Metallabschluss Droht jetzt die "Lohn-Preis-Spirale"?

8,5 Prozent mehr Lohn – das ist mal ein Wort. Wird der Abschluss in der Metall- und Elektroindustrie jetzt die Inflation noch weiter befeuern? Das sagen die Volkswirte.
Man ist sich einig: Roman Zitzelsberger (l.), Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, und Harald Marquardt, stellvertretender Vorsitzender Südwestmetall, geben sich auf der Pressekonferenz am Freitag die Hand, nachdem sie die Grundzüge der Einigung vorgestellt haben

Man ist sich einig: Roman Zitzelsberger (l.), Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, und Harald Marquardt, stellvertretender Vorsitzender Südwestmetall, geben sich auf der Pressekonferenz am Freitag die Hand, nachdem sie die Grundzüge der Einigung vorgestellt haben

Foto: Marijan Murat / dpa

Mitten in der Nacht gelingt der Durchbruch: Die IG Metall und die Arbeitgeber einigten sich in Ludwigsburg auf einen Pilotabschluss für Millionen Beschäftigte. Der Abschluss im Pilotbezirk Baden-Württemberg soll bundesweit übernommen werden. Wird der Abschluss die Betriebe überfordern, wird er die Preissteigerungen weiter befeuern, weil die Beschäftigten künftig ja mehr Geld ausgeben können?

Ökonomen sehen derzeit keine große Gefahr, dass sich Löhne und Preise gegenseitig aufschaukeln, der Abschluss also eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt. "Der Tarifabschluss ist ein gutes Ergebnis", sagte der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Clemens Fuest (54), am Freitag. "Die dauerhaften Lohnerhöhungen von gut vier Prozent pro Jahr werden keine Lohn-Preis-Spirale auslösen."

Besonders wichtig sei, dass mit der Einigung längere Streiks abgewendet werden konnten. Diese hätten die Krise verschärft. Die steuer- und abgabenfreie Einmalzahlung von 3000 Euro sorge zudem dafür, dass die verfügbaren Einkommen trotzdem steigen. "Angesichts der hohen Unsicherheit über die weitere Wirtschaftsentwicklung ist es sinnvoll, Einmalzahlungen zu nutzen."

Die Europäische Zentralbank müsse sich wegen des moderaten Tarifabschlusses nicht beunruhigen, sagte Dirk Schumacher (47) von der französischen Investmentbank Natixis am Freitag in Frankfurt. "Die Einmalzahlungen werden das tatsächliche Lohnwachstum weiter erhöhen. Aber diese spielen für die EZB eine bodenständige Rolle, da sie nicht direkt zu einer Lohnpreisspirale führen."

"Die Laufzeit über zwei Jahre macht es erträglich"

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank

In der Nacht auf Freitag hatten sich in Ludwigsburg bei Stuttgart die IG Metall und Südwestmetall auf ein Tarifwerk geeinigt, das voraussichtlich auf die gesamte deutsche Metall- und Elektrobranche mit 3,9 Millionen Beschäftigten übertragen wird. Der Pilotabschluss sieht Lohnsteigerungen von 5,2 Prozent zum Juni 2023 und noch mal 3,3 Prozent ab Mai 2024 vor. Die vom Staat steuer- und abgabenfrei gestellten 3000 Euro sollen zusätzlich in zwei Etappen an die steigenden fließen. Das sei zwar hoch, kommentierte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding (64). "Aber die Laufzeit über zwei Jahre macht es erträglich." Daher zeichne sich eher ein "Buckel statt einer Spirale" ab, sagte Schmieding.

"Der derzeitige Inflationsdruck ist keine reine Energiepreisstory"

Stefan Kooths, Kieler Institut für Weltwirtschaft

Ähnliche schätzt das Stefan Kooths (53) vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) ein. "Der derzeitige Inflationsdruck ist keine reine Energiepreisstory, sondern der Preisauftrieb wird auch merklich von heimischen Faktoren getrieben", sagte der IfW-Vizepräsident. "Dem passen sich die Tarifparteien nun an." Diese Zahlungen dürften – neben steuerlichen Anreizen – auch Ausdruck hoher Unsicherheit sein. Außerdem spielt eine Rolle, dass angesichts des hohen Auftragsbestands eine Einigung ohne Arbeitskampf für die Unternehmen wichtig gewesen sei. "Eine Entwarnung für die Geldpolitik ist das gleichwohl nicht", meinte Kooths. "

Die Europäische Zentralbank (EZB) will verhindern, dass die hohe Inflation dazu führt, dass anschließend auch die Löhne sehr kräftig steigen. Preise und Löhne könnten sich dann gegenseitig nach oben schaukeln, was die Inflation zu verfestigen droht. Die Teuerungsrate in Deutschland liegt mit 10,4 Prozent so hoch wie seit 1951 nicht mehr, weil Energie infolge des russischen Krieges gegen die Ukraine deutlich teurer geworden ist. Auch Lebensmittel kosten inzwischen erheblich mehr.

Nach Einschätzung des LBBW-Ökonomen Jens-Oliver Niklasch (54) haben sich die Tarifparteien auf eine Lastenteilung geeinigt, was langfristig beide Seiten als Beitrag zur Standortsicherung nutzen dürfte. "Wer den größten Teil der Last trägt, werden wir natürlich erst im Nachhinein sagen können", sagte Niklasch. "Im Moment scheinen mir die Gewerkschaften den etwas besseren Schnitt gemacht zu haben."

sio/dpa/Reuters
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