Sieger erklären will. Schon bei den Sondierungsgesprächen haben die Medien nachgerechnet, wer gewonnen und wer verloren hat.

Christian Scholz
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Christian Scholz ist Experte für Personalwirtschaft und war bis 2018 Professor an der Universität des Saarlandes . Sein Schwerpunkt ist die Erforschung der Arbeitswelt, 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z . Der Titel seines aktuellen Buches lautet "Mogelpackung Work-Life-Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen¿.

In dieser kollektiven und kleingeistigen Verhandlungsunlogik voller Misstrauen hat eine "gemeinsame Vision" für unsere Zukunft leider keinen Platz. Wenn sich hier nicht in den verbleibenden Tagen etwas ändert, bekommen wir einen Koalitionsvertrag, der lediglich den Akteuren eine Verschnaufpause bis zu vorgezogenen Neuwahlen verschafft. Noch ein oder zwei Jahre Stillstand? Das können sich Deutschland und Europa nicht leisten.

Denn jenseits von Nachzugsregelung und Krankenkassenangleichung, gibt es eine fundamentale Frage, die es zu beantworten gilt und über die überhaupt nicht gesprochen wird:

Wie soll die Arbeitswelt von morgen aussehen?

Sachgrundlose Befristungen sind hier nur ein ganz kleiner Baustein. Die Jugend der Generation Z, die Start-ups und viele Menschen aller Altersgruppen sind von der aktuellen Arbeitswelt genervt und wollen etwas, das mehr ist als ein pauschales Bekenntnis zur Digitalisierung. Die aktuellen Forderungen der IG Metall belegen dies.

Zur neuen Arbeitswelt jenseits von gefährlichem Work-Life-Blending stand nahezu nichts in den Wahlprogrammen und im Sondierungspapier. Dabei gilt zumindest laut CDU/CSU: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben." Und dazu gehört vor allem die Ausgestaltung der Arbeitswelt.

Warum also nicht einmal ein anderes Verfahren versuchen und sich auf eine Vision für die Arbeitswelt einigen, der beide Parteien zustimmen können?

Flexibilität ohne permanente Verfügbarkeit

Die Rhetorik einiger Arbeitgeber ist klar: Der digitale Tsunami rollt auf uns zu und nur durch völlige Flexibilisierung der Arbeitnehmer können zumindest einige von uns überleben. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter Andrea Nahles (SPD) die permanente Verfügbarkeit zum politischen Ziel erklärt. Wir erinnern uns an das gruselige Video vom Dinosaurier im Aufzug, in dem der Vater zwar etwas früher nach Hause darf, dafür aber wie selbstverständlich um 17 Uhr den Kindergeburtstag für eine Videokonferenz unterbricht.

Auch gewerkschaftsnahe Vereinigungen wie die Hans-Böckler-Stiftung und die arbeitnehmernahe INQA kümmern sich mehr darum, wie Mitarbeiter in Zukunft ihre ständige Verfügbarkeit gewährleisten können, als darum, ob sie dieses "Work-Life-Blending" überhaupt wollen und ob es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist.

Das Ganze ist eine Mogelpackung: Den Mitarbeitern wird die große Freiheit signalisiert. Also einen schönen Sommermontag am Badesee verbringen und dafür an einem verregneten Mittwoch etwas länger arbeiten. Oder am Wochenende ein bisschen arbeiten, um dafür einen freien Donnerstag mit den Kindern zu bekommen.

Die Realität ist eine andere: Es läuft auf auftragsabhängige Arbeitszeiten hinaus, die bis zu Arbeitsverträgen mit einer vereinbarten Wochenarbeitszeit von "mindestens null Stunden" reichen. Plötzlich geht es weniger um Flexibilität für die Mitarbeiter, sondern um eine Flexibilisierung ihrer Einsetzbarkeit. Fallen nämlich begrenzende Regelungen zur Arbeitszeit weg, kann der Arbeitgeber leicht flexibel über den Mitarbeiter verfügen. Wenn also der Sonntag wie heute üblicherweise nicht zur Regelarbeitszeit zählt, kann der Chef nicht verlangen, dass am Sonntag gearbeitet wird. Aber was wenn der Sonntag Regelarbeitstag ist? Und wie verändert sich die Arbeitswelt, wenn auch zwölf Stunden Arbeit pro Tag zulässig sind?

Die Große Koalition sollte eine klare Aussage gegen die permanente Verfügbarkeit von Arbeitnehmern fixieren und eine zunehmende Flexibilisierung der Arbeitnehmer unterbinden. Geregelte Arbeitszeiten sind nicht altmodisch. Sie sind der Schlüssel für eine zeitgemäß-produktive Ausgestaltung der Arbeitswelt sowie für ein lebenswertes Privatleben.

Selbstbestimmung statt Entwürdigung am Arbeitsplatz

Immer mehr Unternehmen schaffen feste Schreibtische für Mitarbeiter ab und setzen auch über Großraumbüros auf weniger Arbeitsplätze pro Mitarbeiter. Dahinter steckt als primäres Ziel die Reduktion der Bürofläche pro Mitarbeiter. Hinzu kommt die Hoffnung auf mehr Kommunikation, weil man bei der Suche nach einem Arbeitsplatz ständig neue Leute trifft. Ob Mitarbeiter das überhaupt wollen, wird selten gefragt: Es geht allenfalls darum, Mitarbeiter "mitzunehmen", "einzubinden" und "zu überzeugen".

Auch dieser angebliche Trend ist eine Mogelpackung: Mitarbeitern wird die große Freiheit versprochen. Volle Souveränität bei der Wahl des Arbeitsplatzes, egal wo im Unternehmen und sehr gerne auch außerhalb desselben. In der Realität kann man sich zwar den eigenen Schreibtisch wählen, aber nie zweimal denselben hintereinander.

Soll das wirklich unsere moderne deutsche Arbeitswelt sein? Wo sich Mitarbeiter jeden Morgen einen Schreibtisch suchen müssen? Und zur Not in den Park oder zu Starbucks gehen sollen? Wo man sich mithilfe von Noise-Reduction-Kopfhörern von Krach und Unruhe abzuschotten versucht? Wo Telefonieren nur in einer eigens zu buchenden Telefonzelle möglich ist? Und wo man die schöne Kreativitätszone schnell wieder verlässt - aus Angst, keinen Schreibtisch mehr zu bekommen?

Natürlich brauchen wir die ganze Faszination innovativer Bürostrukturen, von Activity Based Working bis zu Design Thinking Studios und Kreativitätszonen. Aber jeder Mitarbeiter, der mindestens 3,5 Tage pro Woche im Unternehmen ist, braucht sein eigenes Territorium bis hin zum viel gescholtenen Schreibtisch inklusive Kaffeetasse und Bild von Freund/Freundin.

Diese Forderung mag sozialromantisch wirken, ist aber betriebswirtschaftlich begründet: Desksharing macht krank, stört Konzentration und Kreativität. Zudem sind Großraumbüros zu laut und zu unruhig. Das ändert sich auch nicht, wenn man sie in "Open Office" umtauft.

Die Große Koalition sollte für alle Arbeitnehmer, die mehr als 3,5 Arbeitstage pro Woche im Unternehmen sind, das Recht auf einen eigenen Arbeitsplatz schaffen. Gleichzeitig könnte ein Anrecht auf Home Office - sofern der Betriebsablauf nichts Gegenteiliges diktiert - für einen Tag pro Woche nach Absprache festgeschrieben werden.

Sichere Arbeitsverträge ohne Befristungen

Zunehmend werden neue Arbeitsverträge befristet geschlossen, darüber hinaus steuern wir immer mehr auf auftragsabhängige Arbeitsverträge zu, bei denen der aktuelle Bedarf die Arbeitsdauer und den Arbeitseinsatz bestimmt. In England gibt es bereits Arbeitsverträge mit einer garantierten Wochenarbeitszeit von null Stunden.

Speziell die wunderbar klingende, neoliberale "Freiheitszone", die Mitbestimmung und Arbeitsgesetze aushebeln will, ist eine krasse Mogelpackung. Sie verspricht mehr Flexibilität, doch in der Realität haben allenfalls einige Unternehmer kurzfristig einen Vorteil, bevor ihnen mittelfristig auch die letzten Mitarbeiter den Rücken zukehren und verschwinden.

Natürlich ist eine gewisse Flexibilität immer interessant. Mitbestimmung und Arbeitsgesetze wurden erkämpft, damit der Mitarbeiter Sicherheit erhält. Es ist unklar, warum dies in der heutigen Zeit nicht mehr relevant sein soll. Nur wenige Personen, die als digitale Nomaden agieren und dies auch so wollen, leben gern in Unsicherheit.

Menschen brauchen stabile Arbeitsverhältnisse. Nicht zu wissen, ob und wie man in einigen Monaten noch einen Arbeitsvertrag hat, sollte der Vergangenheit angehören. Lediglich in der Politik (beispielsweise bei politischen Beamten) sollte man Zeitverträge ohne lebenslangen Versorgungsanspruch einführen, weil hier eine Befristung von der Sache her eigentlich zwingend wäre und eine lebenslange Alimentierung auszuschließt.

Die Große Koalition sollte sachgrundlose Befristung abschaffen, Missbrauch bei Befristung stärker bekämpfen und Verträge mit variabler Stundenzahl einschränken. Viele der teilweise schlecht bezahlten Praktika gehören abgeschafft und verlogene Ideen wie "Freiheitszonen" in den Papierkorb.

Die junge Generation berücksichtigen

Es ist realitätsfern, wenn im Kreise der Bundestagsabgeordneten argumentiert wird, die heutige Jugend liebe Unsicherheit und möchte sich flexibel von einer befristeten Projektarbeit in ein Praktikum und dann wieder in eine unbezahlte Phase im Co-Working-Space bewegen. Dem ist definitiv nicht so, im Gegenteil!

Gerade deshalb sind die oben genannten drei Punkte gerade für die junge Generation wichtig. Sie will aus gutem Grund Sicherheit und klare Verhältnisse in der Arbeitswelt. Sie sieht nicht ein, warum ausgerechnet sie ein falsch verstandenes Verständnis von "Neuer Arbeit" umsetzen soll. Wenn die Große Koalition die junge Generation einfach ignoriert, werden sich noch mehr Jugendliche von der Politik abgehängt fühlen und jegliches Interesse verlieren.

Es ist symptomatisch, wie viele Jugendliche sich gegen die Große Koalition aussprechen - obwohl sie wissen, dass ein Jamaika-Bündnis auch nicht besser geworden wäre. Nur jetzt artikuliert sich dieses tiefe Misstrauen, das ganz sicher nicht nur in SPD-Mitgliedern steckt. Diese Artikulation ist eine Chance - wenn man darauf eingeht. Aber es wird fatal, wenn in der aktuellen Situation die Parteiführungen wieder einmal die Jugend ignorieren.

Die Große Koalition sollte sich explizit mit der Arbeitswelt der Jugendlichen, insbesondere der Generation Z (also Menschen bis 25 Jahre) auseinandersetzen und dieser Gruppe eine Vision für die Zukunft aufzeigen. Diese wäre auch attraktiv für die anderen Generationen.

Auch wenn einige gerne und gut anders arbeiten wollen und können: Wir brauchen eine Lebenswirklichkeit, in der es klar geregelte sichere Arbeit und ein klar abgetrenntes Privatleben gibt. Nicht wir müssen uns der Digitalisierung unterwerfen - die Digitalisierung soll für uns da sein! Wir brauchen eine Trendumkehr in unserer aktuell einseitige Entwicklung der Arbeitswelt, die auf völlige Verfügbarkeit bei der Arbeitszeit, auf inhumane Ent-Territorialisierung am Arbeitsort, auf Arbeitsverhältnisse ohne Sicherheit für den Arbeitnehmer und auf ein gefährliches Ignorieren der Jugend hinausläuft.

Befangenheitserklärung: Der Autor dieses Beitrags hat sich in seiner Trendstudie "Mogelpackung Work-Life-Blending" gegen das menschenunwürdige Work-Life-Blending positioniert und Vorschläge für eine klar konturierte Arbeitswelt gemacht. Als Wissenschaftler sieht er seine Rolle darin, auf betriebswirtschaftliche wie auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen hinzuweisen - auch wenn diese Überlegungen bei einigen Unternehmen auf heftigen Widerstand stoßen und soweit erkennbar von keiner politischen Partei ganzheitlich geteilt werden.

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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