Gastkommentar Können Frauen zählen?

Die sechs öffentlich finanzierten Wirtschaftsinstitute in Deutschland werden seit dem Abschied von Claudia Buch wieder ausschließlich von Männern geführt. Auf 37 Führungsposten der Wirtschaftsinstitute sind gerade einmal 4 Frauen zu finden. Da drängt sich die Frage auf: Können Frauen zählen?
Von Angela Hornberg
Abschied vom IW Halle: Claudia Buch ist zur Bundesbank gewechselt - zurück bleibt eine reine Boygroup als Leiter der sechs deutschen Wirtschaftsinstitute

Abschied vom IW Halle: Claudia Buch ist zur Bundesbank gewechselt - zurück bleibt eine reine Boygroup als Leiter der sechs deutschen Wirtschaftsinstitute

Foto: REUTERS

Als gelernte Volkwirtin verstehe ich viel von Zahlen. Als Headhunterin viel von Machtspielen. Seitdem wir in Deutschland die Quote diskutieren, ist beides kompliziert miteinander verknüpft. Machtposten werden durchgezählt; Positionen numerisch vergeben. In öffentlich finanzierten Unternehmen sogar schon seit 1994. Hier müssen 50 Prozent der Top-Positionen an Frauen vergeben werden.

Nun hat Ministerin Schwesig eine Studie mit dem wenig überraschenden Ergebnis publiziert, dass diese Quote leider nicht erfüllt wird - und zwar nicht nur knapp verfehlt: Nur in jedem siebten Unternehmen mit Bundesbeteiligung sitzt eine Frau auf einem Geschäftsführer- oder Vorstandsstuhl. Und in 15 Prozent der analysierten Unternehmen gibt es überhaupt keine Frauen im Aufsichtsrat. Im Klartext: Die können die Damentoilette als Besenkammer nutzen! Lobend erwähnt wird dagegen eine Firma mit einer Frauenquote von 80 Prozent: sie betreibt in Bremen den Rhododendron-Park mit Koiteich und Zen-Garten. Klingt wie ein blöder Herrenwitz.

IW Halle: Claudia Buchs Abschied von der Boygroup

Gar nicht lustig ist dagegen, dass in den sechs öffentlich finanzierten Wirtschaftsinstituten, die für Deutschlands Politik die wissenschaftlich fundierte Basis von wirtschaftlich relevanten Entscheidungen legen sollen, die Frauen ebenfalls mit der Lupe zu suchen sind. Zwar rühmen sich mehr oder weniger alle ihrer frauenfördernden Maßnahmen, aber derzeit werden diese sechs Institute ausschließlich von Männern geleitet.

Denn Claudia Buch ist im Mai nach knapp einem Jahr an der Institutsspitze dann doch lieber als Vizechefin zur Bundesbank gewechselt. Möglicherweise fand sie es langweilig inmitten der Boygroup ihres ehrenwerten Hauses; denn unter den 44 wissenschaftlichen Mitarbeitern sind nur 14 Frauen - und klar: die Abteilungsleiter sind allesamt Männer.

Derzeit ist die Position des Präsidenten des IW Halle unbesetzt. Das Institut wird derzeit gemeinschaftlich von zwei Männern geleitet - von Oliver Holtemöller und Tankred Schuhmann. Immerhin: Im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Wirtschaftsweise"), dem Claudia Buch bis zu ihrem Wechsel zur Bundesbank ebenfalls angehörte, fand sich eine Frau als Nachfolgerin: Dort hat es seit Juni Professorin Isabel Schnabel aus Mainz mit vier männlichen Kollegen zu tun.

ifo-Institut und RWI: 13 Führungsposten - und nur eine Frau

ifo-Institut: Von acht Forschungszentren nur eins von einer Frau geleitet

Chefinnen findet man auch im Münchener ifo-Institut nur mit Mühe: Von acht Forschungszentren wird nur eins von der Professorin Karen Pittel geleitet. Wer erwartet auch progressive Personalpolitik vom einem Präsidenten wie Hans-Werner Sinn? Insofern ist auch nicht überraschend, dass unter den 58 wissenschaftlichen Mitarbeitern "ohne Führungsaufgaben" ganze 10 Frauen sind.

RWI in Essen: Fünf Chefposten für fünf Männer

Getoppt werden die Münchner noch vom RWI in Essen, wo in fünf Abteilungen genau fünf Männer die Chefposten innehaben. Kein Wunder. Institutspräsident Christoph M. Schmidt ist als Vorsitzender des Sachverständigenrates quasi der Silberrücken unter den Wirtschaftsweisen. Wer die Mütterrente für ein "falsches Signal" hält, wird auch bei der Frauenförderung im Job die Ampel nicht Grün stellen.

IfW Kiel: Null Frauen unter acht Abteilungsleitern

Ein Blick auf das Institut für Weltwirtschaft in Kiel zeigt: Alle acht Abteilungen werden von Männern geleitet. Immerhin ist Sonja Peterson Wissenschaftliche Geschäftsführerin und damit zweitwichtigste Führungskraft nach Präsident Dennis Snower.

Snower spricht viel von Frauenförderung, hat es aber bislang auch nicht geschafft, eine seiner Abteilungen mit einer Frau an der Spitze zu besetzen. Immerhin, es gibt Peterson.

ZEW Mannheim und DIW Berlin: Hoppla, eine Frau!

Da muss man also froh sein, dass beim ZEW in Mannheim unter sechs Bereichsleitern mit Irene Bartschek immerhin eine Professorin ist und dass in der Senior-Researcher-Reihe dahinter mehr als die Hälfte Frauen um den nächsten Karriereschritt rangeln.

Und es mutet als Sensation an, dass beim DIW in Berlin den sieben männlichen Abteilungleitern mit Claudia Kemfert und Katharina Spieß gleich zwei Professorinnen gegenüberstehen, das sind satte 22 Prozent! Ob das allerdings auf das Konto des Präsidenten Marcel Fratscher geht, ist fraglich. Der hat seit Amtsantritt für die vakante Führungsposition mal wieder keine Frau gefunden, aber Zeit, sich von einer Sonntagszeitung in bester Putin-Manier als Bungee-Jumper fotografieren zu lassen.

Auf 37 Chefsesseln der Institute sitzen ganze vier Frauen

In Summe sitzen auf den 37 Chefsesseln der Wirtschaftsinstitute ganze vier Frauen, Quote 10,8 Prozent. Dass in den Jahresberichten phantastische Zahlen von 30 Prozent oder mehr aufgerufen werden, wird von Insidern nur hinter vorgehaltener Hand erklärt: Man mache aus der früheren Bibliothekarin einfach eine "Leiterin Info-Management" und, zack, ist die Frau in einer Führungsposition.

Es soll Frauenbeauftragte geben, die von solchen Zahlenmanipulationen wissen. Aber sie werden aufgefordert, ihre Rechenkünste zurückzuhalten - man wolle das Haus nicht in schlechtem Licht erscheinen lassen. So gesehen muss man sich dann doch fragen: Können Frauen zählen?

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Beitrags hatte es geheißen, Claudia Buch stehe kurz vor dem Wechsel zur Bundesbank. Buch wechselte aber bereits Mitte Mai zur Deutschen Bundesbank. Ihre Nachfolge beim IW Halle ist noch offen, derzeit wird das Institut gemeinsam von Oliver Holtemöller und Tankred Schuhmann geleitet.

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