Metall-Tarifrunde als Signal für die Volkswirtschaft Warum die Weltfinanzelite der IG Metall die Daumen drückt

Metallarbeiter demonstrieren in Hamburg

Metallarbeiter demonstrieren in Hamburg

Foto: DPA

Trommeln, Trillerpfeifen, brennende Ölfässer - das Ritual ist bekannt. Die Industriegewerkschaft Metall verleiht derzeit mit Warnstreiks in mehreren Unternehmen ihrer Forderung nach 6 Prozent mehr Lohn im kommenden Tarifvertrag Nachdruck.

Angesichts voller Auftragsbücher und geringer Arbeitslosenzahlen scheint die Verhandlungsposition der Gewerkschaft stark. Hinzu kommt jedoch noch ein ungewöhnlicher Faktor: Aus der Ferne trommelt für die Metaller noch jemand mit, nämlich prominente Ökonomen und Geldpolitiker aus dem In- und Ausland. Die Tarifrunde der größten deutschen Gewerkschaft wird zur symbolischen Entscheidung darüber, wie es mit dem Aufschwung weitergeht.

IWF-Präsidentin Christine Lagarde reiste Mitte Januar zu einer gemeinsamen Konferenz mit der Bundesbank nach Frankfurt und schrieb den Deutschen steigende Löhne als Herausforderung Nummer eins ins Stammbuch; "das wäre gut für die Kaufkraft des Volks, und auch fürs Wachstum." Und nebenbei ließen sich mit einem Schluss der deutschen Lohnzurückhaltung noch reichlich ökonomische Ungleichgewichte beheben. "Das Dach reparieren, solange die Sonne scheint", fordert Lagarde  - eine Formel, die früher eher mit Kürzungen verbunden worden wäre.

Hier sind die wichtigsten Argumente für höhere Löhne im Faktencheck.

Nachholbedarf nach vielen mageren Jahren

So ganz offensichtlich ist die berühmte deutsche Lohnzurückhaltung inzwischen nicht mehr - wie etwa noch 2014, als auch die konservative Bundesbank zu höheren Lohnabschlüssen aufrief, um Deutschland aus der Wachstumsstarre zu lösen. Seitdem konnten die tariflich Beschäftigten immerhin dreimal in Folge ein Plus um 2 Prozent verbuchen - und zwar real, also nach Abzug der in diesen Jahren allerdings extrem geringen Inflation.

2017 aber zog die Teuerung fast wieder auf Normalmaß an, und so blieb laut dem gewerkschaftsnahen Institut WSI von den nominal um 2,4 Prozent gestiegenen Löhnen real nur eine um 0,6 Prozent höhere Kaufkraft übrig.

Außerdem seien durch die drei starken Jahre "die Effekte einer sehr langen Schwächephase in den 2000er Jahren nur zum kleineren Teil ausgeglichen", heißt es in einer Analyse des ebenfalls gewerkschaftsnahen Instituts IMK. Seit dem Jahr 2000 seien die Arbeitskosten um 2 Prozent pro Jahr gestiegen - "Deutschland weist damit seit der Jahrtausendwende den drittniedrigsten Zuwachs in der EU aus - nach den Krisenländern Griechenland und Portugal."

Die Diagnose, dass die Löhne auch heute noch langsamer steigen als sie es im Aufschwung eigentlich müssten, wird weithin geteilt. Von "moderatem Tempo im Angesicht einer positiven Output-Lücke" spricht Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Commerzbank-Analyst Marco Wagner zufolge soll die laufende Tarifrunde in der Industrie "helfen, Jahre der Lohnzurückhaltung zu beenden".

Die Binnennachfrage braucht Stütze

"Die deutsche Wirtschaft wächst solide, und das nicht trotz, sondern wegen der etwas stärkeren Zunahme bei den Löhnen", sagt IMK-Direktor Gustav Horn. "Da sehen wir auch noch einige Luft nach oben."

Laut Statistischem Bundesamt lieferte der private Konsum in den vergangenen drei Jahren den wichtigsten Beitrag zum Wachstum der deutschen Wirtschaft. 2017 ging die Hälfte der 2,2-Prozent-Performance auf das Konto privater Konsumausgaben. Der Exportüberschuss, von dem die deutsche Konjunktur jahrelang nahezu allein abhing, gibt hingegen kaum noch Impulse.

"In Zeiten von Trump und Brexit brauchen wir privaten und öffentlichen Konsum in Deutschland und Investitionen als Säulen der Wirtschaftsentwicklung", argumentiert Horn. Damit verweist er zugleich auf andere Quellen der Binnennachfrage, die den Exportmotor ersetzen können. Es kommt dafür also nicht zwingend allein auf den privaten Konsum an, der ist aber bislang die verlässlichste Säule. Und wenn das Reallohnplus wieder so schwach ausfällt wie 2017, könnte die Konsumlaune sinken.

Umverteilung ist gefragt

Als Vergütung für höhere Leistung lassen sich deutlich höhere Löhne schwer begründen. Die Gewerkschaften legen ihren Tarifforderungen die Faustformel von Inflationsausgleich (2 Prozent) plus höherer Produktivität (1 Prozent) zugrunde. Doch zumindest gesamtwirtschaftlich - die Metallindustrie bildet hier wohl eine Ausnahme - hat das Wachstum der Arbeitsproduktivität diese Marke seit 2012 nicht mehr erreicht. Zuletzt ging es Jahr für Jahr nur um 0,7 bis 0,9 Prozent aufwärts, nachdem die Wirtschaftsleistung pro Kopf zuvor sogar rückläufig war.

Alles, was über diese Marke hinausgeht - im Jahr 2017 rund 2,5 Prozent, in den Vorjahren weit darunter - geht auf Kosten der Gewinne. Die IG Metall spricht explizit von einer "Umverteilungskomponente": von den Aktionären nehmen, um den Arbeitern zu geben. Auch hier stützt das Argument vom Nachholbedarf, weil es zuvor jahrelang umgekehrt lief, mit dem Ergebnis einer niedrigeren Lohnquote am Volkseinkommen.

Die aktuelle Debatte, in der über Jahrzehnte gewachsenen ökonomischen Ungleichheit ein Problem zu sehen, stützt diese Sicht. Zwar dreht sich diese Debatte zumeist um Vermögen, doch die Verteilung der Einkommen hängt direkt damit zusammen. "Die Löhne sind ein Riesenproblem", erklärte beispielsweise DIW-Präsident Marcel Fratzscher im Januar im Deutschlandfunk. Vor allem der Niedriglohnsektor erkläre, warum ein Großteil der Bevölkerung nichts vom Aufschwung spürt.

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Allerdings nimmt Fratzscher vor allem den Niedriglohnsektor, Minijobs und den vielfach umgangenen gesetzlichen Mindestlohn in den Blick. Die untere Hälfte der Einkommensverteilung findet sich nicht im Tarifbereich der IG Metall wieder - wie auch die Einkommen bei Volkswagen (Kurswerte anzeigen) zeigen, wo derzeit separat über den Haustarif gestritten wird.

Hilfe für den Euro

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gerät in dieser Situation schon in eine Verteidigungshaltung. Die Lohnstückkosten der deutschen Industrie seien die vierthöchsten im internationalen Vergleich, heißt es in einer aktuellen Studie . "Die USA kann mit 26 Prozent niedrigeren Lohnstückkosten um Aufträge konkurrieren." Doch was einst als mächtige Mahnung, um den Standort zu fürchten, gewirkt hätte, ist für IW-Forscher Christoph Schröder nur noch der verzweifelt gesuchte Beleg, dass es keine "aktuell übermäßig starke Kostenwettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie" gebe.

So sieht das nämlich der Rest der Welt, angesichts eines Leistungsbilanzüberschusses von 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und immer noch hinterherhinkender Euro-Partner.

Frederic Ducrozet, Chefvolkswirt der Schweizer Privatbank Pictet, sieht unter besonderem Verweis auf die IG Metall "deutsche Löhne als Näherungswert für den notwendigen Ausgleich zwischen Kern- und Randstaaten, um Letzteren etwas Wettbewerbsfähigkeit zurückzugeben".

Damit das Ungleichgewicht zwischen den Euro-Staaten verschwindet, "brauchen wir entweder hohes Lohnwachstum in Deutschland, geringes Lohnwachstum im Rest der Euro-Zone, oder beides", meint der britische Ökonom Simon Wren-Lewis. Auf diesen Aspekt legt auch IWF-Präsidentin Lagarde besonderen Wert.

Höhere Löhne für höhere Inflation - und dann höhere Zinsen

Die wichtigste Instanz, die an einem hohen Abschluss der IG Metall besonders interessiert ist, heißt Europäische Zentralbank. Die EZB bereitet angesichts der guten Konjunktur seit Monaten eine geldpolitische Wende vor - ist aber noch weit davon entfernt, einen Erfolg ihrer Anleihekäufe und Nullzinsen melden zu können. Das wäre dann der Fall, wenn ihr Inflationsziel von knapp 2 Prozent pro Jahr in der Wirtschaft verankert wäre. Aktuell steht die Kerninflationsrate (die um schwankende Rohstoffpreise bereinigt wird) aber nur bei 1 Prozent.

EZB-Präsident Mario Draghi spricht von den Löhnen als "Dreh- und Angelpunkt" und der "Schlüsselvariablen, auf die wir schauen sollten", um zu beurteilen, ob die Inflation nun bald ohne Hilfe der Zentralbank auskomme. Auch er bedauert, die aktuelle Lohndynamik sei geringer als im Aufschwung üblich und findet die Berechtigung deutlicher Steigerungen "unbestreitbar". Er schimpfte über "rückwärtsgewandte" Tarifverhandlungen, in denen auf die alten - für das EZB-Ziel zu niedrigen - Inflationsraten geschaut werde.

Ohne höhere Löhne lassen sich auf Dauer keine höheren Preise durchsetzen - und ohne höhere Preise hat die EZB keine Motivation, den Leitzins über Null zu haben. Da die anderen Euro-Staaten weniger Spielraum haben, kommt es vor allem auf Deutschland an - und hier zentral auf die Metalltarifrunde.

Die Bundesbank hat für die EZB-Prognosen geschätzt, dass die deutschen Löhne in diesem Jahr um 2,7 Prozent steigen und um 3,1 Prozent 2019. Je deutlicher der Metall-Abschluss darüber liege, so wahrscheinlicher die ersehnte Zinswende in absehbarer Zukunft.

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