Ifo-Index auf Zweijahrestief Deutschland an der "Schwelle zur Rezession"

Deutschland steuert auf wirtschaftlich schwere Zeiten zu: Die Stimmung in den Unternehmen ist so schlecht wie seit zwei Jahren nicht mehr. Laut Ifo-Chef Clemens Fuest wird eine Rezession wahrscheinlicher.
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verdüstert sich

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verdüstert sich

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

Im Juli hat sich die Stimmung in deutschen Unternehmen deutlich verschlechtert. Das Geschäftsklima fiel zum Vormonat um 3,6 Punkte auf 88,6 Zähler, teilte das Ifo-Institut am Montag mit. Es ist der niedrigste Stand seit Juni 2020. Analysten hatten zwar mit einer Eintrübung gerechnet, im Schnitt allerdings nur einen Rückgang auf 90,1 Punkte erwartet.

"Deutschland steht an der Schwelle zur Rezession", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest (53). Für gewöhnlich sprechen Ökonomen von einer Rezession, wenn zwei oder mehrere Quartale in Folge das Bruttoinlandsprodukt einer Volkswirtschaft sinkt. Ökonomen warnen seit geraumer Zeit vor einem globalen Wirtschaftsabschwung.

Industrie pessimistisch wie seit April 2020 nicht mehr

"Hohe Energiepreise und drohende Gasknappheit belasten die Konjunktur", sagte Fuest weiter. Im Detail verschlechterte sich das Geschäftsklima in allen betrachteten Wirtschaftsbereichen, und zwar deutlich: In der Industrie sei der Zukunftspessimismus so groß wie seit April 2020 nicht mehr. "Das zieht sich nahezu durch alle Industriebranchen." Unter den Dienstleistern drehte sich die Stimmung nach zuletzt großem Optimismus wieder, auch im Tourismussektor und Gastgewerbe.

Auf der deutschen Wirtschaft lasten gegenwärtig mehrere Entwicklungen. Am schwersten dürften die Gefahr einer Erdgaskrise, anhaltende Lieferprobleme im Außenhandel und die hohe Inflation wiegen. Hinzu kommen steigende Kapitalmarktzinsen, die die Kreditkosten der Unternehmen und Verbraucher erhöhen und damit die Investitions- und Konsumfreude dämpfen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte vergangene Woche erstmals seit elf Jahren ihre Leitzinsen angehoben. Viele andere Zentralbanken befinden sich schon deutlich länger auf Zinserhöhungskurs.

Im Frühjahr ist die Konjunktur nach Ansicht der Bundesbank angesichts des Inflationsschubs und der Unsicherheit über die künftige Energieversorgung bereits kaum von der Stelle gekommen. Diese Faktoren lasteten auch im Sommer auf der deutschen Wirtschaft. Diese ist laut einer Umfrage von S&P Global im Juli auf Talfahrt gegangen.

Bankvolkswirte kommentierten die Ifo-Umfrage wenig hoffnungsvoll. "Eine Rezession lässt sich kaum vermeiden", sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Die Belastungen aus hoher Inflation, drohender Energiekrise und Lieferkettenschwierigkeiten seien zu viel. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sagte: "Alles in allem dürfte sich die deutsche Wirtschaft bereits in einem Abschwung befinden." Wie schlimm es am Ende komme, liege vor allem in den Händen von Russlands Präsident Wladimir Putin. "Käme es zu einem kompletten Stopp der Gaslieferungen, wäre eine tiefe Rezession unvermeidlich."

rei/dpa-afx/Reuters
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