Unternehmerin Verena Hubertz im Parlament "Wahlkampf ist ähnlich wie Gründen"

Verena Hubertz ist erfolgreiche Start-up-Unternehmerin – und nun ausgerechnet für die SPD in den Bundestag einzogen. Warum tut sie sich das an? Und was hat sie vor?
Neuer Arbeitsplatz: Künftig wird Verena Hubertz (33) im Deutschen Bundestag sitzen.

Neuer Arbeitsplatz: Künftig wird Verena Hubertz (33) im Deutschen Bundestag sitzen.

Foto: Annika Krüger

Verena Hubertz (33) ist weder zu sehen noch zu hören. Der Rechner, den sie als neue Abgeordnete vom Bundestag bekommen hat, streikt. Also wird das Videointerview kurzerhand per Smartphone geführt – und das erste Thema ist damit gleich gesetzt: Deutschland und die Digitalisierung. Dass die zu langsam vorangegangen ist, sei kein Geheimnis, sagt sie.

Keine bahnbrechende Erkenntnis, aber Hubertz kennt sich mit dem Thema unzweifelhaft besser aus als die meisten ihrer neuen Kolleginnen und Kollegen. Die 33-Jährige ist Mitgründerin des Start-ups "Kitchen Stories". Eine Koch-App, auf der Hobbyköche Schritt-für-Schritt-Rezepte und Videoanleitungen ansehen und nachkochen können. 2014 gegründet, 2017 an Bosch-Siemens Hausgeräte verkauft, inzwischen mehr als 20 Millionen Mal heruntergeladen.

Doch statt wie viele Gründerinnen und Gründer das nächste Unternehmen zu starten, widmet sich Hubertz nun einem anderen Projekt: Sie zieht für die SPD in den Bundestag ein. Ausgerechnet der SPD, könnte man sagen. Die Sozialdemokraten sind bei jungen Unternehmern nicht sonderlich beliebt, in einer Umfrage gaben nicht einmal 7 Prozent an, die Partei zu wählen.

Warum interessiert sich eine Startup-Unternehmerin für ein Bundestagsmandat? Und warum ausgerechnet für die SPD?

Es sei kein Zufall, dass sie Politikerin geworden ist, sagt Hubertz. "Schon in meiner Abizeitung stand, dass ich in den Bundestag einziehen will." Sie habe sich lange genug aufgeregt darüber, was im Land schieflaufe. Nun liege es an ihr, auch selbst anzupacken.

Von Burger King zur SPD

In die SPD ist Hubertz schon vor ihrer Zeit als Unternehmerin eingetreten. Als sie noch BWL studierte, jobbte sie nebenher bei Burger King. Damals forderte Frank-Walter Steinmeier einen bundesweiten Mindestlohn. Für Hubertz, die bei der Fast-Food-Kette nur knapp mehr als sechs Euro verdiente, stand fest: Ich werde Parteimitglied.

Ihren Wechsel in die Politik hat Hubertz lange vorbereitet. Sie hält nach wie vor ein Achtel der Anteile von "Kitchen Stories", aber hat sich aus dem operativen Geschäft verabschiedet. Ihre Studienfreundin und Mitgründerin Mengting Gao bleibt weiterhin CEO des Unternehmens. Bei ihrem Abgang aus dem Unternehmen haben sie sich von einem Coach begleiten lassen. Hubertz sei zwar klar gewesen, dass sie Veränderung braucht. "So etwas wirft man aber nicht einfach weg. Das war eine sehr emotionale Entscheidung", erzählt sie. Die Übergabe und Nachfolge habe man mit dem Coach dann geregelt.

Im Wahlkampf profitierte sie auch von den Erfahrungen als Gründerin, sagt Hubertz. "Wahlkampf ist ähnlich wie Gründen." Für beides brauche man eine klare Strategie und Vision. Außerdem müsse man immer anpacken. Zu den Anfangszeiten von "Kitchen Stories" wusch sie Geschirr. Im Wahlkampf hängte sie Plakate selbst auf. Das hat sich gelohnt. Ihren Wahlkreis in Trier hat Hubertz direkt gewonnen, der erste Erfolg für die SPD dort seit 19 Jahren.

Weniger Papierkram, mehr Frauen

Im Bundestag will sich Hubertz nun auch für die Belange der Start-up-Szene einsetzen. Sie fordert mehr Gründergeist und will einen "One-Stop-Shop" zum Gründen, heißt: ein Unternehmen sollte mit einem Knopfdruck gegründet sein. Noch würden Jungunternehmer zu viele bürokratische Hürden überwinden müssen. "Es kann nicht sein, dass wir 1000 Formulare ausfüllen müssen, bevor ein Unternehmen bestehen kann", sagt sie.

Ein weiteres Lieblingsprojekt von Hubertz ist das Chancenkonto. Schulabsolventen sollen statt Bafög einen bestimmten Betrag bekommen, zwischen 25.000 und 50.000 Euro stellt sie sich vor. Das soll das finanzielle Risiko, mit dem viele Start-ups konfrontiert sind, mildern. Die Idee ist nicht neu – bereits 2017 schlug der damalige SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz ein solches Chancenkonto vor.

Zudem soll die Szene weiblicher werden. Der jüngsten Studie des Female Founders Monitors  zufolge waren nur 11,9 Prozent der Start-up-Gründer im vergangenen Jahr weiblich.

Kollegen in der Kritik

Hubertz blickt auch kritisch auf die Start-up-Szene. Etwa auf den Lieferdienst Gorillas, der in weniger als einem Jahr mit einer Milliarde Euro bewertet wurde und regelmäßig Ärger mit seinen Lieferantinnen und Lieferanten hat. "Solche Plattformsysteme sind nicht gut. Wir müssen hier schauen, was man tun kann, um deren Arbeitsbedingungen zu verbessern", sagt Hubertz.

Sie will sich dafür einsetzen, dass Mitarbeiter von Start-ups mehr Mitspracherecht bekommen. Betriebsräte sind in der Szene oft unbeliebt. "Wir brauchen auch positive Rollenvorbilder, um die Angst bei Start-ups vor der Gründung eines Betriebsrats zu nehmen. Denn Unternehmen mit Betriebsrat sind in der Regel auch erfolgreicher." Gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung hält sie deshalb Betriebsrat-Seminare bei Start-ups. Dort versucht sie in Übungen den Vorständen und Mitarbeitern die Vorteile von Mitbestimmung im Unternehmen näherzubringen.

Für ihre neue Karriere in der Politik hat Hubertz prominente Unterstützerinnen. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer sowie die Europaabgeordnete und Ex-Bundesjustizministerin Katarina Barley – die den Wahlkreis Trier selbst nie gewinnen konnte – fördern Verena Hubertz. Dreyer ließ sich im Wahlkampf beim gemeinsamen Kochen mit Hubertz filmen und trat mit ihr gemeinsam auf. Barley und Hubertz kennen sich hingegen schon länger. 2017 lud die damalige Generalsekretärin der SPD die junge Gründerin zu einem Netzwerktreffen der SPD-Frauen ein. Im diesjährigen Wahlkampf sprach sie sich in Interviews und auf Social Media für Hubertz aus. Diese könnte schon bald in einer regierenden Fraktion sitzen. Aus ihrer Wunschkoalition macht die Unternehmerin kein Geheimnis. Am liebsten wäre ihr eine Ampel.

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