Verbraucherpreise in Deutschland Jahresinflation steigt auf 3,1 Prozent

Angeheizt von hohen Energiepreisen ist die Inflationsrate in Deutschland im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit 1993 geklettert. Zum Jahresende ging es noch einmal deutlicher nach oben als erwartet.
Steigende Gaspreise: Die Haushaltsenergie hat sich innerhalb eines Jahres um 18,3 Prozent verteuert

Steigende Gaspreise: Die Haushaltsenergie hat sich innerhalb eines Jahres um 18,3 Prozent verteuert

Foto: Malte Christians / dpa

Das Leben in Deutschland hat sich im vergangenen Jahr sprunghaft verteuert. Kräftig gestiegene Energiepreise, Lieferengpässe sowie die Rücknahme der zeitweisen Mehrwertsteuersenkung trieben die Jahresinflation nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes auf 3,1 Prozent. Einen stärkeren Anstieg der Verbraucherpreise hatte die Wiesbadener Behörde im Jahresschnitt zuletzt 1993 mit damals 4,5 Prozent gemessen. Im Corona-Krisenjahr 2020 lag die Jahresteuerung noch bei 0,5 Prozent.

Zum Jahreswechsel hatte sich die Inflation noch einmal beschleunigt. Die Preise für Waren und Dienstleistungen lagen im Dezember 5,3 Prozent über dem Niveau vor Jahresfrist, wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilte. Im November hatte die monatlich gemessene Inflationsrate erstmals seit dem Boom der Wiedervereinigung Anfang der 1990er-Jahre mit 5,2 Prozent wieder die Marke von 5 Prozent übersprungen. Eine höhere Teuerungsrate war zuletzt im Juni 1992 mit damals 5,8 Prozent gemessen worden. Analysten wurden vom erneuten Anstieg der Teuerung in Deutschland überrascht. Sie hatten mit einem leichten Rückgang der Inflationsrate auf 5,1 Prozent gerechnet.

18,3 Prozent mehr für Energie, 6 Prozent mehr für Lebensmittel

Angeheizt wurde die Teuerung in Europas größter Volkswirtschaft vor allem durch rasant gestiegene Energiepreise im Zuge der weltweiten Konjunkturerholung nach der Coronakrise 2020. Haushaltsenergie verteuerte sich innerhalb eines Jahres um 18,3 Prozent. Überdurchschnittlich stark ist auch der Anstieg bei den Preisen von Lebensmitteln ausgefallen. Hier betrug der Zuwachs 6,0 Prozent im Jahresvergleich. Dienstleistungen wurden um 3,1 Prozent teurer, hierbei waren vor allem die Wohnungsmieten mit 1,4 Prozent ein Preistreiber.

Zugleich schlug im vergangenen Jahr die Rücknahme der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung durch: Seit Januar 2021 gelten wieder die regulären Sätze, Waren und Dienstleistungen wurden im Jahresvergleich also tendenziell teurer. Hinzu kamen Materialmangel und Lieferengpässe sowie die Einführung der CO2-Abgabe Anfang 2021 von 25 Euro je Tonne Kohlendioxid, das beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht. Seit Beginn dieses Jahres werden 30 Euro je Tonne fällig.

Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger kaufen können als zuvor. Besonders hart trifft es Ökonomen zufolge ärmere Haushalte. Denn sie müssen einen großen Teil ihres Einkommens für lebensnotwendige Güter ausgegeben, wie Wohnen und Lebensmittel. Auch für Sparer sind steigende Teuerungsraten bitter. Mickrig verzinste Sparguthaben verlieren unter dem Strich dadurch an Wert.

Inflation wird auch 2022 hoch bleiben

Nach Einschätzung von Ökonomen könnte es etwas länger dauern, ehe die vergleichsweise hohen Teuerungsraten wieder sinken. Sie rechnen auch 2022 mit einer Drei vor dem Komma bei der Jahresinflationsrate. Zwar entfällt der Mehrwertsteuer-Effekt. Wirtschaftsforschungsinstitute wie das Ifo-Institut und das Institut für Weltwirtschaft verweisen aber auf anhaltende Lieferengpässe, die die Herstellungskosten erhöhen.

Auch der Energiepreisanstieg dürfte der Inflation zunächst weiter Auftrieb geben. "Die stark gestiegenen Erdgaspreise dürften aufgrund vielfach vorhandener langfristiger Verträge mit den Gasversorgern erst zu Beginn des Jahres 2022 die Verbraucher erreichen", argumentiert das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Hinzu komme die erhöhte CO2-Abgabe zum Jahreswechsel.

EZB will Anleihekäufe reduzieren

Die Inflation ist ein wichtiger Gradmesser für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Notenbank strebt für den Währungsraum der 19 Länder eine jährliche Teuerungsrate von 2 Prozent an und ist zumindest zeitweise bereit, ein moderates Über- oder Unterschreiten zu akzeptieren.

Auch nach Einschätzung der Währungshüter müssen die Verbraucher im Euroraum noch eine Weile mit höheren Teuerungsraten leben. Die Inflation werde eine gewisse Zeit lang hoch sein, aber im Laufe des Jahres 2022 zurückgehen werde, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel (50) jüngst in einem Interview. "Weniger sicher sind wir uns darüber, wie schnell und wie stark der Rückgang sein wird."

Kritiker werfen der Notenbank vor, mit ihrer Geldflut die Inflation anzuheizen, die sie eigentlich im Zaum halten will. Bei seiner jüngsten Sitzung im Dezember 2021 hatte der EZB-Rat ein erstes Signal für ein Auslaufen der ultralockeren Geldpolitik gesendet: Nur noch bis Ende März wird die EZB zusätzliche Wertpapiere im Rahmen ihres Corona-Notprogramms PEPP erwerben. Allerdings steckt die Notenbank weiterhin etliche Milliarden in Staatsanleihen und Unternehmenspapiere.

mg/dpa-afx, Reuters
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