Henrik Müller

Inflationssorgen Gefahr steigender Preise vielleicht größer als gedacht

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Wie weit steigen die Inflationsraten? Bislang geben sich die Notenbanken gelassen. Doch einige neue Faktoren könnten für hässliche Überraschungen sorgen.
Kunde an Supermarktkasse: Steigende Preise bereiten Ökonomen und Konsumenten gleichermaßen Sorgen

Kunde an Supermarktkasse: Steigende Preise bereiten Ökonomen und Konsumenten gleichermaßen Sorgen

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Manches kann man sich nicht ausdenken. Die CDU bewarb ihre damalige Kanzlerkandidatin Angela Merkel (66) im Wahlkampf 2005 mit dem Rolling-Stones-Song "Angie" – offenkundig ohne nähere Kenntnis des Textes, der so traurige Zeilen enthält wie diese: "With no loving in our souls and no money in our coats/you can’t say we’re satisfied". Keine Liebe, kein Geld, keine Erfüllung – man kann das als selbstironische Verdrehung verstehen, muss man aber nicht.

Nun bemüht die OECD, die Organisation der Marktdemokratien, ebenfalls einen Songtitel: "Don’t stop me now" ist ein Beitrag zu ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick  überschrieben. In dem Klassiker der Band Queen heißt es: "I'm a rocket ship on my way to Mars…” Das allerdings fasst die aktuelle konjunkturpolitische Debatte ziemlich gut zusammen.

Eigentlich lautet die Botschaft der OECD-Forscher: Regierungen und Notenbanken sollten den Aufschwung nach der schweren Covid-19-Krise erstmal laufen lassen. Keinesfalls dürften vorzeitige Bremsmanöver die Erholung gefährden, die in Teilen der Weltwirtschaft gerade erst beginnt. Doch zugleich mehren sich die Warnungen vor einer Überhitzung – einer überschießenden Wirtschaftsdynamik, die, um die Queen-Metapher zu bemühen, eine Inflationsrakete zünden könnte.

"Eine Wirtschaft auf Krücken”

Larry Summers (66), der frühere US-Finanzminister, hat kürzlich die US-Notenbank Fed mit deutlichen Worten dafür kritisiert, die Öffentlichkeit in "gefährlicher Gelassenheit" zu wiegen. Der Fed drohe die Kontrolle über die Inflation zu entgleiten. Kurz darauf veröffentlichte Zahlen scheinen seine These zu unterstreichen: In den USA ist die Jahresrate des Verbraucherpreisanstiegs inzwischen auf 4,2 Prozent emporgeschnellt.

Nun wendet sich der Blick nach Europa. Am Donnerstag trifft sich der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), um über den weiteren Kurs zu beraten. Ein unmittelbares Bremsmanöver ist nicht zu erwarten. Umso interessanter wird sein, welche Signale EZB-Chefin Christine Lagarde (65) in der anschließenden Pressekonferenz sendet.

Bislang hat sie immer wieder betont, Preisanstiege nach überstandener Corona-Krise würden "vorübergehend" sein. In nicht allzu ferner Zukunft werde sich die Inflationsdynamik wieder von allein abschwächen. Im Übrigen sei die Eurozone immer noch schwach, "eine Wirtschaft auf Krücken" , die zunächst mal über "die Brücke der Pandemie" humpeln müsse. Dieser Zustand sei lange noch nicht erreicht. In der Zwischenzeit müsse die Notenbank die Genesung mit Wertpapierkäufen, Niedrigzinsen und Sonderkreditprogrammen unterstützen.

Aber was bedeutet das konkret? Woran erkennen wir, dass das Ende der Brücke erreicht ist? Was müsste geschehen, damit die Euro-Bank beginnt gegenzusteuern? Welche Indikatoren hat sie im Blick? Inwieweit ist die EZB besorgt wegen der steigenden Inflationserwartungen an den Finanzmärkten? Und wie stellt sie sich eigentlich einen Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik konkret vor – erst die Anleihekäufe herunterfahren, dann die Strafzinsen auf Einlagen bei der Zentralbank abschaffen, dann allmählich die kurzfristigen Zinsen anheben und später irgendwann Anleihen auf den Markt werfen?

Fragen über Fragen. Die Antworten haben das Zeug, die Börsen erbeben zu lassen.

Viele Firmen planen Preiserhöhungen

Zugegeben, bislang ist von davon trabender Inflation in der Eurozone nicht viel zu sehen. Die Verbraucherpreise stiegen zuletzt mit einer Rate von 2 Prozent gegenüber Vorjahr. In Deutschland und elf weiteren der 19 Euro-Staaten lag der Anstieg im Mai laut Eurostat  bei 2 Prozent oder darüber. Ein Großteil des Plus ist die Folge höherer Energiepreise, die im Vergleichszeitraum des Jahres 2020 wegen der Shutdowns im Keller waren. Insofern sind die gestiegenen Konsumentenpreise tatsächlich ein "vorübergehendes" Phänomen, das vor allem statistische Ursachen hat.

Die Verbraucher mögen noch nicht viel von einem allgemeinen Preisanstieg spüren. Doch auf den vorgelagerten Produktionsstufen ist die Situation derzeit angespannt. Unternehmen haben Schwierigkeiten, Materialien und Vorprodukte zu bekommen; und auch sie sind mit steigenden Energiekosten konfrontiert. Folge: Die Erzeugerpreise, die Unternehmen in Deutschland für ihren Einkauf bezahlen , steigen so schnell wie seit zehn Jahren nicht mehr. (Damals hob die EZB übrigens zuletzt die Leitzinsen an, aber das nur am Rande.)

Nun wollen mehr und mehr Unternehmen in Deutschland die höheren Einkaufspreise an ihre Kunden weitergeben, wie eine aktuelle Umfrage des Ifo-Instituts zeigt. Im Großhandel planen derzeit zwei Drittel der Firmen Preiszuschläge, im Einzelhandel ein Drittel – Tendenz steigend. Die Preisdynamik scheint sich auf die Verbraucher zuzubewegen.

Auch der Anstieg der Erzeugerpreise könnte "vorübergehend" sein. Sobald die Kapazitäten wieder hochgefahren und die Läger gefüllt sind, sollten die derzeitigen Verspannungen zurückgehen und die Preisdynamik abflauen. Allerdings gibt es einige neue Faktoren, die für sehr unschöne Überraschungen sorgen könnten.

Jede Menge Wünsche

Schon wahr: Seit Langem kommen immer wieder Inflationssorgen auf, ohne dass sie tatsächlich Realität würden. Aber die Erfahrungen der Vergangenheit sind nicht immer ein guter Ratgeber für die Zukunft. Wir haben es mit einigen Entwicklungen zu tun, für die es keine unmittelbaren historischen Vorbilder gibt.

Da sind, erstens, die gigantischen Ersparnisüberschüsse der Bürger. In den wohlhabenden Ländern haben die privaten Haushalte im Corona-Jahr 2020 sprunghaft ihre Ersparnisse hochgefahren, wegen der Einschränkungen während der Shutdowns und wegen der gestiegenen Unsicherheit. Nun sitzen sie auf erheblichen Cash-Polstern; nach wie vor legen sie einen höheren Anteil am Einkommen zurück als vor der Pandemie. Bislang gehen die Konjunkturforscher davon aus, dass die Bürger diese Rücklagen ganz allmählich abbauen oder damit Schulden zurückzahlen und dass auch die Sparquoten ganz allmählich sinken.

Es kann aber auch anders kommen. So hält es die OECD immerhin für möglich, dass sich die Bürger jede Menge aufgestauter Konsumwünsche erfüllen und ihre "überschüssigen" Ersparnisse rasch herunterfahren. Die Folge wäre ein gigantischer Nachfrageschub, der die Inflation zusätzlich anschieben würde. Ob es soweit kommt, ist die größte Unbekannte im derzeitigen Konjunkturszenario.

Große globale Schubumkehr

Dazu kommt, zweitens, dass der Nach-Corona-Aufschwung auf eine veränderte Wirtschaftsstruktur trifft. Die demografische Entwicklung verknappt zusehends das Arbeitskräftepotenzial, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern praktisch überall in den großen Volkswirtschaften. Die Zahl der Menschen im beschäftigungsfähigen Alter geht zurück. Arbeit dürfte deshalb perspektivisch teurer werden. Lohn-Preis-Spiralen, ein Phänomen der Jahrzehnte vor der Globalisierung, würden zurückkehren, prophezeien die Ökonomen Charles Goodhard und Manoj Pradhan in ihrem Buch "The Great Demographic Reversal".

Parallel dazu spitzt sich die geopolitische Auseinandersetzung zwischen China und dem Westen zu. In den USA und in der EU bemüht man sich darum, die Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten zu verringern. Die internationale Arbeitsteilung soll ein Stück weit zurückgedreht werden – auch das wirkt aller Erfahrung nach preistreibend.

Die verschärfte Klimapolitik tut ein Übriges. Steigende CO2-Preise verteuern den Energieverbrauch. So resultiert mehr als ein Drittel des aktuellen Anstiegs der Erdgaspreise für industrielle Abnehmer in Deutschland aus der höheren CO2-Steuer, wie das Statistische Bundesamt vorrechnet . Bei perspektivisch weiter steigenden CO2-Preisen wird dies kein einmaliger Effekt sein. In die gleiche Richtung gehen die geplanten EU-Klimazölle.

Wie all dies zusammenwirkt, ist schwer vorhersehbar. Der derzeitige Ausblick ist mit fundamentaler Unsicherheit verbunden. Klar ist jedoch, dass einige preisdämpfende Entwicklungen der Vergangenheit – steigende Beschäftigtenzahlen, intensiver internationaler Wettbewerb, billige Energie – an ihr Ende gelangen.

Für die Notenbanken bedeutet das: Ihr Job wird anspruchsvoller. Sie müssen glaubwürdig darlegen, dass sie einem Preisanstieg auf breiter Front entgegentreten – und wie sie die Dynamik gegebenenfalls einbremsen wollen. Einige Preisverschiebungen, insbesondere bei klimaschädlich produzierten Produkten, werden unumgänglich sein. Aber das Preisniveau insgesamt sollte unter Kontrolle bleiben, schließlich ist das der gesetzliche Auftrag der EZB.

Niemand erwartet von Lagarde und Co., dass sie nächste Woche die Zinsen anheben. Dazu sind die Risiken, die immer noch über der Wirtschaft hängen, zu groß. Aber man wüsste gern, was die EZB-Führung zu tun gedenkt, falls die Inflation stärker steigt als bislang erwartet.

Die EZB und die nationalen Notenbanken im Euroraum basteln immer noch an einer neuen Strategie. Im Herbst soll sie fertig sein. Die US-Fed hat immerhin seit knapp einem Jahr eine neue Strategie, aber auch sie legt bislang keinen Plan vor, wie sie die Inflationsraten um 2 Prozent halten will – immer noch das mittelfristige Ziel der Notenbanken.

"Don’t stop me now”? Vielleicht. Aber irgendwann wird ein Bremsmanöver unausweichlich.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

Montag
Magdeburg/Berlin – Spätlese – Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bewertet die Landes- und die Bundespolitik die Resultate.

San Francisco –iSomething – Beginn der Apple-Entwicklerkonferenz WWDC. Softwareneuigkeiten für i-User gehören zur digitalen Folklore.

Dienstag

Berlin – Ausstieg aus dem Klimawandel? – 20. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung (online) mit prominenter Besetzung: Der US-Klimabeauftragte Kerry, Kommissionsvize Timmermanns und Kanzlerin Merkel sind dabei.

Berlin – Gesucht: 1,9 Milliarden – Sitzung des Untersuchungsausschusses zum Wirecard-Skandal.

Mittwoch
Peking – Inflation in China – Chinas Statistikamt legt Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise vor.

Wiesbaden – Deutsche Konjunktur – Das Statistische Bundesamt berichtet vom deutschen Export im April.

Luxemburg – Corona-Hilfen vor Gericht – Der EUGH urteilt über staatliche Beihilfen an den deutschen Ferienflieger Condor. Kläger ist Ryanair.

Donnerstag
Frankfurt – "Vorübergehend" – EZB-Ratssitzung. Anschließend erklärt sich Präsidentin Lagarde vor der Presse. Bislang hat sie steigende Inflationsraten stets als vorübergehendes Phänomen des Nach-Corona-Aufschwungs bezeichnet.

Freitag
St. Ives – Wer regiert die Welt? – G-7-Gipfel in Cornwall (bis Sonntag) unter britischem Vorsitz. Zu bereden gibt es eine Menge: Covid, Klima, China – und Vieles mehr.

Berlin – Baerbock-Kür – Bundesparteitag der Grünen, mit Entscheidung über Wahlprogramm und Spitzenkandidatin.