Henrik Müller

Preisentwicklung Unterschätzte Inflationsgefahr

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die Inflationsgefahren steigen, doch die Notenbanken geben sich extrem relaxed. Das könnte sich als folgenschwerer Fehler erweisen.
Europäische Zentralbank in Frankfurt: Ignoriert sie die Inflationsgefahren?

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Ignoriert sie die Inflationsgefahren?

Foto: Uwe Anspach/ dpa

Es gab eine Zeit, da waren Notenbanker knorrige, langweilige Figuren. Leute, die sich nur selten öffentlich äußerten – und wenn, dann redeten sie derart technokratisch verklausuliert daher, dass sie kaum jemand verstand.

Dieser Typus des Notenbankers kommunizierte vor allem durch Taten: Bei steigendem Inflationsdruck hoben sie die Zinsen an. Das war selten populär, denn es bremste die Wirtschaft und die Einkommensentwicklung. Aber längerfristig, das war damals die Überzeugung, wären stabile Preise nun mal im allgemeinen Interesse. Und einer musste nun mal den Spielverderber geben.

Als guter Notenbanker galt, wer sich um die öffentliche Meinung nicht großartig scherte – wie ein Schiedsrichter, der sich dafür beschimpfen lassen muss, dass er ein Spiel abpfeift, gerade wenn es für die eigene Mannschaft richtig gut läuft. Populär ist das nicht, war es auch damals nicht. Notenbanker versuchten sich unangreifbar zu machen, indem sie sich hinter einem Schutzschild aus Nüchternheit, Rationalität und langen Zahlenreihen versteckten.

Strahlend lächelt die große Dame

Heute ist das anders. Notenbanker versuchen das Popularitätsspiel mitzuspielen. Christine Lagarde (65), die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), zum Beispiel ist medial sehr präsent. Bei Twitter hat sie 683.000 Follower. Ihr Kanal präsentiert sie als strahlend lächelnde große Dame , im Gespräch mit anderen Mächtigen, die einfühlsame Worte zum Jahreswechsel findet, sich um Klima und Biodiversität und Frauenförderung und allerlei andere gute Sachen kümmert. Alles ehrenwerte Anliegen, keine Frage, aber doch ziemlich weit entfernt vom Auftrag der EZB.

Sonderlich beliebt ist die Notenbank dennoch nicht. Seit Jahren zeigen Umfragen, dass eine Mehrheit der Bürger der Geldbehörde misstraut  . Zuletzt lag der Vertrauenswert eurozonenweit bei gerade mal 40 Prozent. Kürzlich hat sich die EZB beklagt, dass die Bürger nicht verstünden , was die Zentralbank eigentlich macht. Deshalb würden sie Dinge von ihr forderten, für die sie gar nicht zuständig sei. Diese Fehleinschätzungen könnten auch daran liegen, dass sich die Chefin um allerlei sonstige Anliegen zu kümmern scheint.

Jerome Powell (68), der Chairman der US-amerikanischen Federal Reserve, hielt in der abgelaufenen Woche eine Rede , in der er sich empathisch zu Einkommensungleichheit und Chancengerechtigkeit äußerte, insbesondere mit Blick auf schwarze Beschäftigte. Er übersetzte seine Beobachtungen auch gleich auf den Kurs der Fed: Die Notenbank werde sich im nun abzeichnenden Aufschwung vordringlich darum kümmern, möglichst hohe Beschäftigungsniveaus zu erreichen. Preisstabilität ist derzeit ein untergeordnetes Thema. Die neue Strategie der Fed sieht vor, dass die Inflationsraten einige Zeit über zwei Prozent steigen dürfen.

Die Inflationsgefahren steigen

All das ist bemerkenswert – und bedenklich. Die Inflationsgefahren steigen, doch die Notenbanken geben sich extrem relaxed. Larry Summers, früher US-Finanzminister unter Bill Clinton, und Olivier Blanchard, der frühere Chef-Volkswirt des Internationalen Währungsfonds, warnen vor einem Überhitzen der Wirtschaft, zumal in den USA. Die Kombination aus gigantischen Konjunkturprogrammen, superexpansiver Notenbankpolitik und einem zu erwartenden kräftigen Aufschwung nach dem Abklingen der Pandemie drohe eine überschießende Nachfrage die Preise zu treiben.

Dazu kommen steigende Energiepreise, Produktionsengpässe bei Computerchips und Seltenen Erden sowie zunehmende Handelskonflikte, insbesondere mit China. All das wirkt preistreibend. Es gibt kaum Volkswirte, die für die nähere Zukunft keine steigenden Inflationsraten erwarten, insbesondere für die USA. Inzwischen steigen dort die Zinsen langfristiger Staatsanleihen – Anleger fordern Kompensation für zunehmende Inflationsgefahren.

Europa ist noch nicht so weit. Noch hat Corona den Kontinent im Griff (achten Sie Montag auf die Tagung der Eurogruppe und auf neue Zahlen am Dienstag). Und doch: Der Beginn einer Preisdynamik zeichnet sich auch hier ab. Zuletzt ist die Inflation in Deutschland  und der Eurozone  insgesamt überraschend stark gestiegen, wenn auch nach wie vor auf niedrigem Niveau. Verantwortlich dafür waren auch steigende Steuern und Gebühren. Bis zum Jahresende sagt die Bundesbank Inflationsraten von 3 Prozent voraus . Dass Anleger die Preisdynamik nach wie vor als schwach einschätzen, zeigen die immer noch extrem niedrigen Zinsen.

Der Job der Notenbanker wird anspruchsvoller

Das Szenario eines weltweiten Inflationsschubs rückt näher. In China steigt die Nachfrage bereits dynamisch, die USA sind auf dem Weg dorthin. In der zweiten Jahreshälfte könnte auch Europa einen sprunghaften Anstieg der privaten Ausgaben erleben, während der 750-Euro-Coronafonds der EU beginnt, Gelder auszuschütten. Dieser Nachfrageschub stößt auf ein Angebot an Gütern und Dienstleistungen, das im Zuge der Krise geschrumpft ist. Es wäre überraschend, würde aus diesem Zusammentreffen kein Inflationsschub folgen. (Wir haben im vorigen Jahr bereits mehrfach darüber diskutiert, das Szenario ist nach wie vor intakt.)

Entsprechend anspruchsvoll wird der Job der Notenbanker. Es wird der Zeitpunkt kommen, da müssten sie gegensteuern, um eine inflationäre Eigendynamik direkt abzubremsen. Das heißt: weniger Anleihen kaufen, die Zinsen anheben – alles unpopuläre Maßnahmen. Hochverschuldete Staaten, Unternehmen und Privatleute werden massiv darunter leiden.

Allerlei Zielkonflikte

Die Notenbanken werden sich wieder um ihre Kernaufgabe kümmern müssen: dauerhaft Preisstabilität zu gewährleisten. In den vergangenen Jahren war das anders. Die ungewöhnliche Konstellation aus schwachen Preissteigerungen bei geringer Arbeitslosigkeit und hohen Schuldenständen seit der Finanzkrise von 2008 brachte die Notenbanken in eine ungewöhnliche Position: Sie kümmerten sich vor allem darum, die Finanzmärkte zu stabilisieren und große Mengen flüssige Mittel in die Märkte zu pumpen. Da Inflation kein Thema war, gab es keinen unmittelbaren Zielkonflikt.

Nun könnten sie ihre Finanzkraft nutzen, um allerlei andere Probleme zu adressieren – darunter Verteilungsfragen (siehe die US-Fed) oder den Klimaschutz (siehe die EZB). So debattieren die Führungsgremien der Euro-Bank derzeit darüber, bevorzugt grüne Wertpapiere aufzukaufen oder als Sicherheiten zu akzeptieren. Der französische Notenbank-Chef Francois Villeroy de Galhau (61) sprach sich diese Woche dafür aus, die Bilanz der EZB zu "dekarbonisieren”; nach und nach sollten Wertpapiere klimaschädigender Unternehmen von den Käufen der EZB ausgeschlossen werden .

Aber wenn Notenbanken versuchen, Verteilungs- oder Klimafragen zu beantworten, begeben sie sich auf neue Konfliktfelder. Was zunächst populär sein mag, kann gehörigen Ärger einbringen. Sie dringen in Bereiche der Politik vor, die in Demokratien eigentlich gewählten Volksvertretern vorbehalten sind. Und sie entfernen sich weiter von ihrer Kernaufgabe, der Preisstabilisierung.

Dass sich Klimarisiken in den Bilanzierungsregeln der Unternehmen niederschlagen sollten – und so mittelbar auch in den Wertpapierkäufen der Notenbanken –, ist richtig und notwendig. Aber diese Entscheidungen müssen Politiker, Regulierer und Investoren fällen. Würde die EZB aus eigener Entscheidung beispielsweise Anleihen des französischen Mineralölkonzerns Total nicht mehr als Sicherheiten akzeptieren, bekäme das Unternehmen womöglich Finanzierungsprobleme. Auf einmal hätten die Notenbank und ihr oberster französischer Statthalter eine ganze Reihe neuer Gegner: Mitarbeiter und Gewerkschafter, Regionalpolitiker und Industriestrategen. Will sich die EZB ernsthaft auf solche Konfliktfelder begeben?

Wenn Schiedsrichter zu Mitspielern werden, gibt es kein Halten mehr, wie sich am Fall Wirecard besichtigen lässt. Marktdemokratien brauchen unabhängige Behörden, deren vornehmliches Eigeninteresse darin besteht, für die Einhaltung der Regeln zu sorgen.

Nein, Beliebtheit gehört nicht zum Jobprofil von Notenbankern. Sie haben einen klaren gesetzlichen Auftrag, zumal in Zeiten zunehmender Inflationsgefahren. Den sollten sie so gut wie möglich erfüllen, auch wenn sie sich unbeliebt machen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Brüssel – Zitterkurs – Tagung der Eurogruppe: Die Finanzminister der Mitgliedstaaten beraten über die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone.

Dienstag
Luxemburg – Durchhänger – Die Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht neue Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt und zur Beschäftigung in der EU und im Euroraum.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Glencore, Avis Budget.

Mittwoch
Berichtssaion II – Geschäftszahlen von Beiersdorf, Vallourec, Akzo Nobel, Ahold Delhaize, Capgemini, British American Tobacco, Rio Tinto, Schindler.

Donnerstag
Berichtssaison III – Geschäftszahlen von Daimler, MTU, Airbus, Carrefour, Gerresheimer, Varta, Hochtief, Repsol, Orange, EDF, Air France/KLM, Valeo, Crédit Suisse, Nestle, Barclays, Walmart, Marriott.


Washington – Spät-Winter-Blues – Neue Zahlen zu den Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung in den USA.

Freitag

Berichtssaison IV – Geschäftszahlen von Allianz, Renault, Danone, ENI, Swiss Re, RBS.e.

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