Trotz Corona-Krise Ifo-Konjunkturforscher sehen Deutschland im "Boom"

Die Stimmung in den deutschen Unternehmen verbessert sich deutlich - so sehr, dass das Ifo-Institut sogar schon die Phase des Aufschwungs durchschritten sieht. Doch die Corona-Risiken bleiben hoch, für manche Branchen herrscht weiterhin eher Depression.
Branche kaum von Corona-belastet, aber in Sorge: Baustelle in Berlin

Branche kaum von Corona-belastet, aber in Sorge: Baustelle in Berlin

Foto: Bernd Friedel / imago images/Bernd Friedel

Die Konjunkturforscher des Münchener Ifo-Instituts sehen die deutsche Wirtschaft schon wieder im Boom. Das jedenfalls zeigt seit heute die sogenannte "Konjunkturuhr" nach dem neuen Geschäftsklimaindex an. Zwar herrscht wegen der Corona-Pandemie eine große Unsicherheit, aber die Stimmung in vielen Firmen hat sich zuletzt gebessert. "Die deutsche Wirtschaft stabilisiert sich trotz steigender Infektionszahlen", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest (52) bei der Vorstellung der neuen Daten am Donnerstag.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex gilt als wichtigstes Instrument, um die Erwartungen in der deutschen Wirtschaft zu messen. Er stieg im September von 92,5 im Vormonat auf 93,4 Punkte und damit das fünfte Mal in Folge – wenn auch geringer als erwartet. Die 9000 für den Index befragten Manager beurteilten den Geschäftsausblick und ihre Lage also günstiger als zuletzt. "Die deutsche Wirtschaft bewegt sich derzeit sicher in unruhigen Pandemie-Gewässern", sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe im Reuters-Interview.

Das zeigt sich besonders an der grafischen Übersetzung der Werte in ein Diagramm, die sogenannte "Konjunkturuhr". Sie ordnet die Daten bestimmten Phasen im Konjunkturzyklus zu. Nachdem die Uhr schon das gesamte Jahr 2019 und Anfang 2020 auf Abschwung zeigte, stand sie in den Monaten April bis Juni auf Rezession, schaltete im Juli und August auf Aufschwung und sprang im September schnell weiter auf Boom. Die Indikatoren werden allerdings so gewertet, dass Boom eher als Regelzustand gilt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

KfW-Ökonomin: "Der leichte Teil der Erholung ist vorbei"

Nach dem Corona-Schock und dem Lockdown im März und April haben viele Unternehmen wieder aufgeholt. Die Belebung dürfte nach Einschätzung vieler Experten jedoch an Tempo einbüßen. "Der anfangs hohe Schwung der wirtschaftlichen Erholung ebbt ab, die Zahl der Corona-Neuinfizierten steigt – eine ungesunde Mischung zum Beginn des Herbstes", sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. "Der leichte Teil der Erholung ist vorbei."

Politik und Wirtschaft wollen vor allem einen zweiten Lockdown vermeiden. "Die wirtschaftlichen Kosten sind einfach zu hoch", erläuterte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Die Landesregierungen würden eher lokale und regionale Maßnahmen verhängen. "Selbst wenn es in Deutschland zu einer zweiten Corona-Welle käme, erwarten wir jedoch kein erneutes Schrumpfen der Wirtschaft, sondern lediglich ein geringeres Aufwärtstempo."

Weiter steigende Infektionszahlen – und damit auch die Folgen von Eindämmungsmaßnahmen – dürften vor allem Dienstleister treffen, sagte Union Investment-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. "Die Industrie sollte weiter aufholen." Auch Ifo-Experte Wohlrabe sieht die Industrie auf dem Weg nach oben: "Sie setzt ihren Aufschwung fort, ihre Exporterwartungen haben sich deutlich verbessert."

Im Dienstleistungssektor jedoch ging der Ifo-Index zurück, nach zuletzt vier Anstiegen in Folge. Im Handel zog die Stimmung an. Viele Firmen gingen hier von einer weiteren Belebung in den kommenden Monaten aus. Auch am Bau läuft es derzeit rund. "Der Indikator zur aktuellen Lage kletterte auf den höchsten Wert seit März dieses Jahres", erklärten die Münchner Forscher. Der Ausblick sei weiter pessimistisch, aber etwas weniger als im August. Die Baubranche sorgt sich, dass die Kommunen ihre Investitionen in der Corona-Zeit herunterfahren.

Die deutsche Wirtschaft war im Frühjahr wegen der Corona-Krise in Rekordtempo um 9,7 Prozent eingebrochen. Ökonomen und Bundesregierung erwarten für das zu Ende gehende Sommer-Quartal ein kräftiges Wachstum, das Ifo-Institut etwa rechnet mit einem Plus von 6,6 Prozent. Dennoch dürfte es im Gesamtjahr 2020 eine kräftige Rezession mit einem Wirtschaftseinbruch von 5 bis 6 Prozent geben - immerhin weniger als zunächst befürchtet, und milde im internationalen Vergleich.

ak/reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.