Freitag, 20. September 2019

Drohende Rezession Ifo-Geschäftsklima fällt auf den tiefsten Stand seit 2012

BMW-Werk in Leipzig: Vor allem die Autoindustrie schwächelt derzeit
Jan Woitas/zb/dpa
BMW-Werk in Leipzig: Vor allem die Autoindustrie schwächelt derzeit

Der Pessimismus in der deutschen Wirtschaft nimmt immer mehr zu. Vor allem der Handelskrieg zwischen den USA und China hat das vom Ifo-Institut erhobene Geschäftsklima im August auf den tiefsten Stand seit 2012 gedrückt. Das Geschäftsklima fiel um 1,5 Punkte auf 94,3 Zähler, wie das Forschungsinstitut am Mittwoch in München mitteilte. Es ist der fünfte Rückgang des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers in Folge. Analysten hatten im Schnitt nur mit einem Rückgang auf 95,1 Punkte gerechnet.

"Die Sorgenfalten der deutschen Wirtschaft werden immer tiefer", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest. "Die Anzeichen für eine Rezession in Deutschland verdichten sich." Im zweiten Quartal war die Wirtschaftsleistung bereits um 0,1 Prozent zurückgegangen.

Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Ökonomen von einer "technischen Rezession". Es handelt sich in diesem Fall aber nur um eine sehr milde Rezession. Anders sähe es aus, wenn die Wirtschaft im Gesamtjahr gegenüber dem Vorjahr schrumpft. Damit wird jedoch derzeit nicht gerechnet. Zuletzt war dies 2009 in der globalen Finanzkrise der Fall. Seitdem hat die deutsche Wirtschaft ununterbrochen mit teils kräftigen Wachstumsraten zugelegt.

Industrie ist besonders pessimistisch

Besonders trübe sieht es in der Industrie aus. "Ein ähnlicher Pessimismus unter den Industriefirmen war zuletzt im Krisenjahr 2009 zu beobachten", so Fuest. Bei keiner der deutschen Schlüsselindustrien zeigten sich Lichtblicke. Vor allem die Industrie leidet unter der schwächelnden Weltwirtschaft.

Als wichtigsten Belastungsfaktor sehen Ökonomen den Handelskonflikt zwischen den USA und China. "Der jüngste Schlagabtausch begräbt die Hoffnung auf eine konjunkturelle Erholung im wichtigen deutschen Absatzmarkt China", kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Es bestehe die Gefahr, dass der Konflikt zu einem Dauerzustand werde. "Damit fehlen der exportorientierten deutschen Industrie, die seit anderthalb Jahren unter dem nachlassenden Schwung im China-Geschäft leidet, wichtige Impulse", so Krämer.

BDI-Präsident fürchtet harten Brexit

Industriepräsident Dieter Kempf fürchtet, dass das Wachstum der deutschen Wirtschaft zum Erliegen kommt, sollten die Briten Ende Oktober ohne Abkommen aus der EU aussteigen. "Die Unsicherheiten in der Wirtschaft sind weiter groß, vor allem wegen internationaler Handelskonflikte und des Brexits, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). "Die Auftragseingänge und die Industrieproduktion gehen zurück, die Unternehmen investieren weniger. Wir erwarten in diesem Jahr ein Wachstum von höchstens 0,5 Prozent. Im Falle eines harten Brexit Ende Oktober droht das Wachstum in Richtung Null zu gehen."

"Der berühmte Silberstreif am Horizont fehlt leider", meint Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank. "Donald Trump scheint beim Thema Handel auf volle Eskalation zu setzen, auch wenn kurzzeitig immer wieder Hoffnungen auf eine Beilegung der Handelskonflikte aufkommen." Die Exportabhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft werde zum Bumerang, so Gitzel. Jetzt sei die Bundesregierung am Zug. Sie täte gut daran, kräftig in die Infrastruktur zu investieren.

Die Unternehmen schätzen ihre aktuelle Lage und die künftige Entwicklung auf Sicht von sechs Monaten negativer ein, so das Ifo. Die Beurteilung der Lage fiel im August um 2,3 Punkte auf 97,3 Punkte. Die Erwartungen verschlechterten sich um 0,8 Punkte auf 91,3 Punkte. Bei beiden Werten hatten Ökonomen einen weniger deutlichen Rückgang erwartet.

Das Ifo-Geschäftsklima basiert auf der Befragung von etwa 9000 Unternehmen. Der Indikator gilt als verlässliche Schätzgröße für das künftige Wirtschaftswachstum in der größten Volkswirtschaft Europas.

mg/dpa

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