Wirtschaftsforscher zur möglichen Pleitewelle "Insolvenzen sind ein Treiber von Wirtschaftswachstum"

Arbeitgeberverbände warnen vor einem großen Firmensterben. Der Wirtschaftsforscher Steffen Müller gibt vorsichtige Entwarnung – und betont die positiven Effekte von Insolvenzen.
Das Interview führte Finn Walter
Schlussverkauf bei Görtz. Der Schuhhändler steckt seit Jahren in der Miese. Jetzt ist das Unternehmen insolvent.

Schlussverkauf bei Görtz. Der Schuhhändler steckt seit Jahren in der Miese. Jetzt ist das Unternehmen insolvent.

Foto: Michael Weber IMAGEPOWER / imago images/Michael Weber

manager magazin: Herr Müller, müssen wir uns in Deutschland auf eine große Insolvenzwelle vorbereiten?

Steffen Müller: Wir hatten in den letzten Jahren sehr wenige Insolvenzen, deutlich weniger als vor der Coronakrise. Im August haben wir nun eine Trendwende gesehen, die Zahl der Insolvenzen lag 26 Prozent höher als vor einem Jahr. Die Zahlen werden wohl in den nächsten Monaten noch weiter steigen. Das ist aber noch keine Insolvenzwelle – der Anstieg ist nur so groß, weil wir von einem sehr niedrigen Niveau aus gestartet sind.

Zur Person
Steffen Müller leitet die Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibnitz Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Im Jahr 2009 promovierte er an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zu Betriebsräten und deren Einfluss auf Produktivität und Gewinn. Müller absolvierte Forschungsaufenthalte in Berkeley und in Davis.

Steffen Müller leitet die Abteilung Strukturwandel und Produktivität am Leibnitz Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Im Jahr 2009 promovierte er an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zu Betriebsräten und deren Einfluss auf Produktivität und Gewinn. Müller absolvierte Forschungsaufenthalte in Berkeley und in Davis.

Foto: Fotowerk BF

Jedem dritten Unternehmen drohe die Pleite, hat der Bundesverband der Deutschen Industrie erklärt. Auch andere Verbände warnten vor einer Pleitewelle. Ist das übertrieben?

Man sollte erst einmal feststellen: Die Verbände haben auch zu Beginn der Coronakrise 2020 dramatische Szenarien angekündigt. Die sind nicht eingetreten. Wenn jedes dritte Unternehmen akut gefährdet wäre, wären das 50 bis 100 Mal so viele, wie derzeit pro Jahr Insolvenz anmelden. Ich würde diese Warnungen daher nicht eins zu eins für bare Münze nehmen. Aber die Situation ist zweifelsohne für viele Unternehmen derzeit schwierig, daher sage auch ich: Die Zahl der Insolvenzen wird demnächst deutlich steigen.

Ab wie vielen Insolvenzen wird es denn kritisch?

Das hängt davon ab, wie groß die Insolvenzen sind. Die meisten Unternehmen, die in die Insolvenz rutschen, sind eher klein. Wenn jetzt allerdings reihenweise Unternehmen der Größenordnung wie Görtz oder Hakle  Insolvenz anmelden müssten, dann könnten auch 1000 Insolvenzen schon ausreichen für eine Krise.

Welche Branchen sind aktuell besonders betroffen?

Die energieintensive Industrie gerät im Moment stark unter Druck wegen der steigenden Preise. Das gilt besonders für Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen – denn die Energiepreise steigen ja nicht überall auf der Welt gleichermaßen. Betroffen sind derzeit unter anderem die chemische Grundstoffindustrie, die Glasindustrie und die Papierindustrie.

Was kann der Staat jetzt tun, um das schlimmste abzuwenden?

Ich halte es jetzt nicht für sehr vielversprechend, den Unternehmen Liquiditätshilfen zu geben oder die Insolvenzantragspflicht auszusetzen. Bei einem kurzfristigen und überraschenden Schock ist es sinnvoll, die guten Firmen zu schützen und dabei in Kauf zu nehmen, dass auch schwache Firmen Geld bekommen. Das war in der Pandemie so, da waren solche Hilfen richtig. Momentan bewerte ich die Situation anders.

"Wir bremsen die Wirtschaft, wenn wir zu lange schwache Firmen fördern"

Aber auch jetzt gab es einen kurzfristigen Schock: Die Energiekosten sind massiv gestiegen. Wäre es nicht sinnvoll, den Unternehmen hier gezielt zu helfen?

Die Energiepreise mit staatlichen Eingriffen zu senken, halte ich für den falschen Anreiz. Wir müssen ja derzeit vor allem Energie einsparen. Eine gute Politik wäre es, das Angebot an Energie zu erhöhen. Außerdem würden zinsgünstige, zweckgebundene Darlehen helfen, mit denen Unternehmen auf energieeffizientere Produktion umrüsten können. Aber es geht nicht um eine kurzfristige Überbrückung. Alle Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass Energiekosten, Zinskosten, aber auch Lohnkosten dauerhaft hoch sein werden. Wer das nicht leisten kann, sollte nicht gerettet werden. Es klingt hart, aber: Insolvenzen sind ein Treiber von Wirtschaftswachstum.

Wie meinen Sie das?

Wenn schwache Unternehmen den Markt verlassen, werden Ressourcen frei, die effektiver eingesetzt werden können. Vor allem können Fachkräfte dann in zukunftsfähige Unternehmen wechseln, wo sie mehr gebraucht werden. Deswegen bin ich skeptisch bei zu starker Subventionspolitik. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Wir haben ja einen Fachkräftemangel bei Unternehmen, denen es gut geht. Wir bremsen die Wirtschaft, wenn wir zu lange schwache Firmen fördern, die ohne staatliche Hilfe eigentlich schon längst vom Markt verschwunden wären.

Gibt es Schätzungen, wie viele solcher Zombie-Unternehmen es in Deutschland eigentlich gibt?

Schätzungen zufolge bewegt sich das im einstelligen Prozentbereich – also 5 Prozent bis 8 Prozent, je nachdem was man für Zahlen nimmt. Das sind Unternehmen, die eigentlich nicht mehr in der Lage wären, mit den Gewinnen aus ihrer Geschäftstätigkeit ihre eigenen Schulden zu bedienen.

"Wenn es gut läuft, verlieren wir durch eine Wirtschaftskrise vor allem unproduktive Unternehmen."

Ist dieser Anteil schon gefährlich?

Das hängt davon ab, wie stark die Zinsen steigen. Die Zinsen müssten schon rasant steigen, um da in bedrohliche Größenordnungen zu kommen. Aber auch schon bei 5 Prozent reden wir über etwa Hunderttausend Betriebe. Die werden natürlich nicht alle bei einer Zinssteigerung in die Insolvenz gehen, aber das sind die, die zuerst angezählt sind.

Das klingt nun allerdings so, als könnte doch eine Insolvenzwelle auf uns zukommen.

Es gibt auch Unternehmen, die auf Zinssteigerungen positiv reagieren werden und gezwungen werden effizienter zu arbeiten. Wenn es gut läuft, verlieren wir durch eine Wirtschaftskrise vor allem unproduktive Unternehmen. Dann ist es wichtig, dass die entlassenen Beschäftigten in gute Unternehmen wechseln können, die Fachkräfte suchen. Wenn das gelingt, können wir gestärkt aus der Krise hervorgehen.

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