Montag, 14. Oktober 2019

Krankenkassen belastet Kliniken rechnen jährlich Milliarden zu viel ab

Für die Abrechnung in den Kliniken sind die behandelnden Ärzte selten selbst verantwortlich. Spezialisten dokumentieren und kodieren die erbrachten Leistungen
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Für die Abrechnung in den Kliniken sind die behandelnden Ärzte selten selbst verantwortlich. Spezialisten dokumentieren und kodieren die erbrachten Leistungen

Neigen Kliniken in Deutschland zu überhöhten Abrechnungen? Die Krankenkassen und der Bundesrechnungshof behaupten das. Die Abrechnungen würden so frisiert, dass die Krankenkassen jedes Jahr mindestens 2 Milliarden Euro von den Kliniken zurückfordern müssten.

Falsche Krankenhausabrechnungen kosten das deutsche Gesundheitssystem einem Bericht zufolge rund 800 Millionen Euro im Jahr. Diese Kosten gingen immer mehr "zulasten der Patientenversorgung", berichtete die "Bild"-Zeitung am Mittwoch unter Berufung auf einen Bericht des Bundesrechnungshofs.

Die Rechnungen der Kliniken werden von den Krankenkassen mit Hilfe von Gutachtern überprüft. Bei 52 Prozent der Prüfungen fallen dem Bericht zufolge Fehler auf. Die Krankenkassen müssen demnach jedes Jahr rund 2,2 Milliarden Euro nachfordern.

Die Rechnungskontrolle sei laut Bundesrechnungshof ein "Massengeschäft". Kliniken würden wegen des steigenden Wettbewerbs zu überhöhten Rechnungen neigen. Gleichzeitig stellten die Kassen immer mehr Mitarbeiter ein, um die Rechnungen zu überprüfen.

Die gesetzlichen Krankenkassen kritisierten die hohe Zahl der fehlerhaften Abrechnungen. "Wären die Rechnungen häufiger korrekt, könnten wir die Anzahl der Prüfungen reduzieren", erklärte ihr Spitzenverband. Damit würden die bürokratischen Hürden für Kliniken und Krankenkassen sinken. Die Kliniken hätten es in der Hand, die Situation grundlegend zu verbessern.

Angeblich jede zweite Abrechnung nicht korrekt

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) habe kürzlich jede zweite, stichprobenartig geprüfte Klinik-Rechnung als nicht korrekt beanstandet, berichtete unlängst der "Tagesspiegel". In den meisten Fällen seien mehr Tätigkeiten abgerechnet worden, als notwendig gewesen wären, heißt es in dem Bericht.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die rund 1900 Kliniken vertritt, entkräftete die Vorwürfe: Das Abrechnungssystem sei komplexer als das Steuerrecht, völlig einwandfreie Rechnungen seien kaum noch möglich.

Dem Bericht zufolge bestreite auch der MDK nicht, dass es Abrechnungen gibt, bei der eine Klinik von den Kassen sogar weniger Geld forderte, als ihr für eine Behandlung zustand.

Krankenhäuser müssen nach dem 2003 eingeführten Fallpauschalensystem abrechnen. Sie bekommen also nicht konkrete Leistungen erstattet, sondern je nach Diagnose eine Behandlungspauschale. Demzufolge können die Kliniken mehr als 1000 verschiedene Diagnosen mit 30.000 verschiedenen Prozeduren abrechnen.

rei mit afp

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