Henrik Müller

Internationale Wirtschaft Die Unordnung der Welt

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Umrisse einer weltweiten Multikrise zeichnen sich ab: Krieg, Hunger, Energieknappheit, Inflation. Der Westen müht sich, die Kontrolle zu behalten – mit ungewissem Ausgang.
Ein Einkaufszentrum im ukrainischen Odessa nach einem Raketenangriff: Dass Wladimir Putin diesen Krieg gewagt hat, ist das Resultat einer instabilen internationalen Ordnung

Ein Einkaufszentrum im ukrainischen Odessa nach einem Raketenangriff: Dass Wladimir Putin diesen Krieg gewagt hat, ist das Resultat einer instabilen internationalen Ordnung

Foto: Francisco Seco / AP

Damit die Wirtschaft florieren kann, braucht es einen robusten internationalen Ordnungsrahmen. Ohne verlässliche politische Bedingungen fehlen die Grundlagen, auf denen stabile Geschäftsmodelle gedeihen können. Wir erleben gerade, was geschieht, wenn eine internationale Ordnung in Auflösung begriffen ist.

Ökonomisch gesehen stehen wir vor einem üblen Szenario: Nahrungsmittelknappheit, Energieengpässe, Inflation, schwache wirtschaftliche Dynamik, Schuldenkrisen, dazu die immer stärker spürbaren Folgen des Klimawandels – die Umrisse einer weltweiten Multikrise zeichnen sich ab. Besonders hart trifft sie arme Entwicklungsländer. Aber auch in wohlhabenden westlichen Volkswirtschaften wächst das Risiko einer Rezession bei zugleich davoneilenden Preisen. (Montag stellt die EU-Kommission ihre neue Konjunkturprognose vor, Dienstag gibt’s neue Zahlen zur jüngsten Wirtschaftsentwicklung, Mittwoch zur Inflation.)

Der unmittelbare Auslöser dieser Krise ist der russische Angriff auf die Ukraine. Aber dass Wladimir Putin diesen Krieg überhaupt gewagt hat, ist das Resultat einer instabilen internationalen Ordnung. Er schätzte sie offenkundig als so schwach ein, dass er nicht mit viel Gegenwehr rechnete.

Nun belasten gekürzte Gaslieferungen, Ölboykotte, ausbleibende Getreideexporte und durchschnittene Lieferketten das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger. Ein Ende der Zumutungen ist vorerst nicht in Sicht.

Immerhin, der Westen gibt sich alle Mühe, die Lage unter Kontrolle zu halten. Unter deutschem Vorsitz tagen in der bevorstehenden Woche die Regierungen der G7-Staaten in verschiedenen Konstellationen: Mittwoch treffen sich die Finanzminister und Notenbankchefs sowie die Entwicklungshilfeminister, Freitag die Gesundheitsminister. Zu besprechen gibt es wahrlich genug. Unter anderem wollen die sieben großen westlichen Staaten der Ukraine soviel Geld zur Verfügung stellen, dass sie nicht mitten im Krieg Pleite geht.

Wie die Schlafwandler

Trügerisch an einer internationalen Ordnung ist, dass man sie kaum wahrnimmt, solange sie stabil ist. Die Dinge gehen ihren gewohnten Gang. Die Bürger führen ihr Leben. Die Wirtschaft geht ihren Geschäften nach. Sicher, es kommt hin und wieder zu Krisen und kleineren Konflikten, aber im Großen und Ganzen schützt ein verlässlicher Rahmen vor einem Abgleiten ins Chaos.

Dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gingen fünf Jahrzehnte Prosperität und Sicherheit voraus. Eine Handvoll europäischer Großmächte hatte sich auf Prinzipien des Ausgleichs verständigt. Ansonsten setzte man auf industrielle Entwicklung, offene Grenzen und stabile Staatsfinanzen, untermauert durch den allseits akzeptierten Goldstandard. Am Vorabend des Kriegsausbruchs 1914 war es für viele unvorstellbar, dass dieses System in einer mörderischen und sinnlosen Auseinandersetzung untergehen gehen könnte. Entsprechend driftete die Staaten Europas wie "Schlafwandler" in die militärische Katastrophe, wie der Historiker Christopher Clark in seinem gleichnamigen Buch formuliert hat.

Als der Krieg zu Ende war, beschrieb der britische Ökonom John Maynard Keynes hellsichtig, dass seine Zeitgenossen einen Epochenbruch durchlebten. Sein Essay "The economic consequences of peace" , erschienen 1919, beginnt mit einem melancholischen Rückblick auf die Zeit zwischen 1870 und 1914, jene Ära, die heutige Historiker als erste Globalisierung bezeichnen. Keynes war bewusst, dass diese "außergewöhnliche Epoche des wirtschaftlichen Fortschritts” zu Ende war und so bald nichts Vergleichbares wiederkommen würde.

Der Grund für Keynes Pessimismus lag vor allem in der Erkenntnis, dass die internationale politische Ordnung der Vorkriegszeit endgültig aufgehört hatte zu existieren. Und dass eine neue Ordnung sich nicht abzeichnete. Unter diesen Bedingungen brachte die Instabilität der Zwanziger- und Dreißigerjahre eine Weltwirtschaftskrise hervor, die in internationale wirtschaftliche Auseinandersetzungen, heftige soziale Spannungen und politische Radikalisierung, zumal in Deutschland, mündete. Es war die Vorgeschichte zum Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Krieg übernahmen die USA die Rolle als internationale Ordnungsmacht für den westlichen Teil der Welt. Sie schufen ein Institutionengeflecht, das lange Bestand hatte und auch fortbestand, nachdem sich 1989/90 der Eiserne Vorhang gehoben hatte. Als einzig verbliebene Weltmacht fungierten nun Amerika – und in geringerem Maß – seine westlichen Verbündeten als Stützen des internationalen politischen Rahmens, innerhalb dessen die zweite Globalisierung gedeihen konnte. 2001 wurde China, von Washington massiv unterstützt, Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO), 2011 auch Russland.

Eine Gewöhnung an internationale Stabilität als Normalfall setzte ein. Rückschläge, wie Russlands Annexion der Krim 2014, wurden nicht als Auflösungserscheinungen des Ordnungsrahmens gedeutet, sondern als Ausrutscher. Die meisten europäischen Staaten, zumal die Bundesrepublik, fuhren ihre Verteidigungsausgaben zurück, während die wirtschaftlichen Beziehungen auch zu problematischen Staaten wie China und Russland ohne großes Problembewusstsein immer weiter ausgebaut wurden.

Einmal Davos und zurück

Weil die internationale Ordnung als gegeben angenommen wurde, brachte die Globalisierung ein Primat der Wirtschaft hervor. Konzerne wuchsen zu mächtigen Global Players heran, die teils mehr Leute beschäftigen als einige EU-Staaten Einwohner haben. Dass letztlich Staaten und internationale Institutionen das Fundament bildeten, auf dem der ökonomische Austausch gedeihen konnte, trat in den Hintergrund.

Es war die große Zeit des World Economic Forum in Davos. (Achten Sie auf das diesjährige Treffen ab Sonntag.) Hinter den Events, bei denen einmal im Jahr in den Schweizer Alpen Topmanager, Staatenlenker, Wissenschaftler, Aktivisten und Celebritys ohne protokollarische Zwänge und große Entourage zusammenkommen, stand letztlich der Glaube, dass sich die Probleme der Welt durch den direkten Austausch der Mächtigen, Reichen und Einflussreichen lindern ließen. Fruchtbare informelle Netzwerke zwischen großen Persönlichkeiten sollten entstehen, jenseits von Staaten und Institutionen. Das war nicht falsch. Aber die Realität, in der wir inzwischen leben, ist eine andere.

Es geht jetzt wieder um bloße, rohe Macht. Hauptakteure sind längst wieder die Staaten. Russland bricht auf brutale Weise internationales Recht. Viele andere Staaten jenseits des Westens, darunter die Milliarden-Nationen China und Indien, sind nicht bereit zu einer klaren Abgrenzung oder sichern sogar Unterstützung zu. Die USA, die G7 und der Westen insgesamt sind womöglich nicht mehr mächtig genug, die bisherige internationale Ordnung zu garantieren. Gehen die verbliebenen Reste dieser Ordnung zugrunde, dann ist auch das politische Fundament Geschichte, auf dem in den vergangenen Jahrzehnten die Wirtschaft florieren konnte.

Es wirkt deshalb völlig aus der Zeit gefallen, wenn ein Topmanager wie VW-Chef Herbert Diess (63) dieser Tage bei einer Veranstaltung der Financial Times fordert, die EU müsse alles tun, um den Ukraine-Krieg rasch auf dem Verhandlungsweg zu beenden, damit man zurückkehren könne zu einer Welt der offenen Märkte und des freien Handels. Back to business as usual?

Das Skandalöse an Russlands Krieg besteht nicht nur in der Zerstörung von Menschenleben, Städten und Landstrichen, sondern auch in der völligen Missachtung jeglicher Grenzen, die das internationale Recht setzt. Wenn solches Gebaren zum Erfolg führt, wird die Welt noch unsicherer. Das Fundament, auf dem auch die Wirtschaft steht, würde endgültig zerbröseln.


Für die Wirtschaft heißt das: Sie wird kaum umhinkommen, dem Primat der Politik zu folgen, nicht umgekehrt, wie das in der deutschen Außenpolitik in den vergangenen Jahrzehnten der Fall war. Recht und Freiheit sind höhere Werte als Umsätze und Gewinne. Und doch: Große Konzerne sind entscheidende Spieler im Konzert der Mächte. Daraus erwächst nicht nur soziale, sondern auch politische Verantwortung. Sie werden sie wahrnehmen müssen – der Westen kann auf diese Unterstützung nicht verzichten.

Wichtige Wirtschaftstermine der kommenden Woche

Montag
Brüssel – Europas Konjunktur – Die EU-Kommission präsentiert ihre Frühjahrsprognose.

Potsdam – Gehaltsfragen – Fortsetzung der Tarifverhandlungen für Beschäftigte in Kitas und Sozialarbeit.

Peking – Chinas Wirtschaft – Das Statistikamt berichtet über die Wirtschaftsentwicklung im April.

Konzernergebnisse I – Geschäftszahlen von Ryanair.


Dienstag
LuxemburgBelastungen des Krieges – Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht eine erste Schätzung zur Wirtschaftsentwicklung und zur Beschäftigung im ersten Quartal 2022.

Konzernergebnisse II – Geschäftszahlen von Daimler Truck, Euronext, Vodafone, Home Depot, Walmart.

Mittwoch

Bonn – Internationale Geldfragen – Treffen der G7-Finanzminister und -Notenbankchefs unter deutscher G7-Präsidentschaft (bis Freitag).
Berlin – Globale Hungergefahr – Treffen der G7-Entwicklungsminister.

Luxemburg – Europäische Inflation – Eurostat legt neue Zahlen zur Preisentwicklung vor.

Konzernergebnisse III – Geschäftszahlen von ABN Amro, Ströer, Target, Cisco.


Donnerstag

Berlin – Corona und kein Ende – Treffen der G7-Gesundheitsminister (bis Freitag).

Konzernergebnisse IV – Geschäftszahlen von Vallourec, Südzucker, Generali, Easyjet.


Freitag

Konzernergebnisse V – Geschäftszahlen von Deere, Richemont.


Sonntag
Davos – Davos Men in action – Beginn der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF).