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Christoph Bornschein

Wettbewerb um Digitalprofis Die wichtigsten Lehren aus der digitalen Leere

Christoph Bornschein
Eine Kolumne von Christoph Bornschein
Die Bereitschaft zur Veränderung ist hoch in den Unternehmen – doch wie die richtigen Leute anlocken? Vor allem die Industrie muss kreativ sein, um Digitaltalente anzuwerben, ohne die Stammbelegschaft zu kränken.
aus manager magazin 7/2022
Angestammtes Habitat: Die Digitaltalente stammen meist aus urbanem Umfeld – warum sollten sie zu einem Hidden Champion in die Provinz ziehen?

Angestammtes Habitat: Die Digitaltalente stammen meist aus urbanem Umfeld – warum sollten sie zu einem Hidden Champion in die Provinz ziehen?

Foto: Getty Images

"Es ist ein Thema, dass uns die Fachkräfte fehlen", rief kürzlich IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, "und zwar knallhart im Handwerk, aber auch in den Bereichen, wo neue industrielle Wertschöpfung notwendig ist." Das Treffen des Bündnisses "Zukunft der Industrie" von BDI, Bundeswirtschaftsministerium und Gewerkschaft stand Anfang Juni zwar eher im Zeichen der Gegenwart. Einen Augenblick lang jedoch sprach Hofmann ein Grundproblem industrieller Zukunftsfähigkeit an, das alle Unternehmen unseres Landes betrifft.

Über die Grundlagen für die anstehende Transformation herrscht ja weitgehend Einigkeit. Die womöglich schmerzvolle Veränderung der Wertschöpfung: verstanden. Zukunftsbereitschaft: gegeben. Es fehlen nur: die richtigen Leute. Dabei ist der Erfolg des industriellen Wandels maximal abhängig von digitaler Expertise, von Software-Know-how und von Menschen, die beides mitbringen. Das betrifft Fragen der IT-Sicherheit und der Prozessdigitalisierung, aber immer stärker auch Softwareentwicklung und ganz grundsätzlich das Geschäftsmodell.

Zu spüren bekommen das insbesondere die Hidden Champions der deutschen Industrie. Die Menschen, die sie brauchen, sind häufig urban sozialisiert. Sie leben, denken und arbeiten in Städten. Sie haben wenig Lust, dem Ruf in die Provinz zu folgen – und dank der ihnen verfügbaren Fähigkeiten auch wenig Anlass, außerhalb ihres Habitats Neues zu probieren.

So weit, so verkürzt. Auch wenn mancher Industriespezialist seine IT-Kräfte tatsächlich täglich per Shuttle aus der nächsten Großstadt holt, steckt hinter der Expertisedürre des Mittelstandes mehr als nur der Unwille versnobter Städter. Unternehmen, die in Konkurrenz zu Konzernen, Start-ups und Techgiganten um Fachkräfte werben, haben oft ein Storyproblem – sie versuchen, mit den Erfolgen der Vergangenheit zu locken, nicht mit Möglichkeiten der Zukunft. Dabei ist die Zukunft der global eingesetzten Verpackungsmaschine, gut erzählt, die deutlich spannendere Story als die tausendste Future of E-Commerce. Mit ihr beginnt das attraktive Angebot.

Damit beginnen aber auch die Probleme. Wo eine an modernen Techcompanys orientierte, Start-up-erfahrene Workforce auf eine paternalistische, um die Fabrik als Herz sortierte Ingenieursarbeitskultur trifft, gibt es natürlich Reibungen, die aufgefangen und moderiert werden müssen. Wenn diese Arbeitskräfte dringend gebraucht werden, sich aber zieren können, ist das Ausdruck einer Machtverschiebung. Den Digitaltalenten reicht ein verdienter Firmenname mit Wirtschaftswundergeschmack nicht mehr aus. Sie wollen nicht in der schönen Unternehmensheimat leben und möchten am liebsten in der Mittagspause surfen gehen. Kann man da was machen?

Im Wettbewerb um die Talente der Zukunft ist Kreativität gefragt. Mercedes-Benz.io beispielsweise baut sich zu einem großen Teil in Portugal auf: besserer Talentzugang, gute universitäre Ausbildung und die Erkenntnis, diese Leute nicht zu einem guten Preis nach Stuttgart locken zu können. Alles zu bieten, was die Digital-Workforce will, kann eine Lösung sein. Es ist jedoch zugleich der Beginn des nächsten Problems: Wie vermittelt das Unternehmen denen, die im Dreischichtsystem der alten Industriewelt am Band stehen, dass auch sie eine unverzichtbare Rolle für die Wertschöpfung spielen? Schließlich ist es aktuell immer noch zu einem hohen Grad deren Arbeitskraft, die jedes Zugeständnis an die jungen Digitalen finanziert.

In diesem Anforderungssystem ist der abstrakte Fachkräftemangel kein isoliertes Problem. Neue Wertschöpfung braucht neue Talente, neue Talente entstehen in neuen Umgebungen, neue Umgebungen definieren neue Regeln. Kurz: Der demografische und der kulturelle Wandel machen den Fachkräftebedarf zu etwas Größerem als einem reinen Angebot-Nachfrage-Problem.

Wo unterschiedliche Wertschöpfungsformen, Karrierekonzepte und Kulturen parallel existieren, müssen Unternehmen Arbeitgeberplattformen werden, die die Unterschiede ihrer diversen Mitarbeiterschaften verwalten und moderieren können. Moderation, Integration, neue Anreizsysteme, Maximierung der Optionen – eine gewaltige Herausforderung für eine Industrie, die ihren Erfolg vor allem der jahrelangen Standardisierung und Optimierung verdankt. Wenn die Gegenwart es demnächst wieder zulassen sollte, könnte ein Bündnis "Zukunft der Industrie" womöglich helfen.

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