Henrik Müller

Deutscher Zeitgeist Warum die Angst vor Inflation berechtigt ist

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Bislang sind die Inflationsraten niedrig, aber sie steigen. Ist es möglich, dass sich die Geldentwertung bald stark beschleunigt – auf fünf, zehn oder mehr Prozent? Der Kurs der USA und der EU gibt Anlass zur Sorge.
Notenpresse: Nicht nur EZB und Fed setzen auf das Gelddrucken, um die Krise zu überwinden

Notenpresse: Nicht nur EZB und Fed setzen auf das Gelddrucken, um die Krise zu überwinden

Foto: DPA

Inflation ist in Deutschland immer ein Thema, sogar wenn sie abwesend ist. Genaugenommen ist das Bild differenzierter: Frauen scheinen mehr Angst vor Inflation zu haben als Männer, Ostdeutsche mehr als Westdeutsche, Süddeutsche mehr als Norddeutsche. Und im Mittel liegen sie alle falsch.

So war es jedenfalls in den vergangenen Jahren. Die erwarteten Inflationsraten, wie sie die Bundesbank in Umfragen ermittelt , waren meist deutlich höher als die später tatsächlich gemessenen. Erwartet wurden zwischen zwei und drei Prozent. Die vom Statistischen Bundesamt ermittelten Lebenshaltungskosten  stiegen jedoch wesentlich langsamer; zeitweise sanken sie sogar. Nun breitet sich die Angst vor Inflation  wieder aus. Mittlerweile glaubt fast ein Viertel der Befragten, in den kommenden zwölf Monaten würden die Preise "erheblich" steigen. Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied zur Vergangenheit: Die professionellen Prognostiker sehen das inzwischen ähnlich.

Nach Jahren extrem niedriger Inflationsraten stehen wir an einer Trendwende. Dass die Inflation anzieht, scheint ausgemachte Sache. Die Frage ist nur, wie stark und wie dauerhaft diese Preissteigerungen sein werden. Dienstag werden neue Inflationszahlen für Deutschland veröffentlicht, Mittwoch für die Eurozone insgesamt. Die Raten sind immer noch niedrig. Aber die Kurven zeigen nach oben.

Die Lage an der Preisfront

Auch an den Finanzmärkten setzt sich die Erwartung eines kommenden Preisschubs durch. Seit vorigem Sommer steigen die Renditen von Staatsanleihen: Weil Anleger einen Geldwertverlust fürchten, verlangen sie zum Ausgleich eine höhere Verzinsung. Bei US-Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit haben sich die Renditen seit vorigem Juli verdreifacht, allerdings auf immer noch sehr niedrigem Niveau – Ende der Woche bei gerade mal 1,7 Prozent. Deutsche Staatsanleihen werfen nach wie vor negative Renditen ab.

All das sieht nicht gerade nach einem massiven Inflationsschub aus, eher nach allmählicher Normalisierung. Auf die tiefste Rezession seit Generationen folgt nun eine Erholung der Wirtschaft und damit auch der Preisdynamik. So ungefähr geht die derzeit dominierende Erzählung.

Die Profi-Analysten, die von der Europäischen Zentralbank regelmäßig befragt werden, gehen mehrheitlich davon aus, dass in den kommenden Jahren die Inflationsraten ganz langsam steigen , auf irgendwann 1,7 Prozent eurozonenweit. Bundesbank-Chef Jens Weidmann glaubt zwar, zum Ende dieses Jahres werde die deutsche Inflation bei drei Prozent liegen, aber nur "vorübergehend" . So ist derzeit die Lage an der Preisfront: relativ ruhig.

Aber ist es nicht auch möglich, dass wir uns täuschen lassen – dass eine inflationäre Phase bevorsteht, in deren Verlauf die Inflationsraten anziehen auf fünf, zehn oder mehr Prozent?

Inflationsraten von 5 oder 10 Prozent?

Es gibt zwei Gründe für heftige Ausbrüche von Inflation: Entweder die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger schätzen die Situation völlig falsch ein und werden selbst von heftigen Preissteigerungen überrascht. Oder ein Staatswesen ist derart schwach, dass sich Regierungen nicht anders zu helfen wissen, als die Inflation laufen zu lassen und öffentliche Ausgaben über die Notenpresse zu finanzieren. Manchmal kommt beides zusammen. Historische und aktuelle Beispiele gibt es reichlich.

Dass die Inflation in den 1970er Jahren aus dem Ruder lief, war zunächst eine Folge von Fehleinschätzungen. Notenbanken und Regierungen in den USA und in Europa überschätzten das produktive Potenzial ihrer Volkswirtschaften und unterschätzten die Folgen rapide gestiegener Ölpreise. Als die Wirtschaft früher als erwartet ihre Überhitzungsschwelle überschritten hatte, stiegen die Inflationsraten. In vielen westlichen Ländern, darunter in den USA, Großbritannien und Italien, erreichten sie zweistellige Werte. Die Preisdynamik wieder abzubremsen, war schwierig und erforderte einen politischen Kraftakt. Denn zunächst mal mussten die Zinsen rauf, was Rezession und Arbeitslosigkeit bedeutete. Es dauerte viele Jahre, bis die Ära der "Großen Inflation" zu Ende ging.

Schwache politische Institutionen begünstigen hohe Inflationsraten. In Weimar-Deutschland sah sich die junge, umstrittene Demokratie nicht in der Lage, die Ansprüche an den Staat anders zu decken als durch das Drucken immer größerer Mengen von Geld – was in die Hyperinflation von 1923 mündete und bis heute als kollektives Trauma im nationalen Gedächtnis verankert ist.

Argentinien hat diverse Währungsreformen hinter sich; aktuell liegt die Inflationsrate wieder bei 40 Prozent. In der Türkei stemmt sich derzeit Staatschef Recep Tayyip Erdogan gegen eine notwendige Straffung der Geldpolitik; dieser Tage hat er den dritten Notenbankchef binnen zwei Jahren fristlos gefeuert. Die Währung schmiert ab, die Inflation liegt bereits über 15 Prozent – Tendenz steigend.

Von gesellschaftlichen und monetären Werten

Die Mechanik ist immer die gleiche: Regierungen versuchen, sich Zustimmung durch höhere Staatsausgaben zu erkaufen, sind aber nicht in der Lage, eine ordentliche Finanzierung (durch höhere Steuern) durchzusetzen. Entsprechend werden Ausgaben auf Pump und irgendwann mit Hilfe der Notenbank finanziert, was wiederum zu Inflation führt. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich gut belegt, etwa in einer klassischen Studie  der Ökonomen Sebastian Edwards und Guido Tabellini.

In den vergangenen Jahrzehnten war dieses Muster vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern zu beobachten, wie diverse Untersuchungen zeigen. Es sehe so aus, als ob das unsolide Finanzmanagement von Staaten ein "Symptom tieferliegender institutioneller Probleme sei ”, nicht die eigentliche Ursache, schlussfolgerte eine Gruppe von Forschern um den Ökonomen Daron Acemoglu.

Sie hatten dabei weniger formale Fragen wie die Unabhängigkeit von Notenbanken oder verfassungsmäßige Schuldenregeln im Blick. Vielmehr interessierten sie sich dafür, wie Gesellschaften im Innern funktionieren: welche Werte und Normen sie teilen, wie Rechtsstaatlichkeit und private Eigentumsrechte durchgesetzt werden, auf welche Weise soziale Konflikte gelöst werden, ob der Missbrauch wirtschaftlicher und politischer Macht wirkungsvoll bekämpft wird. Wo dieses gesellschaftliche Regelwerk schwach ausgeprägt ist, kommt es eher zu Instabilität und Inflation. Extremausfälle wie Venezuela oder Zimbabwe liefern erschreckendes Anschauungsmaterial. Acemoglu und seine Kollegen hatten bei ihren Untersuchungen vor allem ehemalige Kolonien im Blick. Der etablierte Westen hingegen schien immun gegen derlei institutionelle Schwächen. Inzwischen muss man sich allerdings fragen: Gilt das noch?

Beispiel USA und EU: Im Zweifel geht nur noch Gelddrucken

Der Kurs der USA und auch Europas lässt jedenfalls Zweifel aufkeimen. In den USA sollen 2020 und 2021 zusammen mehr als sechs Billionen Dollar an Konjunkturhilfen fließen. Zu den Paketen vom vorigen Jahr kommt Joe Bidens 1,9-Billionen-Dollar-Programm. Zusammen ergibt sich das gewaltige Volumen von 20 Prozent der US-Wirtschaftsleistung, wie die Volkswirte des Assetmanagers Blackrock ausgerechnet  haben. Nun treibt das Weiße Haus auch noch ein Infrastrukturprogramm voran, das weitere drei Billionen Dollar umfassen soll.

Die Crux: Der überwiegende Teil dieser zusätzlichen Ausgaben soll über neue Schulden finanziert werden. Denn höhere Steuern sind politisch kaum durchsetzbar. Die tief gespaltene amerikanische Nation wird sich kaum auf grundlegende Strukturreformen und Steuererhöhungen einigen können, vielleicht aber darauf, mit beiden Händen Geld auszugeben. Risiken und Nebenwirkungen – Inflation, steigende Zinsen, ein Finanzcrash – sind vorstellbar, aber momentan nicht das vordringlichste Problem eines Landes, das nur knapp dem Nationalchauvinismus (Donald Trump) entkommen ist.

Corona-Fonds der EU: Jede Menge neue Schulden

In der EU sind die Größenordnungen zwar bescheidener, aber das Muster ist ähnlich: Man macht erstmal jede Menge Schulden. Wie man sie später bedient, bleibt unklar. Die EU soll zwar in Zukunft eigene Steuerquellen bekommen, aber wie genau diese ausgestaltet sein sollen – und ob sie überhaupt konsensfähig sind –, ist offen. Es wäre wünschenswert gewesen, die Schaffung des 750-Milliarden-Euro-Corona-Fonds, den die EU überwiegend durch gemeinsame Schulden finanzieren will, wäre einhergegangen mit schlüssigen finanzpolitischen Kompetenzen für Europa. Nun hat das Bundesverfassungsgericht am Freitag die Ratifizierung des Anti-Corona-Pakets vorerst gestoppt. Auch das noch. Schließlich sollen ab Sommer die Gelder ausgezahlt werden.

All das ist Ausdruck der institutionellen Zersplitterung und inneren Schwäche beiderseits des Atlantiks. Die Politik in vielen Ländern ist polarisiert, Bürger verlieren das Vertrauen in staatliche Institutionen, und die Performance von Regierungen, Parlamenten und EU-Kommission in der Corona-Krise wirft besorgniserregende Fragen nach der Handlungsfähigkeit des Staates auf, auch in Deutschland.

Die institutionelle Erosion, die der Westen in den vergangenen Jahren durchlitten hat, macht Inflation wahrscheinlicher. Wenn sich die Politik kaum noch auf etwas einigen kann, dann geraten die Notenbanken in die Klemme. Im Zweifel geht nur noch staatliche Geldschöpfung.

Nach den Shutdowns: Droht ein überschäumender Boom?

Die Radikalität der Corona-Krise schafft große Unsicherheit, auch bei staatlichen Entscheidungsträgern. Es ist möglich, dass die Wirtschaftspolitik die Dynamik nach der Corona-Krise unterschätzt und ähnliche Fehler macht wie in den 1970er Jahren. Denkbar, dass die Pandemie tiefere Spuren in den Wirtschaftsstrukturen hinterlässt als erwartet. Dass die Bürger nach der Impfkampagne ihrer aufgestauten Konsumlust nachgeben und rasch ihre Ersparnisse herunterfahren, die sie während der Shutdowns aufgebaut haben.

Dass die staatlichen Konjunkturprogramme allzu reichlich bemessen sind. Dass die Wirtschaft in einen übersprudelnden Boom driftet, der zu Preissteigerungen führt, wie es sie seit vier Jahrzehnten nicht gegeben hat.

Klar, solche Politikfehler können passieren. Wir befinden uns alle auf unbekanntem Terrain. Aber wo die Institutionen handlungsfähig sind, können die Notenbanken gegensteuern: Anleihekäufe zurückfahren, Zinsen anheben. Sie machen sich damit zwar nicht gerade beliebt, aber das gehört auch nicht zur Jobbeschreibung. Hauptsache, sie genießen dann noch den nötigen Respekt.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag
Brüssel – Ein Land der Trümmer – Auftakt der EU-Syrien-Konferenz.

Dienstag
Wiesbaden – Aufwärts, aber wie schnell? – Das Statistische Bundesamt legt eine erste Schätzung für die deutsche Inflationsrate im März 2021 vor.

Geschäftszahlen von Bertelsmann, BioNTech, Sixt, Dekabank.


Mittwoch

Luxemburg – Euro-Inflation – Eurostat veröffentlicht eine erste Schätzung zur eurozonenweiten Preissteigerungsrate im März.

Nürnberg – Jobverluste – Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von der Arbeitsmarktentwicklung im März.

Peking – Stimmung in Fernost – Chinas Statistikamt legt den Einkaufsmanagerindex für März vor.

Geschäftszahlen von Varta, Biotest, Pirelli, Hennes & Mauritz.


Donnerstag
Tokio – Japan ächzt – Die Bank of Japan legt ihre Tankan-Quartalsumfrage zur Stimmung in der Wirtschaft vor.

Freitag
(Karfreitag)