Freitag, 20. September 2019

Peter Altmaiers Industrieziel im Vergleich Wenn die Industrie eine Quote braucht

Mit seiner neuen Industriestrategie hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier eine rege Debatte ausgelöst. Allzu konkrete Festlegungen nach Art einer von vielen Kritikern gewitterten Planwirtschaft enthält das 22-seitige Papier dabei gar nicht. Bemerkenswerte Ausnahme: "Ein Ziel ist der schrittweise Ausbau des Anteils der Industrie an der Bruttowertschöpfung auf 25 Prozent in Deutschland und 20 Prozent in der Europäischen Union bis zum Jahre 2030."

Wie die Grafik von Statista zeigt, ist dieser Anspruch durchaus ambitioniert.

Die Zahlen der Weltbank, die einen internationalen Vergleich zulassen und Deutschlands Industriequote bei 20,7 Prozent zeigen, messen zwar die industrielle Wertschöpfung als Anteil am Bruttoinlandsprodukt (und nicht an der Bruttowertschöpfung insgesamt); Altmaiers Ministerium selbst beziffert den Anteil auf 22,9 Prozent - wenn man sich nach der Statistik von Eurostat richtet, hat die deutsche Industrie die Altmaier-Quote schon längst erfüllt (dafür allerdings wird die Industrie großzügiger definiert als bei uns üblich).

Doch wichtiger als Feinheiten in der statistischen Definition ist der Vergleich mit anderen Ländern - und der Blick auf den Trend. Deutschland zählt neben Japan, Südkorea und Tschechien zu den wenigen Ländern, die in den vergangenen Jahren ihren hohen Industrieanteil stabil halten oder leicht steigern konnten.

Selbst in China, als führende Industriemacht der Welt der Angstgegner aus Altmaiers Sicht, vollzieht sich ein stetiger Wandel zu einem höheren Gewicht von Dienstleistungen - ganz zu schweigen von vielen westlichen Nationen wie Frankreich, Großbritannien oder USA, die kaum noch die Bezeichnung Industrieland verdienen. Besonders aggressiv deindustrialisiert sich Australien (dafür liefert das Land Rohstoffe, die dann in China verarbeitet werden).

Wie die Bundesregierung dazu kommt, gleich der ganzen EU ein Quotenziel zu verordnen? Ganz einfach - dieses Ziel hat sich die Brüsseler Kommission selbst gesetzt, und zwar schon 2012. Damals verkündete Antonio Tajani, seinerzeit Industriekommissar und heute Parlamentspräsident, eine "Mission Wachstum: Europa in der Führung der Neuen Industriellen Revolution". Man könnte darin einen Vorläufer des Altmaier-Papiers sehen. Von 15,5 Prozent sollte Europas Industrieanteil auf 20 Prozent steigen - bis 2020.

Das Datum ist fast erreicht, beim Ziel gibt es keinen Fortschritt. Gut, dass man das Zieldatum verschieben kann.

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