IfW- und IWH-Prognose Deutschland droht 2023 eine Rezession

Wegen der stark steigenden Energiepreise erwartet das Institut für Weltwirtschaft im kommenden Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Die Kaufkraft der privaten Haushalte dürfte so stark einbrechen wie noch nie seit der Wiedervereinigung.
Düstere Prognose: Deutschlands Wirtschaftskraft sinkt

Düstere Prognose: Deutschlands Wirtschaftskraft sinkt

Foto: Chris Emil Janssen / imago images/Chris Emil Janßen

Die hohen Energiepreise werden Deutschland nach der Herbstprognose des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in die Rezession drücken. Im kommenden Jahr werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) voraussichtlich um 0,7 Prozent zurückgehen, teilte das IfW Kiel am Donnerstag mit. Damit senkte das Institut seine bisherige Prognose gleich um 4 Prozentpunkte.

Im laufenden Jahr dürfte es demnach noch ein Plus von 1,4 Prozent geben, das sind 0,7 Prozentpunkte weniger als noch in der Sommerprognose erwartet. Für 2024 rechnet das IfW dann wieder mit einem Zuwachs des BIP um 1,7 Prozent.

Mit den hohen Importpreisen für Energie rolle eine konjunkturelle Lawine auf Deutschland zu, prognostizierte der Vizepräsident und Konjunkturchef des IfW Kiel, Stefan Kooths (53): "Vor allem energieintensive Produktionen und konsumnahe Wirtschaftsbereiche werden mit Wucht getroffen."

Die deutsche Energieimportrechnung steigt der Prognose zufolge in diesem Jahr voraussichtlich um 123 Milliarden Euro und um weitere 136 Milliarden Euro im nächsten Jahr. Das Geld fehle im Inland für den Konsum und schmälere die Rentabilität energieintensiver Unternehmen. In der Folge werde Deutschlands Wirtschaftskraft sinken und im nächsten Jahr um 130 Milliarden Euro niedriger sein als bislang vom IfW Kiel erwartet.

Preissteigerung soll 2023 bei 8,7 Prozent liegen

Die Kaufkraft der privaten Haushalte dürfte im kommenden Jahr mit 4,1 Prozent sogar so stark einbrechen wie noch nie im wiedervereinigten Deutschland. Für die Teuerung erwartet das IfW Kiel im nächsten Jahr 8,7 Prozent, nach 8 Prozent im laufenden Jahr. Grund dafür sei, dass die Marktpreise für Strom und Gas erst verzögert bei den Verbrauchern ankämen. Erst 2024, wenn die Energiepreise wieder nachgeben, dürfte sich die Inflation beruhigen und auf 3,1 Prozent sinken.

Die Rezession wird auch Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen, befürchten die Ökonomen. "Aufgrund des Fachkräftemangels dürften sie jedoch vergleichsweise gering ausfallen." Die Arbeitslosenquote wird demnach von 5,3 Prozent im laufenden Jahr auf 5,6 Prozent 2023 steigen. Trotz erheblicher Mehrausgaben für das Abfedern der hohen Energiepreise dürften sich die Staatsfinanzen kaum verschlechtern, da die steigenden Preise für Mehreinnahmen sorgen. Der Bruttoschuldenstand in Relation zum Bruttoinlandsprodukt dürfte sogar bis 2024 auf 64,6 Prozent sinken. 2021 lag er bei 68,7 Prozent.

Im Euroraum wird das BIP der Prognose zufolge im laufenden Jahr um 2,8 Prozent zulegen und 2023 nahezu stagnieren. Für 2024 erwartet das Institut ein Wachstum um 1,6 Prozent. Auch die Aussichten für die Weltkonjunktur hätten sich eingetrübt. Die Weltwirtschaft dürfte in diesem Jahr um 2,9 Prozent und im nächsten Jahr um 2,2 Prozent zulegen. Ein Grund sei auch, dass Chinas Wirtschaft aufgrund der strikten Null-Covid-Politik und Problemen im Immobiliensektor schwächelt.

Auch das IWH prognostiziert eine Rezession

In einer aktuellen Prognose warnt auch das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) vor "massiven Realeinkommensverlusten" und einer Rezession in Europa. Seit dem Ukraine-Krieg sei Energie knapper und teurer geworden, erklärte das IWH am Donnerstag. Im Euroraum dürfte der drastische Anstieg der Importpreise für Energie im kommenden Winter über den Verlust von Realeinkommen eine Rezession auslösen. Das Realeinkommen beschreibt die Kaufkraft unter Berücksichtigung der Inflation.

Die IWH-Experten gehen im laufenden Jahr von einer Steigerung der Verbraucherpreise um knapp acht Prozent aus. Im Jahr 2023 könnte die Teuerung sich sogar der Zehn-Prozent-Marke nähern, hieß es in dem Konjunkturbericht. Im August lagen die Verbraucherpreise in Deutschland um 7,9 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.

RWI erwartet auch 2023 ein leichtes Wachstum

Etwas optimistischer zeigt sich das Essener Forschungsinstitut RWI, das in seiner ebenfalls am Donnerstag vorgelegten Vorhersage für dieses Jahr zwar auch nur noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,1 Prozent erwartet, für 2023 seine Prognose aber lediglich von 2,7 auf 0,8 Prozent gesenkt hat. "Das größte Risiko für die deutsche Konjunktur ist die Verfügbarkeit von Gas während des kommenden Winters", sagte RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt.

Bei einem vollständigen Stopp der Gaslieferungen aus Russland komme es darauf an, dass Unternehmen und insbesondere auch die privaten Haushalte ihren Gasverbrauch deutlich reduzierten. Gelinge das nicht, würde eine spürbare Rationierung von Gas zu weiteren deutlichen Einschränkungen der wirtschaftlichen Produktion führen. Die Inflationsrate dürfte laut der RWI-Vorhersage im Durchschnitt des laufenden Jahres 7,3 Prozent betragen und nächstes Jahr mit 3,5 Prozent noch immer deutlich über dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2,0 Prozent liegen.

hr/dpa-afx, Reuters
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