Dienstag, 18. Juni 2019

"So können wir auf keinen Fall weitermachen" Kapitalismus-Kritik - Kühnert legt nach

Juso-Chef Kevin Kühnert: Großkonzerne kollektivieren, Wohnraum-Eigentum begrenzen
Kay Nietfeld/ DPA
Juso-Chef Kevin Kühnert: Großkonzerne kollektivieren, Wohnraum-Eigentum begrenzen

Im Streit um seine Sozialismus-Thesen hat Juso-Chef Kevin Kühnert nachgelegt und die SPD aufgefordert, die von ihm angestoßene Debatte offensiv zu führen. "Ich habe keine Lust mehr darauf, dass wir wesentliche Fragen immer nur dann diskutieren, wenn gerade Friedenszeiten sind, und im Wahlkampf drum herumreden", sagte Kühnert dem SPIEGEL. Wenn man ernsthaft einen anderen Politikstil wolle, "dann können wir uns nicht immer auf die Zunge beißen, wenn es um die wirklich großen Fragen geht".

"Ich habe das sehr ernst gemeint, was ich formuliert habe", sagte Kühnert. Der Kapitalismus sei "in viel zu viele Lebensbereiche vorgedrungen: So können wir auf keinen Fall weitermachen."

Mit seiner Kritik am Kapitalismus steht Kühnert allerdings nicht allein: Selbst Wall-Street-Milliardäre wie JPMorgan-Chef James Dimon sowie Hedgefondsmanager Ray Dalio hatten sich jüngst besorgt gezeigt, dass der Turbo-Kapitalismus in den USA und die ungleiche Vermögensverteilung die Welt vor immer größere Probleme stelle.

Kritik an Kühnerts Ideen kam nun auch vom Industrieverband BDI. "Unausgegorene Ideen für eine sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsform verlieren sich im Nebel aus unbestimmten Wünschen und Rezepten von gestern", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Joachim Lang, der Deutschen Presse-Agentur.

Kapitalismus in der Kritik: Auch Wall-Street-Milliardäre rufen nach der Sozialdemokratie

"Wer so redet, ignoriert die komplexen Herausforderungen von Digitalisierung und wirtschaftlichem Wettbewerb, denen sich unsere Unternehmen im Alltag stellen müssen", sagte Lang. Dazu gehöre die Kenntnis, wie sich realistisch Wohlstand, Wachstum und Fortschritt sichern ließen. "Die Kollektivierung von Unternehmen und andere planwirtschaftliche Methoden würden die Triebkräfte erfolgreichen Wirtschaftens sofort abwürgen."

Kollektivierung großer Konzerne "auf demokratischem Wege"

Lang sagte aber zugleich: "Soziale Marktwirtschaft ist mehr als nur eine leere Hülle und muss gelebt werden." In der sozialen Marktwirtschaft gehörten Freiheit und Verantwortung zusammen.

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Kühnert, der Vorsitzende der SPD-Nachwuchsorganisation, hatte zuvor in einem Interview mit der "Zeit" zum Thema Sozialismus gesagt, dass er für eine Kollektivierung großer Unternehmen "auf demokratischem Wege" eintrete: "Mir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW "staatlicher Automobilbetrieb" steht oder "genossenschaftlicher Automobilbetrieb" oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht." Zudem forderte er, das Privateigentum an Immobilien zu begrenzen. Jeder sollte nur den Wohnraum besitzen dürfen, den er selbst nutze.

Für seine Aussagen musste Kühnert teils heftige Kritik einstecken, auch aus der eigenen Partei. "Die empörten Reaktionen zeigen doch, wie eng mittlerweile die Grenzen des Vorstellbaren geworden sind", sagte er nun dem "Spiegel". "Da haben 25 Jahre neoliberaler Beschallung ganz klar ihre Spuren hinterlassen."

dpa/la

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