Knappes Gas, teurer Strom Energiekrise trifft Deutschland mit voller Wucht

Die Netzagentur fürchtet den Ausfall Hunderttausender Gasthermen, Strompreise galoppieren, Hamburg könnte Warmwasser rationieren. Die Verbraucher spüren zunehmend die Folgen von Russlands Krieg. Was kommt noch?
Das Uniper-Kraftwerk Datteln 4 spiegelt sich in einer Pfütze

Das Uniper-Kraftwerk Datteln 4 spiegelt sich in einer Pfütze

Foto: Marcel Kusch / picture alliance/dpa

In Europa verbreitet sich die Sorge um massive Energieengpässe in den kommenden Monaten. Dabei geht es immer wieder um ein Datum: den 11. Juli. An jenem Tag beginnen jährliche Wartungsarbeiten von Nord Stream, die in der Regel zehn Tage dauern. Währenddessen fließt kein Gas durch Nord Stream 1. Fraglich ist, ob Russland nach der Wartung den Gashahn wieder aufdreht.

Schon fürchtet der Präsident der deutschen Bundesnetzagentur, Klaus Müller, einen Totalausfall russischer Gaslieferungen – und appelliert an die Bevölkerung, Energie zu sparen.

Die Frage sei, ob aus der bevorstehenden regulären Wartung der Gaspipeline Nord Stream 1 „eine länger andauernde politische Wartung wird“, sagte Müller den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Wenn der Gasfluss aus Russland „motiviert länger anhaltend abgesenkt wird, müssen wir ernsthafter über Einsparungen reden“. Die zwölf Wochen bis zum Beginn der Heizsaison müssten genutzt werden, um Vorbereitungen zu treffen, sagte er.

Zudem warnte Müller vor dauerhaften Folgen für private Erdgasverbraucher, falls es in der Energiekrise zu einem örtlichen Gasmangel kommen sollte. „In dem Moment, in dem der Druck im Gasnetz in einer Region unter ein gewisses Mindestmaß fallen würde, würde auf einen Schlag in Hunderttausenden Gasthermen die Sicherung einspringen“, sagte Müller den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

„Die müssten händisch von geschulten Fachkräften wieder freigeschaltet werden, wenn wieder Gas in der Region verfügbar wäre. Ein solches Szenario kann niemand wollen, weil es sehr lange dauern würde, die Gasversorgung wiederherzustellen.“

DER SPIEGEL

Daher werde es immer das Ziel der Bundesnetzagentur sein, notfalls Reduzierungen beim industriellen Verbrauch anzuordnen, sagte Müller, „damit dieses Szenario nicht eintritt“. Fast jede zweite der rund 43 Millionen Wohnungen in Deutschland wird mit Gas beheizt.

Auch Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte in dieser Woche erneut deutlich gemacht, dass er ein vollständiges Ausbleiben russischer Gaslieferungen durch Nord Stream befürchtet. Es drohe ab dem 11. Juli „eine Blockade von Nord Stream 1 insgesamt“, sagte der Grünenpolitiker. Deswegen könne es im Winter sehr problematisch werden.

Verband warnt vor Chaos bei Stadtwerken

Im Fall eines Gaslieferstopps würden Müller zufolge Privathaushalte ebenso wie Krankenhäuser oder Pflegeheime besonders geschützt. »Ich kann zusagen, dass wir alles tun, um zu vermeiden, dass Privathaushalte ohne Gas dastehen«, sagte er.

Die Netzagentur sehe allerdings „kein Szenario, in dem gar kein Gas mehr nach Deutschland kommt“. Müssten Industriebetriebe von der Gasversorgung getrennt werden, „orientieren wir uns am betriebswirtschaftlichen Schaden, am volkswirtschaftlichen Schaden, an den sozialen Folgen und auch an den technischen Anforderungen des Gasnetzbetriebs“, sagte Müller mit Blick auf eine mögliche Priorisierung.

Angesichts der Turbulenzen bei Deutschlands größtem Gasversorger Uniper warnt der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) unterdessen vor einer Kettenreaktion – die auch die deutschen Stadtwerke erfassen könnte. Diese sind in Städten, Gemeinden oder Regionen für die Grundversorgung der Bevölkerung zuständig: etwa mit Energie, aber auch mit Dienstleistungen wie öffentlichem Nahverkehr, Müll- und Abwasserentsorgung oder dem Betrieb von Schwimmbädern. Viele Stadtwerke kaufen ihr Gas bei Uniper.

Der Energiekonzern hatte angesichts der hohen Gaspreise infolge des Ukrainekriegs den Staat um Hilfe gebeten. Firmenchef Klaus-Dieter Maubach bestätigte am Donnerstag Gespräche mit der Bundesregierung über Stabilisierungsmaßnahmen. Nach SPIEGEL-Informationen ist auch eine Staatsbeteiligung denkbar.

Die Bundesregierung sei bei Uniper handlungsbereit, sagte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing der "Rheinischen Post“. “Was jetzt dringend folgen muss, ist eine Anpassung des Energiesicherungsgesetzes mit besseren Instrumenten, um die Preisspirale zu dämpfen und die Versorgungssicherheit zu erhalten.“

Stadtwerke betreiben nicht nur Busse und Schwimmbäder, sondern auch Hochseewindparks wie Dan Tysk nahe Sylt. An ihm sind die Stadtwerke München mit 49 Prozent beteiligt.

Stadtwerke betreiben nicht nur Busse und Schwimmbäder, sondern auch Hochseewindparks wie Dan Tysk nahe Sylt. An ihm sind die Stadtwerke München mit 49 Prozent beteiligt.

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Christian Charisius/ dpa

Liebing warnte davor, die gestiegenen Beschaffungskosten unmittelbar an die Endkunden weiterzugeben – wie es Paragraf 24 des Energiesicherungsgesetzes vorsieht, der aber noch nicht in Kraft getreten ist.

Preise einfach weiterzugeben, helfe den Stadtwerken wenig. Viele Kunden könnten die höheren Preise nicht zahlen. „Das wiederum würde auch viele unserer eigentlich kerngesunden Stadtwerke in Liquiditätsnöte und schlimmstenfalls an den Rand der Insolvenz bringen“, prophezeite der VKU-Chef. „Wenn dann eine kritische Masse an Stadtwerken kippen würde, könnte das eine Kettenreaktion auslösen.“

Hamburg könnte Warmwasser rationieren

Unterdessen hat der Hamburger Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) für den Fall eines Gasnotstands in der Hansestadt eine Begrenzung der Warmwassermengen für private Haushalte angekündigt. „In einer akuten Gasmangellage könnte warmes Wasser in einem Notfall nur zu bestimmten Tageszeiten zur Verfügung gestellt werden“, sagte Kerstan der "Welt am Sonntag“. Auch eine »generelle Absenkung der maximalen Raumtemperatur im Fernwärmenetz« käme in Betracht.

Es werde „in Hamburg schon aus technischen Gründen nicht überall möglich sein, im Fall einer Gasmangellage zwischen gewerblichen und privaten Kunden zu unterscheiden“, sagte Kerstan weiter. „Wenn es uns jedoch nicht gelingt, ausreichend Gas bei den großen Betrieben einzusparen, könnten Lieferbeschränkungen auf uns zukommen, die dann möglicherweise einzelne Stadtteile betreffen.“

Norwegen will mehr liefern

Derweil geht die norwegische Regierung davon aus, mehr Gas liefern zu können – allerdings möglicherweise erst ab 2024. „Unternehmen prüfen jetzt Projekte, um ihre Gaslieferungen ab 2024 und 2025 erhöhen zu können“, sagt Terje Aasland, Norwegens Öl- und Energieminister, der "Wirtschaftswoche".

„Die Krise im Energiesektor wird langfristige Auswirkungen haben. Wir müssen uns darauf konzentrieren, dass in neue Gasproduktionskapazitäten investiert wird.« Norwegens Unternehmen hätten noch nie so viel Erdgas vom norwegischen Festlandsockel exportiert wie derzeit. »Wir unterstützen unsere europäischen Freunde dabei, so schnell wie möglich unabhängig von russischem Öl und Gas handeln zu können.“

Auch Stromkosten steigen stark

Nicht nur Gas und Heizöl verteuern sich: Auch die Strombörsen sind auf Rekordjagd. Verbraucher müssen noch höhere Strompreise fürchten. Die stark steigenden Kosten für fossile Brennstoffe treiben die Preise an Europas Strommärkten immer weiter nach oben.

Am Freitag stieg der richtungsweisende Terminkontrakt für Grundlaststrom zur Lieferung im nächsten Jahr an der Leipziger Energiebörse EEX zeitweise auf 310 Euro je Megawattstunde. Das entspricht gut 31 Cent je Kilowattstunde (kWh) – also rund 320 Prozent mehr als vor Jahresfrist.

Damit kommen erhebliche Mehrkosten auf Deutschlands Stromverbraucher zu: auf die Industrie wie auch auf die Privathaushalte. Schon in den vergangenen Monaten hatten viele Stromversorger ihre Tarife erhöht. Laut dem Vergleichsportal Verivox kostete eine Kilowattstunde für einen Durchschnittshaushalt im Juni 39,68 Cent: gut ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor.

Ukraine exportiert ihren Atomstrom in die EU

Während Deutschland händeringend neue Energiequellen sucht, könnte ausgerechnet Atomstrom aus der Ukraine die Lage hierzulande etwas mildern. Das Land war Mitte März an das europäische Stromnetz angeschlossen worden. Nun hat die Ukraine nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj auch damit begonnen, Strom in die EU zu exportieren.

Vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen das Land am 24. Februar war das ukrainische Netz mit dem russischen Netz synchronisiert. Es wurde Ende Februar jedoch auf ukrainische Initiative für einen lange geplanten Test von den Nachbarn Russland und Belarus abgekoppelt, kurz darauf marschierten Putins Truppen ein.

Das Netz befand sich daraufhin in einem sogenannten Inselbetrieb und galt als besonders verwundbar, bis es dann an das europäische Netz der Übertragungsnetzbetreiber (Entso-E) angekoppelt wurde. Außerdem hatte die Ukraine zahlreiche Angriffe Russlands auf ihr Netz und teilweise auch auf ihre Atomkraftwerke hinnehmen müssen. Ein Großteil des in der Ukraine produzierten Stroms stammt aus Kernenergie.

Am Donnerstag hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mitgeteilt, die Ukraine könne fortan Strom auf den EU-Markt exportieren. „Es wird der EU eine zusätzliche Stromquelle bieten. Und der Ukraine dringend benötigte Einnahmen. Deswegen profitieren wir beide.“

nil/AFP/dpa
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