Einzelhandel, Schulen, Kitas dicht Sachsen geht ab Montag in den harten Lockdown

Sachsen ist größter Corona-Hotspot in Deutschland geworden. Die Landesregierung zieht die Notbremse und fährt das öffentliche Leben massiv runter. Folgt man Ärzten und einzelnen Politikern, sollte die ganze Republik dem Beispiel folgen.
Flächendeckender Shutdown: In Sachsen ist das ab Montag wieder Realität

Flächendeckender Shutdown: In Sachsen ist das ab Montag wieder Realität

Foto: Petra Nowack / imago images/penofoto

Das derzeit besonders stark vom Coronavirus getroffene Sachsen geht ab dem kommenden Montag in einen harten Lockdown. Schulen, Kindergärten, Horte und der Einzelhandel mit Ausnahme der lebensnotwendigen Versorgung sollen geschlossen werden, kündigte Ministerpräsident Michael Kretschmer (45, CDU) am Dienstag nach einer Kabinettssitzung in Dresden an. Der Lockdown soll demnach bis zum 10. Januar gelten.

Kretschmer sagte, die Landesregierung wolle Sachsen "jetzt zur Ruhe bringen". Dies sei die einzige Möglichkeit, das Infektionsgeschehen zu stoppen. Obwohl die Lage schwieriger sei als im Frühjahr, würden die Menschen die Situation bei Weitem nicht so ernst nehmen. Auch deshalb müsse die Politik jetzt reagieren.

Kretschmer sagte, er habe das Sozialministerium beauftragt, eine Kabinettsvorlage zu verfassen, die am Freitag beschlossen werden und ab Montag gelten soll. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (46, SPD) sagte, die Lage sei dramatisch. Er kündigte ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum an. In Alten- und Pflegeheime solle es nur Zugang mit Maske und Schnelltests geben, Sport in geschlossenen Räumen werde verboten.

Sachsen größter Hotspot in Deutschland

Sachsen hatte sich zum bundesweit größten Hotspot der Pandemie entwickelt. Über das Wochenende stieg die Zahl der nachgewiesenen Infektionsfälle um 5810 auf insgesamt 71.320. Inzwischen sind 1298 Todesfälle zu beklagen. Die Landkreise Bautzen (500,7) und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (508) übersprangen laut Robert Koch-Institut wieder die Marke von 500 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Bundesweit hatte lediglich der Landkreis Regen in Niederbayern am Dienstag mit 578,7 einen höheren Inzidenzwert. Für ganz Sachsen wies das RKI am Dienstag eine Sieben-Tage-Inzidenz von 319 aus, bundesweit waren es 147. 2492 Menschen befinden sich derzeit in Sachsen mit einer Covid-19-Diagnose im Krankenhaus, davon 458 auf der Intensivstation. Manche Krankenhäuser sind bereits an der Belastungsgrenze angelangt.

Ob das Beispiel Sachsens in anderen Bundesländern Nachahmer finden wird, bleibt abzuwarten. Zuvor hatten sich Politiker, Ärzte aber auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina für einen umfassenden "harten Lockdown" ab Heiligabend ausgesprochen. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (53) zeigte sich inzwischen offen für diese Maßnahme.  

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (57, SPD) sagte: "Wir sollten die Schulen vier Wochen in die Weihnachtsferien schicken, das heißt idealerweise schon innerhalb der nächsten Woche und dann bis einschließlich der ersten Januarwoche", sagte der Politiker der "Rheinischen Post". Der Einzelhandel solle nach Weihnachten geschlossen werden. Sachsen geht mit seinem Vorstoß nun darüber hinaus. Zu Silvester dürfe es beim Kontaktverbot keine Lockerungen geben, forderte Lauterbach weiter. "Wir müssen die Weihnachtszeit für eine Unterbrechung der Pandemie nutzen und dürfen uns nicht an bis zu 500 Tote am Tag durch Covid gewöhnen."

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery (68) springt Lauterbach in dieser zweifelsohne unpopulären Einschätzung bei. Der Mediziner spricht sich für harte Ausgangsbeschränkungen aus, um einen "Kollaps der Intensivstationen nach dem Jahreswechsel" zu vermeiden. Menschen sollten bis Weihnachten "nur noch aus triftigem Grund das Haus verlassen dürfen". Für Montgomery sind dies Wege zur Arbeit, Schule, Kita zum Supermarkt oder eben zum Arzt. "Alles andere sollte für die kommenden zwei Wochen verboten und sanktioniert werden", sagt Montgomery ebenfalls der "Rheinischen Post".

Spahn erwägt "härtere Maßnahmen" bei hohen Neuinfektionsraten

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) scheint im Kampf gegen die Pandemie einen härteren Teil-Lockdown durchaus in Betracht zu ziehen. "Der Ansatz, kurz und umfassender, um wirklich einen Unterschied zu machen, ist wahrscheinlich der erfolgreichere. Wenn wir nicht hinkommen mit der Entwicklung der nächsten ein, zwei Wochen bis Weihnachten, dann müssen wir das diskutieren", sagte Spahn beim TV-Sender Phoenix. Nicht ausschließen wollte Spahn demnach auch Einschränkungen beim Einzelhandel.

Unklar ist, ob es auch zu einer Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen kommt. In der Vergangenheit diskutierten und beschlossen die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Länder solche weiteren Beschränkungen des öffentlichen Lebens. Bislang ist eine neue Ministerpräsidentenkonferenz für den 4. Januar geplant.

Kanzlerin Angela Merkel (66, CDU) hatte am Montag in einer Videositzung der Unionsfraktion nach Angaben von Teilnehmern betont, mit den bisherigen Maßnahmen komme man von den auf einem viel zu hohen Niveau stagnierenden Infektionszahlen nicht herunter. Das heiße, man werde den Winter nicht ohne zusätzliche Maßnahmen durchstehen können. Was wo zu tun sei, müsse noch vor Weihnachten entschieden werden.

Zahl der Neuinfektionen bleibt auf hohem Niveau

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus bleibt in Deutschland auf hohem Niveau. Die Gesundheitsämter haben dem Robert Koch-Institut (RKI) 14.054 neue Corona-Infektionen binnen 24 Stunden gemeldet, geht aus Zahlen des RKI vom Dienstagmorgen hervor. In der Vorwoche waren es am Dienstag 13.604 neue Fälle. Der bisherige Höchststand war am 20. November mit 23.648 gemeldeten Fällen erreicht worden. Binnen eines Tages sind außerdem 423 neue Todesfälle gemeldet worden. In der Vorwoche lag dieser Wert noch bei 388.

In der Tendenz war die Zahl der täglichen Todesfälle zuletzt nach oben gegangen, was nach dem steilen Anstieg bei den Neuinfektionen erwartet wurde. Der bisherige Höchststand von 487 gemeldeten Todesfällen binnen eines Tages wurde am vergangenen Mittwoch erreicht. Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 19.342.

rei/dpa
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