Henrik Müller

Teure Rohstoffe, globale Engpässe Was teure Rohstoffe für die Inflation bedeuten

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die weltweite Konjunktur nimmt Fahrt auf, viele Preise steigen sprunghaft. Der grüne Boom trägt seinen Teil dazu bei. Hält die Entwicklung an, könnte sich das Leben der Bürger empfindlich verteuern.
Alles wird teurer: Der massive Ausbau von erneuerbaren Energien und Elektromobilität verschlingt zunächst im großen Stil Kupfer und andere Metalle - die Preise für Rohstoffe steigen massiv und mit ihnen die Inflation

Alles wird teurer: Der massive Ausbau von erneuerbaren Energien und Elektromobilität verschlingt zunächst im großen Stil Kupfer und andere Metalle - die Preise für Rohstoffe steigen massiv und mit ihnen die Inflation

Foto: CLODAGH KILCOYNE / REUTERS

Die Rede ist wieder mal von einem "Superzyklus". Wir hatten das schon mal, damals in den 2000er Jahren, als während einer globalen Hochkonjunktur die Rohstoffmärkte leergekauft wurden. Kurz vor dem Crash von 2008 gingen Preise für Öl, Kupfer, Zink, Weizen und viele andere Rohstoffe durch die Decke. Die Inflation zog an, die EZB reagierte mit Zinserhöhungen, obwohl sich auf den Geldmärkten bereits das Unheil der Finanzkrise ankündigte.

Damals war es vor allem der Bau- und Infrastrukturboom in China, der die Nachfrage nach Rohstoffen aller Art trieb – und weltweit viele Güter empfindlich knapp werden ließ. Dazu kamen Spekulanten, die den Aufwärtsdruck der Preise zusätzlich befeuerten. Wiederholt sich die Geschichte jetzt?

Wieder gehen die Preise vieler Rohstoffe durch die Decke. Allein im vergangenen Monat sind Kupfer, Nickel, Blei, Aluminium oder Palladium um mehr als 10 Prozent teurer geworden. Binnen eines Jahres hat sich der Kupferpreis fast verdoppelt. Auch Agrarrohstoffe werden teuer: Bei Mais beträgt der monatliche Preisanstieg 36 Prozent (141 Prozent gegenüber Vorjahr), bei Weizen 22 Prozent (44 Prozent gegenüber Vorjahr), wie Berechnungen der Ökonomen der Dekabank zeigen . Wieder gibt es reichlich Spekulanten, die auf weiter steigende Preise wetten.

Natürlich, zum Teil resultieren die momentan gemessenen Anstiege daraus, dass die Preise vor einem Jahr im Keller waren. Voriges Frühjahr hatte die Corona-Pandemie große Teile der Weltwirtschaft fest im Griff. Öl zum Beispiel kostete Anfang Mai 2020 unter 30 US-Dollar pro Fass. Wenn der Preis jetzt bei knapp 70 Dollar liegt, ist das ein Anstieg von 120 Prozent, aber eben doch eher eine Normalisierung.

Knappe Güter für Produktion eine Gefahr für die deutsche Industrie

Andere Güter jedoch sind derzeit so knapp, dass sie inzwischen die Produktion hierzulande behindern. Das betrifft nicht nur Rohstoffe, sondern auch industrielle Vorprodukte. 45 Prozent der Produktionsunternehmen leiden nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Ifo-Instituts  unter Engpässen beim Einkauf – der höchste Wert, den die Münchner Forscher seit 1991 gemessen haben. Das könne zu "einem ernsthaften Problem für die deutsche Industrie" werden. Bei den Autoherstellern und ihren Zulieferern gaben 65 Prozent der befragten Firmen an, von Zulieferengpässen betroffen zu sein, bei den Möbelherstellern sind es 57 Prozent.

Die Nachfrage ist da – dank eines Aufschwungs, der im Zuge der allmählichen Lockerung der Corona-Beschränkungen in vielen wohlhabenden Ländern Fahrt aufnimmt. Woran es fehlt, ist Material zum Produzieren. Computerchips sind so knapp, dass einige Autohersteller die Fertigung drosseln. Daimler, Audi und Ford fahren bereits Kurzarbeit – obwohl es genug Kaufinteressenten gibt.

Entsprechend steigen die Preise. Noch ist eine begrenzte Zahl von Produktgruppen betroffen, vor allem Energie, Metalle, Holz, Baustoffe, chemische Produkte . Auch die Seefracht wurden zuletzt sprunghaft teurer. Im März lagen die Frachtraten für aus Asien kommende Schiffe um das Vierfache über Vorjahresniveau, was auch an der zeitweisen Sperrung des Suez-Kanals lag.

Geht die Entwicklung so weiter? Kündigt sich hier eine inflationäre Dynamik an, die letztlich zu einem starken Anstieg der Verbraucherpreise führen wird?

Paradox: ein grüner Boom, der jede Menge Rohstoffe verzehrt

Der Rohstoffboom hat vor allem zwei Gründe. Da ist erstens der Nach-Corona-Aufschwung in den großen Volkswirtschaften, dessen Wucht viele Produzenten offenkundig unterschätzt haben. Die Nachfrage aus China ist drastisch gestiegen, gerade auch nach deutschen Industrieprodukten. Die US-Wirtschaft läuft warm. Europa dürfte im zweiten Halbjahr folgen (Mittwoch gibt es neue Konjunkturzahlen aus Brüssel).

Die Shutdowns gehen zu Ende, die Bürger realisieren aufgestaute Konsumwünsche. Finanzminister und Notenbanken, zumal in den USA und in der EU, pumpen die Konjunktur mit gigantischen Stützungsprogrammen zusätzlich auf. Das schafft erstmal Engpässe. Doch wenn die Kapazitäten entsprechend hochgefahren werden, dürfte sich die Situation bei vielen Vorprodukten entspannen. Die derzeitigen Knappheiten wären ein Übergangsphänomen.

Dazu kommt, zweitens, ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien und der Elektromobilität. Da viele Regierungen ihre klimapolitischen Ziele enger stecken, braucht es mehr Windräder, mehr Solar-Panels, mehr E-Autos – und überall stecken reichlich Kupfer und andere Metalle drin. Diejenigen, die einen neuen Superzyklus bei Rohstoffen vorhersagen, haben vor allem die große klimapolitische Wende im Sinn, die nun tatsächlich stattzufinden scheint.

Bevor die Weltwirtschaft netto-klimaneutral werden kann, benötigt sie jede Menge Rohstoffe, vor allem Kupfer. Doch die Förderkapazitäten dürften auf Jahre begrenzt bleiben. Ivan Glasenberg, der Chef von Glencore, eines der größten Kupferproduzenten der Welt, rechnet damit, dass das rote Metall nochmal 50 Prozent teurer werden muss, bevor es sich lohnt, weitere Minen zu erschließen, sagte er kürzlich der "Financial Times" . Der grüne Superzyklus stünde demnach ganz am Anfang.

Wenn das Leben teurer wird

Zugleich hat sich die Welt strukturell verändert. Protektionismus greift um sich. Internationale Lieferketten sind rissig geworden, viele Regierungen bevorzugen heimische Produktion gegenüber Importen. Auch das verschärft tendenziell die Lieferengpässe und wirkt preistreibend.

Die demographische Entwicklung verknappt auf mittlere Sicht das Potenzial an Arbeitskräften, was gerade in arbeitsintensiven Dienstleistungsbranchen für Personalengpässe sorgen dürfte.

Dennoch: Bislang ist von Inflation – also einem breiten Anstieg der Verbraucherpreise – nicht viel zu sehen. (Achten Sie Dienstag und Mittwoch auf neue Zahlen aus China und aus Deutschland.) Die Lebenshaltungskosten der Bürger entwickeln sich moderat. Die gemessenen Inflationsraten sind niedrig. Auch die für die nähere Zukunft erwarteten Steigerungen der Verbraucherpreise sind keineswegs besorgniserregend.

Aber das muss nicht so bleiben. Hält die derzeitige Entwicklung an, könnte eine Dynamik in Gang kommen, die das Leben der Bürger empfindlich verteuert.

Demonstrativ gelassene Notenbanker

Anders als früher scheinen die Notenbanken der großen Volkswirtschaften entschlossen, den Boom erstmal laufen zu lassen. 2008 und 2011 versuchte die EZB noch, mit Zinserhöhungen gegenzusteuern. Knapperes Geld sollte die Nachfrage dämpfen und die Preisdynamik im Zaum halten. Den Frankfurter Notenbankern haben diese Schritte viel Kritik eingebracht. Ein vorzeitiges Gegensteuern habe die Erholung frühzeitig gebremst und viel Schaden angerichtet.

Diesmal geben sich die Notenbanker demonstrativ gelassen. Jerome Powell, Chairman der US-Federal Reserve, hat vorigen Sommer angekündigt, nicht mehr unbedingt gegensteuern zu wollen, wenn die Inflationsraten über zwei Prozent steigen. Der Zwei-Prozent-Schwellenwert soll nur noch im längerfristigen Mittel gelten. Eine Haltung, die er seither immer wieder bekräftigt hat. Damit aber ist offen, wann und wie die wichtigste Notenbank der Welt eine sich beschleunigende Preisdynamik abbremsen will.

Nach langen Jahren sehr niedriger Inflationsraten verfolgen die großen Notenbanken beiderseits des Atlantiks inzwischen auch andere Ziele. Fed-Chef Powell sorgt sich um die Beschäftigung und um Verteilungsfragen. Die EZB will mehr für den Klimaschutz tun. Außerdem sind die öffentlichen und privaten Schulden hoch und durch die Corona-Krise weiter gestiegen. Eine straffere Geldpolitik könnte viele Unternehmen und ganze Staaten an den Rand der Pleite bringen. Ein bisschen mehr Inflation erscheint da womöglich als das kleinere Übel.

Klar, es ist keineswegs ausgemacht, dass die derzeit steigenden Rohstoffpreise ein Vorbote für eine neue Ära der Inflation sind. Möglich, dass der warmlaufende Aufschwung nur ein Intermezzo ist, bevor neue Corona-Wellen die Wirtschaft abermals abwürgen und die Bürger zur Kaufzurückhaltung zwingen. Denkbar, dass uns in einem Jahr die heutigen Inflationswarnungen wie ein schlechter Witz erscheinen.

Ich würde nicht drauf wetten..

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Geschäftszahlen I – von BioNTech, Traton, Euronext.


Dienstag

Peking – Inflation in Fernost – Chinas Statistikamt legt Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise im April vor.

Geschäftszahlen II – von Eon, Thyssenkrupp, Dürr, Gea, K+S, United Internet, Bilfinger, Bechtle, Jenoptik, Hochtief, Aareal Bank, Nordex, Evotec, Mediobanca, Nissan.

Mittwoch
Brüssel – Zur Lage der alten Welt – Die EU-Kommission legt ihre Frühjahrs-Konjunkturprognose vor.


Wiesbaden – Deutsche Inflation – Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Details zur deutschen Preisentwicklung im April.

London – Post-Brexit – Die Statistiker des Vereinigten Königreichs zeigen, wie sich das BIP im ersten Quartal und der Außenhandel mit der EU im ersten Quartal entwickelt haben.

Geschäftszahlen III – von Allianz, Bayer, RWE, Deutsche Telekom, Merck, Deutsche Wohnen, Schaeffler, Scout24, Commerzbank, KWS Saat, Sixt, Salzgitter, ProSiebenSat.1, Tui, Leoni, Lanxess, Hapag-Lloyd, ABN Amro, Iberdrola, EdF.


Donnerstag
Geschäftszahlen IV – von Telefonica, ACS, Walt Disney.


Freitag
Berlin – Ampel auf Gelb? – Digitaler Bundesparteitag der FDP.

Geschäftszahlen V – von Knorr Bremse, Borussia Dortmund.

Montag

London – Der Westen versucht sich zu formieren – G7-Treffen der Außen- und Entwicklungsminister (bis Mittwoch). Mit dabei Vertreter aus Indien, Australien, Südkorea, Südafrika und von ASEAN.

Geschäftszahlen I – von Siemens Healthineers, Qiagen, Siemens Gamesa.

Dienstag

Geschäftszahlen II – von Vonovia, Infineon, Metro, Pfeiffer Vaccum, Lyft, Conoco Phillips, Ferrari, Axa, Adecco, Pfizer

Mittwoch

Geschäftszahlen III – von Deutsche Post, Siemens Energy, Morphosys, Intesa Sanpaolo, Veolia Environment, Hugo Boss Endesa, Vestas, A.P. Moller-Maersk, Uber, PayPal, General Motors.


Donnerstag
London, Edinburgh, Cardiff – State of the Kingdom – Parlamentswahlen in Schottland und Wales und Kommunalwahlen in England, darunter in London. Bekommen nach dem Brexit die Befürworter von Abspaltungen aus dem Vereinigten Königreich in den Regionen die Oberhand?

Frankfurt – Deutsche Stärken – Der Maschinenbauverband VDMA veröffentlicht Zahlen zu den Auftragseingängen im März.

Brüssel – Allmähliche Annäherung? – Tagung der EU-Verteidigungsminister.


Geschäftszahlen IV – von Fresenius, Fresenius Medical Care, Henkel, Uniper, Continental, Munich Re, Volkswagen, Rheinmetall, RTL, Evonik, Freenet, Moderna, ArcelorMittal, UniCredit, Société Générale, Air France-KLM, Enel, Banca Montei dei Paschi di Siena, ING, Linde,

Freitag
Porto – Zusammenhalt – Informeller EU-Gipfel zu sozialen Fragen.

Wiesbaden – Konjunkturtreiber – Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zum deutschen Export vor.

Geschäftszahlen V – von Siemens, BMW, Adidas, Osram, Crédit Agricole.


Samstag
Porto – Euro-indischer Schulterschluss – Online-Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs mit dem indischen Premier Modi.

Sonntag
Straßburg – The Future is wide open – Eröffnung der Konferenz zur Zukunft Europas nach monatelangen Vorbereitungen. Bei der Eröffnungsveranstaltung soll unter anderen der französische Präsident Emmanuel Macron sprechen, der die Debatte zur Reform der EU vor Jahren angestoßen hatte. Die bis Frühjahr 2022 angelegte Konferenz setzt auch auf Bürgerdialoge, unter anderem über eine Online-Plattform.

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