Daniel Stelter

Unsinniger Impfstopp Ich würde mich mit dem Wirkstoff von Astrazeneca impfen lassen

Daniel Stelter
Eine Meinungsmache von Daniel Stelter
Eine Meinungsmache von Daniel Stelter
Der Stopp von Impfungen mit dem Wirkstoff von Astrazeneca in Deutschland ist ein weiterer Fehler der Bundesregierung in der Corona-Pandemie, das lässt sich mit einfacher Mathematik belegen. Gesundheitsminister Spahn hat nun mehrfach versagt - er sollte abtreten.
Der Nächste, bitte: Gesundheitsminister Jens Spahn gibt in der Corona-Pandemie keine gute Figur ab

Der Nächste, bitte: Gesundheitsminister Jens Spahn gibt in der Corona-Pandemie keine gute Figur ab

Foto: FILIP SINGER / EPA

Letzte Woche habe ich zusammengefasst, weshalb ich der Auffassung bin, dass es Folge eines strukturellen Staatsversagens ist, wie schlecht Deutschland die Corona-Krise bewältigt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es die deutsche Politik schafft, ihre Fehlleistungen noch zu steigern. Seit gestern weiß ich es besser.

Daniel Stelter
Foto: Robert Recker/Berlin

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious"  und Unternehmensberater. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Sein neues Buch "Ein Traum von einem Land - Deutschland 2040" ist am 10. Februar 2021 erschienen.
Twitter: @thinkBTO 

Aufgrund von vereinzelten Komplikationen mit dem Impfstoff von Astrazeneca wurde dessen Verwendung mit sofortiger Wirkung gestoppt. Konkret handelt es sich um sieben Betroffene, von denen mittlerweile drei verstorben sind. Das für die Zulassung zuständige Paul-Ehrlich-Institut begründete dies mit der Notwendigkeit, die Fälle genauer zu untersuchen. Der Präsident des Instituts erläuterte im Interview bei ARD-Tagesthemen, dass bei dieser Entscheidung ausschließlich auf die Risiken des Impfstoffes geblickt würde.

Aus Sicht des für die Zulassung von Impfstoffen zuständigen Instituts mag es genügen, einseitig auf die Risiken der Impfung zu blicken. Aus Sicht der zuständigen Politik, die letztlich den Entscheid über den Impfstopp getroffen hat, ist es ein weiteres Mal ein Beweis dafür, dass den Verantwortlichen jedes Verständnis für die außergewöhnliche Lage, in der wir uns befinden, fehlt. Denn es genügt erneut – wie schon bei der Beschaffung von Impfstoffen – ein Taschenrechner, um zu erkennen, dass es nur eine Antwort gegeben hätte: weiter impfen!

Simple Mathematik

Machen wir die überschlägige Rechnung:

  • Bei 1,6 Millionen mit dem Impfstoff von Astrazeneca geimpften Personen gab es sieben Fälle von Komplikationen, von denen mittlerweile drei Personen verstorben sind.

  • Würden wir alle Bundesbürger mit Astrazeneca impfen (rund 80 Millionen), wäre damit bei gleicher Risikoquote mit 350 Fällen von Komplikationen und rund 175 Toten in Folge der Nebenwirkungen zu rechnen (80/1,6*7).

  • Verzichten wir auf die Impfung, müssen wir damit rechnen, dass mehr Menschen an Corona sterben. Bekanntlich hängt das Risiko vom Alter des Patienten ab . Überschlägig kann man davon ausgehen, dass das Risiko, an Corona zu sterben, in Deutschland bei einem Prozent liegt. Nimmt man an, alle Bürger würden an Corona erkranken, wären das also 800.000 Menschen. Dieser erste Vergleich zeigt: Auf eine Komplikation in Folge der Impfung kommen 2286 Menschen, die nicht an Corona sterben. Auf einen Toten in Folge der Nebenwirkungen wären es 4570 Menschen, die nicht an Corona sterben. Eine – wie ich finde – sehr gute Relation.

  • Das Aussetzen der Impfung mit Astrazeneca verzögert die Impfkampagne erheblich. Nehmen wir vereinfacht und überoptimistisch an nur um eine Woche, entspricht dies einem wirtschaftlichen Schaden von vier Milliarden Euro. Wir könnten also den Betroffenen von Impfkomplikationen oder deren Hinterbliebenen pro Kopf rund 11,5 Millionen Euro Entschädigung bezahlen und es würde sich aus wirtschaftlicher Hinsicht lohnen.

  • In Wirklichkeit ist die Rechnung der Impfung noch viel positiver: Zum einen sind bereits viele Menschen geimpft oder haben eine Coronainfektion überstanden. Wir müssen also nicht mehr die ganze Bevölkerung impfen. Zum anderen gibt es weitere Impfstoffe. Letztlich führt die Verzögerung der Impfung zu deutlich höheren Schäden als den genannten vier Milliarden, da angesichts der drohenden dritten Welle mit einer Fortsetzung und erneuten Verschärfung der Lockdown-Maßnahmen zu rechnen ist. Übersetzt bedeutet dies: Wir können noch mehr Geld bereitstellen, um die Opfer von Nebenwirkungen finanziell zu entschädigen.

Es ist offensichtlich, dass es sich lohnt, das Risiko von Komplikationen und auch Toten im Zusammenhang mit der Impfkampagne aus gesundheitlicher und wirtschaftlicher Sicht einzugehen. Die Politik hätte diese Rechnung den Bürgern vermitteln sollen, statt in Panik die ohnehin schlecht laufende Impfkampagne endgültig vor die Wand zu fahren.

Enormer Schaden

Kommt – wie angesichts der hier dargelegten Dreisatz-Mathematik mit Sicherheit zu erwarten – in wenigen Tagen der Entscheid, doch mit dem Verimpfen von Astrazeneca fortzufahren, ist der Schaden nicht mehr zu bereinigen. Noch weniger Bürger werden bereit sein, sich mit dem nun massiv in seinem Image geschädigten Impfstoff versorgen zu lassen, noch länger bleiben wir im gesundheitlichen und wirtschaftlichen Lockdown.

Was ist zu tun? Der neue Gesundheitsminister – und für mich steht fest, dass wir den noch diese Woche benötigen – sollte Folgendes tun:

  • sich selbst sofort mit dem Impfstoff von Astrazeneca impfen lassen

  • dafür sorgen, dass es auch die anderen Mitglieder der Bundesregierung und die Ministerpräsidenten tun

  • den Impfstoff sofort für alle Bürger, die damit geimpft werden wollen, freigeben

  • bei einer Übernachfrage nach dem Impfstoff diesen im Losverfahren verteilen. Die Steuer-ID, die jeder in Deutschland lebende Bürger vom Kind bis zum Greis hat, dient als Losnummer

  • für etwaige Impfschäden großzügige Entschädigungen zusagen: für jeden, der eine der seltenen Hirnvenenthrombosen erleidet, zehn Millionen Euro; für die Hinterbliebenen von jenen, die daran sterben, 20 Millionen Euro. Zusätzlich wird ein Fonds aufgelegt, der weitere Opfer anderer, bis jetzt nicht bekannter Nebenwirkungen aller Corona-Impfstoffe, entschädigt.

Tempo!

Was unsere Politiker nicht verstehen: In der Pandemie geht es vor allem um Geschwindigkeit. Wir müssen sehr schnell handeln, um die Erkrankungen, aber auch die wirtschaftlichen Folgen unter Kontrolle zu bringen. Der Unterschied zur normalen Grippe liegt neben der erhöhten Sterblichkeit vor allem daran, dass wir bei einer Grippe nicht in den Lockdown gehen. Millionen von Existenzen stehen auf dem Spiel, eine ganze Generation von Schülern wird noch lange unter den Folgen des schlechten Krisenmanagements der Politik zu leiden haben.

Israel, die USA und Großbritannien beweisen, dass es geht. Die überstürzte und von Panik gezeichnete Entscheidung, die Impfungen zu stoppen, beweist, die aktuelle politische Führung in Deutschland kann es nicht.

P. S.: Ich selbst würde mich noch heute mit dem Wirkstoff von Astrazeneca impfen lassen.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.