Kritik an Notenbank Deutsche Wirtschaft rechnet noch einige Jahre mit hoher Inflation

Die Deutsche Wirtschaft rechnet erst Mitte des Jahrzehnts mit normalen Inflationsraten. Um die Teuerung zu bändigen, müsse die EZB die Zinsen weiter anheben. Das werde die Investitionen drücken, sind sich die Verbände einig und finden teils klare Worte für die Zentralbank.
"EZB hat mit Zinsanhebungen viel zu spät begonnen": DIHK-Präsident Peter Adrian rechnet wie auch andere Verbandsvertreter der deutschen Wirtschaft die nächsten zwei bis drei Jahre mit Inflationsraten deutlich über zwei Prozent

"EZB hat mit Zinsanhebungen viel zu spät begonnen": DIHK-Präsident Peter Adrian rechnet wie auch andere Verbandsvertreter der deutschen Wirtschaft die nächsten zwei bis drei Jahre mit Inflationsraten deutlich über zwei Prozent

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Die deutsche Wirtschaft stellt den Verbrauchern kein rasches Ende der starken Teuerung in Aussicht. "Die Inflation hat bereits vor der Energiekrise eingesetzt und wird auch erst mal andauern", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Peter Adrian (65), in einer am Freitag veröffentlichten Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter großen Wirtschaftsverbänden. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Inflation noch einige Zeit über der sinnvollen EZB-Zielmarke von zwei Prozent liegen wird." Aktuell verharrt die Teuerungsrate mit rund 10 Prozent auf einem Niveau, das es seit 1951 nicht mehr gegeben hat.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gibt für die nächsten Monate ebenfalls noch keine Entwarnung in Sachen Inflation. "Eine spürbare Verlangsamung der Preissteigerung ist vermutlich erst ab dem Sommer 2023 zu erwarten", sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. Aber auch dann werde das Niveau hoch bleiben und die Steigerungsraten "deutlich höher als in den Jahren vor 2022 liegen". Nur die allerwenigsten Betriebe hätten die gestiegenen Kosten für Energie, Rohstoffe oder Vorprodukte vollständig über höhere Endkundenpreise weitergeben können.

BDI: Inflationsrate von 2 Prozent Mitte des Jahrzehnts

Die Inflationsentwicklung wird nach Einschätzung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) nicht mehr hauptsächlich von den Energiepreisen, sondern von mehreren Faktoren angetrieben. "Eine Rückkehr zu einem Niveau von zwei Prozent dürfte länger dauern und erst zur Mitte des Jahrzehnts erreicht werden können, wenn die Geldpolitik Wirkung zeigt", sagte deshalb BDI-Präsident Siegfried Russwurm (59). Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Sommer ihre jahrelange Nullzinspolitik beendet und ihren Leitzins in mehreren Schritten auf aktuell 2,50 Prozent hochgeschraubt, um die Teuerung einzudämmen. "Die EZB hat die Zügel bereits gestrafft, wird aber noch weitere Maßnahmen beschließen", sagte Russwurm. "Wir rechnen damit, dass es die Investitionstätigkeit dämpft."

Handelspräsident sieht Höhepunkt der Teuerung erreicht

Zumindest der Höhepunkt des starken Preisauftriebs könnte bereits erreicht sein, hofft der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). "Wir sehen auch inzwischen erste Anzeichen, dass der Preisdruck nachlässt", sagte BGA-Präsident Dirk Jandura. "Bei Energie- und Rohstoffen stellen wir tendenziell wieder nachlassende Preise fest." Er sei zuversichtlich, dass sich diese Entwicklung fortsetzen werde. Dies gelinge umso schneller, je mehr man auf dem Weg der Diversifizierung der Lieferketten vorankomme. Störungen in den globalen Lieferketten gelten als ein Grund für den starken Preisauftrieb.

DIHK kritisiert EZB als zu zögerlich

Die EZB hat es nach Einschätzung des DIHK mit einem ganzen Bündel an Herausforderungen zu tun, allen voran den importierten Inflationstreibern in Form der dramatisch gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise. "All dies kann sie aktuell nicht einfach einfangen", sagte DIHK-Präsident Adrian. "Denn sie hat mit den Zinsanhebungen und damit der Rückführung der expansiven Geldpolitik viel zu spät begonnen, dann aber umso schneller die Zinsen erhöhen müssen. Das erschwert die Unternehmensfinanzierung und ist ein zusätzlicher Belastungsfaktor für die Betriebe."

rei/Reuters
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