Henrik Müller

Ukraine-Krieg Wie schlimm wird die Putin-Krise?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Wegbrechendes Wachstum, noch höhere Inflation: Die deutsche Wirtschaft wird unter Russlands Krieg gegen die Ukraine leiden – offen ist allerdings, wie stark.
Wladimir Putin: Durch den Angriffskrieg ist ein Szenario denkbar, bei dem die deutsche Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um fünf Prozent schrumpft

Wladimir Putin: Durch den Angriffskrieg ist ein Szenario denkbar, bei dem die deutsche Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um fünf Prozent schrumpft

Foto: Mikhail Klimentyev / AP

Bei all der Unsicherheit, die derzeit vom Kriegsgeschehen in der Ukraine ausgeht, gibt es doch eine Gewissheit: Deutschland wird darunter wirtschaftlich erheblich leiden – jedenfalls kurz- bis mittelfristig. Die längerfristigen Perspektiven hingegen könnten deutlich rosiger ausfallen.

Diverse aktualisierte Konjunkturprognosen liegen inzwischen vor. Zuletzt meldete sich der Sachverständigenrat zu Wort.  Die "Wirtschaftsweisen" sagen noch ein Wachstum von 1,8 Prozent für dieses Jahr voraus, deutlich weniger als einige Wirtschaftsforschungsinstitute. Aber immerhin. Die hohe Inflation wird die Reallöhne sinken lassen. Die Tarifpartner stehen vor enormen Herausforderungen. (Montag gehen die Tarifverhandlungen in der Chemie- und Pharmaindustrie weiter).

Es kann aber alles auch noch deutlich schlimmer kommen: Sollten die russischen Energielieferungen tatsächlich abreißen, wird Deutschland in eine Rezession schlittern, bei nochmal deutlich höheren Inflationsraten. Ein Szenario ist denkbar, bei dem die deutsche Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um, sagen wir, fünf Prozent schrumpft und gleichzeitig die Inflationsrate auf mehr als zehn Prozent steigt.

Eine solche Konstellation gab es noch nie in der bundesrepublikanischen Geschichte. Aber sie ist keineswegs abwegig – und weit entfernt von Schwarzmalerei.

Einen fünfprozentigen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wäre keine "Implosion" der Wirtschaft, vor der einige Industrievertreter warnen. Wir haben dergleichen bereits infolge der Finanzkrise von 2008 und der Corona-Lockdowns 2020 erlebt. Eine kürzlich erschienene vieldiskutierte Studie  eines Teams renommierter Ökonomen kommt zu dem Ergebnis, dass ein vollständiger Importstopp für russisches Öl und Gas das deutsche BIP um bis zu drei Prozent schrumpfen lassen würde. Bezieht man noch mögliche unvorhersehbare Reaktionen auf den Finanzmärkten mit ein, erscheint ein Minus von fünf Prozent im realistischen Bereich.

Zweistellige Inflationsraten hingegen gab es hierzulande noch nie, auch während der Ölkrisen der 70er und frühen 80er-Jahre nicht. Allerdings sind die Verbraucherpreise bereits im März um mehr als sieben Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Noch mehr Inflationsdruck ist in der Pipeline: Nach Umfragen des Ifo-Instituts  planen viele Unternehmen Preiserhöhungen, zumal im Einzelhandel.

Einige Lehren aus der Pandemie

Noch unangenehmer: Die Wirtschaftspolitik kann kurzfristig wenig daran ändern. Wenn Energie oder Agrarrohstoffe durch den Krieg und die Sanktionen teurer werden, könnte eine straffere Geldpolitik durch die EZB kurzfristig wenig dagegen ausrichten. Allerdings sollte sie sehr genau darauf achten, dass sich hohe Inflationserwartungen nicht verfestigen. (Achten Sie Donnerstag auf die Beschlüsse des EZB-Rats.) Und auch die Regierungen können mit pauschalen Konjunkturprogrammen kaum für Linderung sorgen, wenn energieintensiven Industriebranchen wie der Chemie der Treibstoff ausgeht und der Betrieb heruntergefahren werden muss.

Das unterscheidet die derzeitige Situation von der Finanz- und der Corona-Rezession: Die Putin-Krise wirkt sich vor allem auf die Produktionsstrukturen aus. Sie ist das, was im Ökonomen-Jargon als "Angebotsschock" bezeichnet wird. Die Finanzkrise hingegen war ein "Nachfrageschock"; weil die Geldflüsse gestört waren, unterblieben Investitionen und Konsumausgaben.

Die Covid-Krise wirkte sich sowohl auf die Nachfrage- als auch auf die Angebotsbedingungen aus. Die ökonomischen Reaktionen auf die Pandemie, immerhin, lassen hoffen. Wirtschaft und Gesellschaft waren in der Lage, sich ziemlich flexibel auf radikal veränderte Gegebenheiten einzustellen. Es gab zeitweise einen erheblichen Einbruch der Wirtschaftsleistung, aber beileibe keinen Zusammenbruch.

Gefangen in einem feinen Netz

Die Covid-Krise allerdings hat auch gezeigt, wie komplex die Lieferketten inzwischen sind – die arbeitsteilige Wirtschaft hat ein feines, grenzüberschreitendes Netz geknüpft, bei dem ein Riss an der einen Stelle Produktionsausfälle an einer ganzen anderen Stelle zur Folge haben kann. Als zu Beginn der Pandemie in Norditalien einige Autozulieferer den Betrieb einstellen mussten, standen auch anderswo in Europa die Bänder still, weil Vorprodukte fehlten. Nun hat der Krieg deutlich gemacht, dass Kabelbäume für die Autoindustrie inzwischen zu einem beträchtlichen Teil aus der Ukraine kommen. Produktionsausfälle dort haben zu nachgelagerten Produktionsausfällen anderswo in Europa geführt.

Wenn künftig der Zufluss russischen Pipeline-Gases gestoppt wird, drohen beispielsweise Produktionsstopps in der deutschen Chemieindustrie, die wiederum zentrale Vorprodukte für andere Branchen liefert, darunter für die Autoindustrie, die als großer Energieverbraucher auch noch selbst direkt von einem Gas-Stopp betroffen wäre. Um russische Rohstoffe zu ersetzen, kaufen europäische Kunden anderswo auf dem Globus die Märkte leer, was dort wiederum zu Verknappungen und Preissteigerungen führt – mit allen gesellschaftlichen Verwerfungen und politischen Unwägbarkeiten, die damit einhergehen können.

Wie all diese Effekte zusammenwirken, ist schwer vorherzusagen. Den Schock abzufedern dürfte nach aller Erfahrung allerdings umso leichter fallen, je mehr Entscheidungen Bürger und Unternehmen dezentral treffen können. Ein starres staatliches Rationierungssystem hingegen birgt die Gefahr größerer Folgeschäden, eben weil dadurch dezentrale Anpassungsstrategien unmöglich gemacht würden. Der Staat sollte soziale Härten durch Einkommenszuschüsse abfedern, aber möglichst nicht in den Preismechanismus eingreifen: Nur wenn knappe Güter wie Gas und Öl teurer werden, gibt es hinreichende Anreize zum Einsparen.

Allerdings: Damit wird es nicht getan sein. Die deutsche Wirtschaft steht vor einem tiefgreifenden Umbau.

Deutschland und seine autoritären Handelspartner

Die russische Invasion der Ukraine ist ein Mega-Schock, weil sie eine geopolitische Zeitenwende markiert: Die Welt sortiert sich neu in einen West- und einen Fernostblock. Die USA, die EU, Japan, Großbritannien, Australien, Südkorea und einige andere kleinere Länder stehen einer Allianz der Diktaturen mit China als Zentralmacht und Russland als rohstofflieferndem Juniorpartner gegenüber; wir sprachen an dieser Stelle kürzlich über dieses neue Szenario.

Die deutsche Wirtschaft wickelt rund ein Viertel ihres gigantischen Außenhandelsvolumens mit Staaten ab, die es mit der Freiheit ihrer Bürger nicht so genau nehmen. Üble Unterdrückerregime finden sich darunter, aber auch illiberale Demokratien wie Indien, die als nur "teilweise frei" gelten – und sich bislang weder dem einen noch dem anderen Block anschließen mögen. China, schlimm genug, ist bislang Deutschlands größter Handelspartner.

Künftig dürfte ein Teil dieser Geschäfte wegfallen, weil die geopolitischen Bedingungen es nicht mehr zulassen. Die Wirtschaft muss wählerischer werden bei der Wahl ihrer Geschäftspartner, auch weil immer mehr Transaktionen Wissen und Informationen enthalten und Datenströme nach sich ziehen. Maschinen und Autos etwa übertragen Daten, damit sie aus der Ferne gewartet werden können. Was geschieht mit diesen Daten? Sind die digitalen Zugänge irgendwie sicherheitsrelevant? Unterliegen die abgeschöpften Informationen Regeln, die unseren Vorstellungen von Datenschutz entsprechen? Ganz klar: Länder, die nicht die gleichen Werte teilen, kein vergleichbares Rechtssystem haben und sich als Gegner bürgerlicher Freiheiten gerieren, sind in der neuen Blockrealität keine vertrauenswürdigen Handelspartner mehr.

Die Neusortierung der Welt

Entsprechend werden langfristige Geschäftsbeziehungen und Kapitalverflechtungen infrage gestellt. Für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet die "Zeitenwende" (Kanzler Olaf Scholz) eine erhebliche Neuorientierung. Die Bundesrepublik verfügt über ein gigantisches Auslandsvermögen: Direktinvestitionen, Kredite und Portfolioinvestments im Wert von zusammen elf Billionen Euro brutto. 142,6 Milliarden Euro davon entfallen nach Bundesbank-Zahlen auf China, 44,2 Milliarden auf Indien, 41,5 Milliarden auf Russland, um nur die größten problematischen Brocken zu nennen. Ob diese Forderungen in der heraufziehenden neuen Weltordnung noch viel wert sind, ist fraglich.

Zieht man ausländische Forderungen ab, bleibt unter dem Strich ein deutsches Nettovermögen von 2,44 Billionen Euro übrig, Zahlen, die die Bundesbank soeben veröffentlicht hat. Anfang des Jahrtausends lag dieser Wert noch bei – Null. Eine wahrhaft erstaunliche Entwicklung.

Dass das deutsche Auslandsvermögen derart gigantische Aus­­­­maße angenommen hat, ist eine Folge der beharrlich hohen außenwirtschaftlichen Überschüsse. Seit 2003 steigt der Saldo in der Leistungsbilanz immer weiter. Das heißt: Die deutsche Volkswirtschaft erwirtschaftet mehr als sie ausgibt und transferiert die Differenz ins Ausland. Unternehmen beispielsweise kaufen ausländische Firmen auf oder finanzieren das Wachstum ausländischer Töchter. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, aber die Größenordnungen dieser Nettotransfers über so viele Jahre sind denn doch besorgniserregend. Sie dörren die Bundesrepublik aus, insbesondere weil zu wenig investiert wird. Inwieweit kommen die Überschüsse den Bürgern in der Breite zugute? Die Frage birgt einigen sozialen Sprengstoff.

Die derzeitige Neusortierung der Welt dürfte die gigantischen Überschüsse schrumpfen lassen. Fürs kommende Jahr sagt der Sachverständigenrat nur noch einen Leistungsbilanzsaldo von fünf Prozent des BIP voraus. Das wäre der niedrigste Wert seit vielen Jahren – und womöglich der Beginn einer Trendwende. Der sinkende Außenüberschuss ist das Resultat drastisch teurerer Energieimporte, aber auch stark steigender Ausrüstungsinvestitionen (inklusive Waffen). Gebraucht wird vieles: Flüssiggashäfen, Windräder und Solaranlagen, innerdeutsche und paneuropäische Stromtrassen, Gebäudesanierungen, neue Heizungen, Produktionsstätten in Deutschland und der übrigen EU, weil mancher Auslandsstandort als nicht mehr sicher gilt, Panzer, Schiffe, Flugzeuge, Munition – die Liste ist endlos.

Eine Investitionsoffensive und ihre Folgen

Macht uns Putins Krieg als Volkswirtschaft ärmer? Kurzfristig sicherlich. Aber längerfristig? In diesem Szenario werden jede Menge Jobs entstehen. Die Löhne werden steigen, weil der Wettbewerb mit billigen Standorten nachlässt und die Verteilungsspielräume zunehmen. Die Produktivität dürfte zunächst leiden, wenn der internationale Austausch zurückgedreht wird. Andererseits könnte eine Investitionsoffensive zu ungeahntem Produktivitätsfortschritt führen. Aber auch das ist eine Rechnung mit sehr vielen Unbekannten.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Genf/London – Bestandsaufnahme – Der Weltklimarat präsentiert den dritten Teil seines neuen "Sachstandsberichts".

Wiesbaden – Im Auge des Taifuns – Zweite Runde der Tarifverhandlungen für die Chemie- und Pharmaindustrie (bis Dienstag). Keine andere Branche wäre stärker betroffen von einem Lieferstopp von russischem Gas.

Wiesbaden – Globalisierungstest – Neue Zahlen zum deutschen Export vom Statistischen Bundesamt.


Konzernberichte I – Geschäftszahlen von Repsol.

Dienstag

Konzernberichte II – Geschäftszahlen von Rewe; Jahrespresskonferenzen von Boehringer Ingelheim, BSH, R+V.

Mittwoch
Brüssel – Abwehrbereit – Treffen der Außenminister in angespannter Lage (bis Donnerstag).

Berlin – Kriegsfolgen – Der Handelsverband GBA berichtet von den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf Energie, Verkehr und Logistik.

Frankfurt – Herz der Industrie – Der Maschinenbauverband VDMA legt zahlen zu den Auftragseingängen vor.

Donnerstag
Frankfurt – Eine Notenbank in Kriegszeiten – Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) entscheidet über den weiteren Kurs. Angesichts hoher Inflationsraten müsste sie eigentlich entschieden gegensteuern. Sorgen um die Finanzstabilität erfordern schwierige Abwägungen.

Brüssel – Nahrungsmittelpolitik – EU-Ministerrat für Landwirtschaft und Fischerei. Ein Thema dürften die Ernteausfälle in Russland und der Ukraine sein.

Konzernberichte III – Geschäftszahlen von Gerresheimer, Hella.

Freitag
Berlin – Beistand – Bundespräsident Steinmeier reist nach Finnland, das eine lange Grenze mit Russland teilt.


Sonntag

Paris – Rückenwind für Macron? – Erster Wahlgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich.