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Große Koalition: Merkels neue Minister(innen)

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Regierung mit Schlagseite Merkels neues Kabinett im Diversity-Check

50 Prozent Frauenquote! Etwas voreilig hatte manager-magazin.de nach der Einigung zur nächsten Großen Koalition geschrieben, Angela Merkel habe Wort gehalten. Zum Internationalen Frauentag sickert zwar mit der SPD-Politikerin Franziska Giffey eine weitere weibliche Überraschung für das künftige Kabinett durch. Doch wenn die Sozialdemokraten mit ihrer endgültigen Liste am Freitag bei der Ankündigung bleiben, je drei Ministerinnen und Minister zu benennen, landet der Frauenanteil insgesamt bei 47 Prozent.

Dass es für 50 Prozent nicht reicht, liegt an der CSU, die drei Männer auf die ihr zugestandenen Posten in Berlin schickt, und Dorothee Bär als Frau fürs Digitale nur in die zweite Reihe. Doch immerhin: Das Kabinett Merkel III startete nach der Bundestagswahl 2013 nur mit sechs Frauen, also einem Anteil von 35,2 Prozent.

Das Plus im Kabinett steht dem seit der Wahl 2017 von 36,5 auf 30,7 Prozent gesunkenen Frauenanteil im Bundestag entgegen (was vor allem am Einzug der extrem männlich dominierten Oppositionsparteien AfD und FDP lag).

Paritätisch quotiert sind nur wenige nationale Regierungen wie die in Kanada (15 von 30), Schweden (12 von 23) - und die in Frankreich auch nur, wenn man drei Staatsministerinnen ohne eigenes Ressort mitzählt (11 von 20). International sendet Schwarz-Rot also durchaus ein kräftiges Signal, und an die deutsche Wirtschaft sowieso: Die Dax-Konzerne kommen gerade einmal auf ein Achtel weibliche Mitglieder in den Vorständen und ein knappes Drittel in den Aufsichtsräten, letzteres auch wegen der gesetzlichen Frauenquote.

Doch neben der Geschlechterverteilung sind ja noch andere Aspekte wichtig, inwieweit die Führung des Landes die gesellschaftliche Vielfalt abbildet oder fördert. Hier ist die Groko im Diversity-Check:

Geht Baden-Württemberg leer aus?

Der Regionalproporz gehört seit jeher zu den Kriterien, auf die bei der Regierungsbildung geachtet wird - jedenfalls innerhalb der Parteien, um alle wichtigen Landesverbände zu bedienen; im Fall der CSU sogar die bayerischen Regionen, so hat ein Ministerposten für Franken Tradition - was nun allerdings als Argument für die Fränkin Dorothee Bär offenbar nicht ausreichte.

Es wäre auch ein Problem, sollte sich eine ganze Region nicht im Kabinett repräsentiert fühlen. Genau das könnte im Kabinett Merkel IV jedoch der Fall sein: Denn die Kanzlerin selbst wäre nach dem Ausscheiden Johanna Wankas und Thomas de Maizières die einzige ostdeutsche Vertreterin, jedenfalls die einzige mit DDR-Biografie, wenn die SPD nicht auf Franziska Giffey gekommen wäre, die aktuell im (West-)Berliner Bezirk Neukölln wirkt.

So kommt die Region noch auf einen Ministerposten pro acht Millionen Einwohner - rein rechnerisch gar nicht so stark unterrepräsentiert. Der deutsche Durchschnitt liegt bei rund fünf Millionen Einwohnern pro Minister.

Baden-Württemberg (11 Millionen) kann sich noch stärker unterrepräsentiert fühlen. Da die CDU die von dort stammende Annette Widmann-Mauz nun doch nicht bedacht hat, könnte nur die SPD die Lücke für das Kraftzentrum der deutschen Industrie füllen. Doch deren Landesverband ist notorisch schwach, Landeschefin Leni Breymaier muss die Partei im Südwesten nach dem vierten Platz bei der Wahl 2016 erst wieder ausrichten.

Die größten Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen wären mit je drei Ministern hingegen nah am Mittelwert. Besonders gut vertreten ist die CDU aus den Wahlkreisen des Kreises Steinfurt mit gleich zwei Ministern (Jens Spahn und Anja Karliczek), die zudem noch beide Absolventen der Fernuniversität Hagen sind.

Die Saarländer sind offenbar zehnmal so ministeriabel wie die Normaldeutschen, jedenfalls wäre die Eine-Million-Bevölkerung mit Peter Altmaier und Heiko Maas weiterhin gleich doppelt vertreten; und ihre Landsfrau Annegret Kramp-Karrenbauer ist als CDU-Generalsekretärin (und perspektivisch Merkel-Nachfolgerin) ebenfalls an mächtiger Stelle in Berlin.

Alter, sind die alt

Da die SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks (65) offenbar ausscheidet und auch Spitzenkandidat Martin Schulz (62) zum Rückzug gedrängt wurde, hält neben Angela Merkel (63) lediglich die CSU der Generation über 60 die Stange: Kabinettssenior ist Horst Seehofer (68), auch Gerd Müller (62) kann eher Erfahrung als Pluspunkt verbuchen.

Das heißt aber nicht, dass die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge (üblicherweise definiert als 1955 bis 1969) die Bundesregierung so dominieren wie die Bevölkerung.

Einige der Personalvorschläge sind jünger, aber außer dem designierten Gesundheitsminister Jens Spahn (Jahrgang 1980) allesamt in den ausgesprochen geburtenschwachen 70er Jahren geboren; diese Generation ist damit sogar überrepräsentiert.

Der Altersdurchschnitt der CDU- und CSU-Minister liegt bei 52,7 Jahren, mithilfe der SPD könnte er noch in Richtung 50 sinken, etwas niedriger als beim vorigen Anlauf 2013 mit 54 - im Vergleich zu 42 Jahren für die Gesamtbevölkerung, aber Minderjährige kommen für Regierungsämter ja noch weniger infrage als Rentner; adäquat für ein Land, das nicht mehr viel vorhat. Die aktuelle schwedische Regierung, deren Land den Trend zur Überalterung umgekehrt hat, startete 2014 mit einem Durchschnittsalter von 45.

Migrationshintergrund bleibt im Hintergrund

Mehr als jeder Fünfte in Deutschland hat laut amtlicher Statistik einen Migrationshintergrund, also mindestens ein Elternteil, das mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde (die Zählung stammt von 2015 vor den großen Flüchtlingszahlen). Auf Merkels Kabinettsliste erfüllt dieses Kriterium nur Katarina Barley als in Köln geborene Tochter eines britischen Journalisten (5,9 Prozent).

Für den Zusammenhalt der Gesellschaft und die große Aufgabe der Integration von Migranten käme es wohl eher auf Vertreter der großen türkisch-, polnisch-, russisch- oder arabischstämmigen Minderheiten an. In dieser Hinsicht: völlige Fehlanzeige. Das Kabinett 2018 wirkt, als gelte die alte völkische Definition der deutschen Nation fort - im Widerspruch zur vielfältigen gesellschaftlichen Realität. Um für die DFB-Elf zu kicken, sind Mesut Özil oder Jerome Boateng gefragt. Zum Regieren gehört hingegen anscheinend weiße Haut.

Allerdings scheint Deutschland hier im europäischen Trend zu liegen. Auch die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien, die sich schon länger an Staatsbürger und auch Spitzenpolitiker verschiedener Hautfarben gewöhnt haben, zählen jeweils nur noch ein dunkelhäutiges Kabinettsmitglied.

Die Ausnahme bildet (neben klassischen Einwanderungsländern wie Kanada) wiederum Schweden, wo ein assyrisch-, ein iranischstämmiger Minister und eine Ministerin mit Vater aus Gambia amtieren. Und im Europäischen Rat trifft Merkel immerhin auf zwei Kollegen mit sichtbar indischen Vorfahren, den Iren Leo Varadkar und den Portugiesen António Costa, sowie Rumäniens Präsident Klaus Johannis als Vertreter der deutschen Minderheit, deren Migrationsgeschichte allerdings schon acht Jahrhunderte zurückliegt.

In dieser Hinsicht sind die Dax-Konzerne, die schon aus Interesse ihrer globalen Geschäfte internationale Erfahrung im Vorstand suchen, deutlich weiter. Wenn es nach Praxis im Ausland geht, können die Kabinettskandidaten Peter Altmaier (vier Jahre als EU-Beamter in Brüssel) und Ursula von der Leyen (dort geboren und aufgewachsen) auf die EU verweisen.

Jens Spahn brachte die Ausbildung bei der WestLB kurzzeitig nach Luxemburg. Katarina Barley und Andreas Scheuer besitzen wenigstens Uniabschlüsse aus Paris beziehungsweise Prag (Scheuer beschäftigte sich dafür allerdings nur mit der CSU in Bayern). Und von der Leyen lebte zudem einige Jahre im Silicon Valley.

Die Hälfte kennt die Arbeitswelt außerhalb der Politik

Mit Blick auf die Spaltung zwischen Arm und Reich ist von Kabinettsmitgliedern schon qua Ministergehalt nicht zu erwarten, dass sie die Perspektive von Hartz-IV-Empfängern oder auch von Durchschnittsverdienern aus eigener Anschauung begreifen. Akademische Bildung kann auch mit Blick auf die Kompetenz nicht schaden.

Repräsentativ für das Land mit seiner Akademikerquote mit noch immer kaum 18 Prozent ist das Kabinett aber bei weitem nicht. Hier ist es umgekehrt: Nur der Politveteran Horst Seehofer bringt die Erfahrung eines Lebenslaufs ohne Abitur mit, macht eine Nicht-Akademikerquote von 5,9 Prozent.

Heiko Maas arbeitete immerhin einmal ein Jahr im Ford-Werk, verstärkt ansonsten die sechsköpfige Bank der Volljuristen (Ökonomen gibt es keine). Rund die Hälfte des Kabinetts kennt die Arbeitswelt nur in Form von Parteien, Ministerien oder Behörden.

Jeder zweite ist kinderlos

Die sexuelle Orientierung ist eine ziemlich private Frage - mit Blick auf die Vielfalt gesellschaftlicher Perspektiven aber relevant, auch nach dem Last-Minute-Entscheid zur Ehe für alle in der vergangenen Legislaturperiode.

Jens Spahn ist nach dem Ausscheiden von Barbara Hendricks der einzige bekennend homosexuelle Minister (inzwischen auch verheiratet); er könnte eventuell vom SPD-Politiker Matthias Miersch ergänzt werden. Peter Altmaier lebt als Dauer-Single, weist Beschreibungen als homo- oder asexuell aber zurück - auch so eine von der Norm abweichende Lebenserfahrung und somit potenziell eine Bereicherung für die Debatte über die gesellschaftliche Modernisierung.

Ansonsten pflegen alle Kabinettskandidaten eine heterosexuelle Ehe oder feste Beziehung, manche von ihnen aber mit den vielen Normaldeutschen bekannten biografischen Brüchen. Horst Seehofer, Andreas Scheuer und Heiko Maas leben in der einen oder anderen Form in Patchwork-Familien.

Soweit bekannt, ist fast jedes zweite designierte Kabinettsmitglied kinderlos. Der Durchschnitt von 1,3 Kindern liegt unter dem deutschen Mittel - und auch den verdanken die Minister nicht zuletzt der siebenfachen Mutter Ursula von der Leyen.

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