Henrik Müller

Hohe Inflation Wie Putins Krieg das Einkommen der Deutschen drückt

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Hohe Inflation: Eigentlich müssten die Löhne jetzt stark steigen. Doch der Krieg in der Ukraine lastet auf der Konjunktur, Unternehmen halten das Geld zurück. Müssen die Beschäftigten wegen Putins Feldzug jetzt starke Einkommensbußen hinnehmen?
Wladimir Putin: Der Diktator im Kreml hat mit seinem Angriffskrieg für eine neue Blockbildung gesorgt

Wladimir Putin: Der Diktator im Kreml hat mit seinem Angriffskrieg für eine neue Blockbildung gesorgt

Foto: Sergei Bobylev / imago images/ITAR-TASS

Deutsche Gewerkschafter halten sich einiges darauf zugute, gesamtwirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Tatsächlich war in der Vergangenheit ein Muster zu beobachten: In Rezessionen machten die Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen Zugeständnisse, was bei niedrigen Inflationsraten nicht sonderlich schwerfiel. Später konnten sie bei guter Konjunktur ein deutliches Lohnplus herausholen. Im längerfristigen Schnitt stiegen die Reallöhne der Beschäftigten gemächlich, aber kontinuierlich, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat  . Ein tarifpolitischer Deal, der einerseits die Kaufkraft und andererseits die Jobs der Beschäftigten über den Konjunkturverlauf hinweg sicherte.

Dieses Arrangement wird nun auf eine ernste Probe gestellt. Denn die Rahmenbedingungen ändern sich fundamental:

– Nach Jahrzehnten niedriger Inflationsraten eilen seit vorigem Herbst die Preise davon. (Achten Sie Mittwoch und Freitag auf neue Zahlen.)

– Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine ökonomischen Folgen sorgen aktuell für extreme Unsicherheit, gerade in der deutschen Industrie.

– Die geopolitischen Verwerfungen infolge der neuen ost-westlichen Blockbildung werden tief greifende wirtschaftliche Strukturveränderungen mit sich bringen.

All das stellt die Gewerkschaften vor neue Herausforderungen. Sind die Tarifpolitiker darauf vorbereitet? Was bedeutet die neue Lage für die Beschäftigten?

Im "Tal der Unsicherheit"

Noch vor wenigen Monaten sah es so aus, als habe es selten eine günstigere Gelegenheit gegeben, kräftige Lohnerhöhungen durchzusetzen. Über die Unternehmen ergoss sich eine Cash-Flut sondergleichen, trotz Lieferengpässen und steigenden Einkaufspreisen.

Arbeitskräfte waren knapp. Aus Sicht der Gewerkschaften hätte es unter diesen Voraussetzungen kein unüberwindliches Problem sein sollen, zumindest die erwartete Inflationsrate auszugleichen – und womöglich noch einen ordentlichen Zuschlag herauszuholen.

Es gebe nun wirklich keinen Grund, sich besondere Zurückhaltung aufzuerlegen, sagte noch wenigen Wochen Ralf Sikorski, der Verhandlungsführer der IG BCE. Das Leben der Beschäftigten werde bei anziehender Inflation immer teurer. Währenddessen machten die Unternehmen fette Überschüsse: Die Gewinne sprudelten, viele Firmen würde ihre Aktionäre mit steigenden Dividendenzahlungen beglücken. Nun müsse es darum gehen, die Kaufkraft der Beschäftigten nachhaltig zu steigern. Die Tarifabschlüsse würden dieses Jahr "in eine Dimension kommen, wie wir sie in den vergangenen Jahren nicht erlebt haben", versprach Sikorski zum Auftakt der Tarifrunde 2022 .

Das war am 22. Februar. Zwei Tage später begann der russische Angriff auf die Ukraine. Seither ist die Welt nicht mehr dieselbe. Inzwischen haben sich Chemie-Gewerkschafter und -Arbeitgeber eine Auszeit genommen und signalisiert, man wolle versuchen, "eine Brücke zu bauen über das Tal der Unsicherheit" (Sikorski). In der kommenden Woche wollen sie die Verhandlungen fortsetzen.

Die IG BCE ist die erste große Industriegewerkschaft, die im laufenden Jahr über die Löhne für ihre 580 000 Beschäftigten verhandelt. Ihr Abschluss wird Signalwirkung für größere Branchen haben, die im weiteren Jahresverlauf anstehen, darunter Metall und Elektro (ab September) sowie öffentlicher Dienst (ab Dezember).

Zwischen Boykott und Embargo

Die Tarifverhandler und ihre Mitglieder stecken in einem Dilemma. Einerseits drängt die Inflation zur Aktion. Die Beschäftigten haben das berechtigte Interesse, zumindest keinen Kaufkraftverlust zu erleiden, also wenigstens einen Inflationsausgleich zu bekommen; für 2022 rechnen die Wirtschaftsforscher derzeit immerhin mit einem Preisplus von fünf Prozent. Andererseits drückt der eskalierende Konflikt mit Russland aufs Geschäft – erst recht, falls die Gas- und Ölpipelines tatsächlich zugedreht werden, sei es, weil wir uns doch noch zu einem Boykott durchringen, sei es, weil Moskau ein Embargo verhängt. Die Folge wäre eine beispiellose Energiekrise, die ganze Branchen in ihrer Existenz bedrohen könnte – inklusive des Verlusts von Arbeitsplätzen.

In der Chemieindustrie kommt alles zusammen: Knappe Energie und sonstige Rohstoffe verteuern das Leben der Beschäftigten gravierend und gefährden gleichzeitig die Existenz ganzer Betriebe. Keine andere Branche ist hierzulande so unmittelbar von Energieimporten abhängig, zumal von russischem Erdgas. Während Gewerkschafter und Arbeitgebervertreter derzeit ihre weitere Strategie überdenken, geht es anderswo längst um Rationierungspläne für den Fall eines Lieferstopps.

Die konjunkturelle Lage ist extrem unsicher, das zeigen auch die aktuellen Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute. Möglich, dass die Wirtschaft 2022 mit Raten zwischen zwei und drei Prozent wächst – oder aber, dass sie stärker schrumpft als während der Finanzkrise 2008/09 und der Corona-Shutdowns 2020, den beiden bisherigen Minusrekorden der Nachkriegskonjunktur. In der abgelaufenen Woche meldete das Münchner Ifo-Institut einen "historischen Einbruch" der Geschäftserwartungen: "Die Unternehmen in Deutschland rechnen mit harten Zeiten." Auf welches Szenario sollen sich die Tarifpolitiker einstellen?

Das Berliner "Energiepaket" und seine tarifpolitische Logik

Angesichts der massiven Unwägbarkeiten suchen die Chemie-Tarifpartner offenkundig nach flexiblen Lösungen. Denkbar wäre etwa eine Basiserhöhung, die eine Grundabsicherung der Beschäftigten gegen den Kaufkraftverlust sicherstellt. Je nach Verlauf der Branchenkonjunktur könnte dann ein flexibler Zuschlag hinzukommen, um die Beschäftigten an einer besseren Geschäftslage zu beteiligen.

Das "Energiepaket" der Bundesregierung, immerhin, scheint exakt darauf abzuzielen, den Druck in den Tarifverhandlungen zu lindern. Denn es begünstigt gerade die Beschäftigten. Was nicht sonderlich gerecht erscheinen mag, weil nicht zuvörderst ärmere Haushalte gezielt entlastet werden und Rentner kaum profitieren, könnte sich aus tarifpolitischer Sicht als durchaus geschickter Schachzug erweisen – sofern es nämlich gelingt, moderate Abschlüsse zu ermöglichen und damit die aktuelle Inflationsdynamik zu bremsen.

Bislang allerdings nimmt der Preisdruck keineswegs ab. Seit Monaten folgt eine negative Überraschung auf die nächste. Während in den vergangenen Jahrzehnten hohe Lohnforderungen keine große Rolle im Inflationsgeschehen spielten, ändert sich die Lage derzeit fundamental, wie der "Inflation Perception Indicator" (IPI) zeigt , den unser Dortmunder Forschungszentrums DoCMA berechnet. Der gesellschaftliche Druck steigt, der schwindenden Kaufkraft mit kräftigeren Lohnerhöhungen entgegenzutreten.

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht besteht die Gefahr von "Zweitrundeneffekten" – Lohnerhöhungen, die wiederum die Kosten und Preise der Unternehmen treiben –, was zu einer sich verfestigenden Inflation führen kann. Wenn sich dieses Szenario abmildern ließe, würde das ein Abbremsen der Preisdynamik erleichtern.

Übrigens: Die längerfristigen Aussichten dürften den Industriegewerkschaften durchaus in die Karten spielen.

Abschied vom Fernostblock - Neuorientierung bietet für Deutschland auch Chancen

Das eingangs erwähnte Szenario einer ostwestlichen Blockbildung hat das Potenzial für gravierende Strukturverschiebungen. Beide Seiten dürften sich partiell gegeneinander abschotten. Das betrifft insbesondere China, das Zentrum des neuen Fernostblocks, inzwischen der weltgrößte Exporteur von Industrieprodukten. (Achten Sie Freitag auf den EU-China-Gipfel.)

Doch wenn immer mehr Güter- und Dienstleistungstransaktionen Wissen und Informationen enthalten und Datenströme nach sich ziehen, dann können Lieferanten aus Ländern, die nicht die gleichen Werte teilen, kein vergleichbares Rechtssystem haben und als Gegner angesehen werden müssen, nicht mehr als vertrauenswürdige Handelspartner gelten.

Entsprechend werden auch langfristige Geschäftsbeziehungen und Kapitalverflechtungen infrage gestellt. Für die extrem offene deutsche Volkswirtschaft bedeutet das eine erhebliche Neuorientierung. Aber sie bietet auch Chancen. Wo China als vertrauenswürdiger Lieferant nicht mehr in Betracht kommt, können westliche Konkurrenten, die bislang einen Kostennachteil haben, in die Lücke springen.

In den vergangenen Jahren war das bereits in Ansätzen zu beobachten. Vom westlichen Boykott des chinesischen Netzwerkausrüsters Huawei haben vor allem die skandinavischen Wettbewerber Nokia und Ericsson profitiert. Ähnlich könnte es künftig im Maschinenbau laufen, wo bislang deutsche und chinesische Hersteller dominieren, China aber immer mehr die Oberhand gewonnen hat, wie der Maschinenbauverband VDMA  kürzlich klagte.

Gut möglich, dass Abnehmer aus der übrigen EU und den USA ihre Bedarfe künftig wieder verstärkt in Deutschland decken.

Test the West - es gibt viel zu gewinnen

Maschinen, Anlagen, Autos, Chemie, Pharma, Grundstoffe – der Westen wird in einer Welt der gegeneinander abgeschotteten Blöcke vieles wieder selbst herstellen müssen. Zumal die Klima-, Energie- und Verkehrswende gigantische zusätzliche Investitionen erfordert. Deutschland mit seinen nach wie vor vitalen industriellen Netzwerken dürfte für diese Entwicklung gut gerüstet sein.

Zugegeben, die Fragmentierung der Produktion ist gesamtwirtschaftlich nicht unbedingt ein Fortschritt: Wenn die internationale Arbeitsteilung zurückgedreht wird, dürfte sich das negativ auf die Produktivität auswirken. Aber angesichts fundamentaler Sicherheitserwägungen verschieben sich die Prioritäten. Offene Grenzen und internationale Arbeitsteilung erfordern eine stabile politische Weltordnung. In dem Maße, wie diese Ordnung nun unter die Räder kommt, wird die Wirtschaft sich hinter die jeweiligen Blockgrenzen zurückziehen.

Bisher war die Wirtschaft zuvörderst an Effizienz orientiert. Unternehmen reagierten sensibel auf Preis- und Kostendifferenziale. Doch angesichts der veränderten geopolitischen Lage wirken global integrierte Konzerne mit weltumspannenden Wertschöpfungsketten wie aus der Zeit gefallen. Westliche Multis werden sich entweder aus Teilen der Welt zurückziehen oder je eigenständige Einheiten bilden müssen, die weitgehend losgelöst von der Zentrale agieren – mit nur noch begrenztem Austausch an Vorleistungen, Kapital und Wissen.

Volle Auftragsbücher und ein schwächerer Wettbewerb mit Niedriglohnstandorten in nichtdemokratischen Volkswirtschaften vergrößern die Verteilungsspielräume hierzulande. Für die Gewerkschaften und ihre Mitglieder gibt es in diesem Szenario eine Menge zu gewinnen – vorausgesetzt es gelingt ihnen, die derzeitige Krise zu überbrücken.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Brüssel – In Sicherheit – Sondertreffen der EU-Innenminister. Anlass ist der Umgang mit den rund vier Millionen geflüchteten Personen aus der Ukraine.

Saarbrücken/Berlin – South by South West – Nach den Wahlen im deutschen Südwesten: Nachlese zu den sonntäglichen Landtagswahlen im Saarland.

Dienstag
Berlin – Gas geben – Die Regierungen Deutschlands und Italiens unterzeichnen ein Gas-Abkommen, mit dem sich beide Länder gegenseitige Unterstützung im Fall von Mangelsituationen versprechen.

Konzernberichte I – Geschäftszahlen von Pfeiffer Vacuum, Dermapharm, Nordex, About You, Wacker Neuson, Jenoptik.

Mittwoch
Wiesbaden – Jede Menge Kröten – Das Statistische Bundesamt legt eine erste Schätzung für die Inflationsrate für März vor.

Magdeburg – Gefährliche Engpässe – Agrarministerkonferenz der Länder unter Vorsitz von Sachsen-Anhalt in Zeiten gravierender Ernteausfälle, nicht zuletzt durch den Krieg in der Ukraine.

Konzernberichte II – Geschäftszahlen von Biontech, Sixt, Takkt, Aareal Bank.

Donnerstag
Nürnberg/Luxemburg – Jede Menge Jobs – Die Bundesagentur für Arbeit und die EU-Statistikbehörde Eurostat legen die monatlichen Arbeitsmarktstatistiken für Deutschland und die EU insgesamt vor.

Konzernberichte III – Geschäftszahlen von Deutsche Wohnen, Varta, Jungheinrich, Hennes & Mauritz, GFT.

Freitag
Brüssel/Peking – Zeit für harte Worte – EU-China-Gipfel. Hauptthema wird der Krieg in der Ukraine sein. Peking sieht sich in unverbrüchlicher Partnerschaft mit dem Aggressor Russland.

Luxemburg – Datum für Lagarde – Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht eine erste Schätzung der Inflation im Euroraum.

Sonntag
Budapest – Zurück in die EU-Familie? – Parlamentswahlen in Ungarn. Wird es gelingen, den Nationalpopulisten Orban aus dem Amt zu wählen? Gegen ihn tritt eine Oppositionskoalition an, der Chancen auf einen Wahlsieg nachgesagt werden.

Belgrad – Der nächste Konfliktherd? – Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Serbien. Der Nationalist Vucic, seit zehn Jahren im Amt, fährt einen stramm russlandfreundlichen Kurs. In Bosnien-Herzegowina knirscht es im brüchigen Gebälk des Mehrvölkerstaates, insbesondere weil die serbische Teilrepublik auf Konfliktkurs ist.