Homeoffice "Beschäftigte müssen für die Nutzung der heimischen Wohnung entschädigt werden"

Nach der Pandemie dürften Homeoffice und mobiles Arbeiten für viele Beschäftigte zum Standard werden. Ob Ausstattung, Unfallschutz oder Arbeitszeit - vieles muss noch verbindlich geregelt werden. Auch mit Blick auf die Kosten hat Verdi-Bundesvorstand Norbert Reuter eine klare Position.
Das Interview führte Lutz Reiche
Arbeiten am Katzentisch? Viele Arbeitsplätze in den eigenen vier Wänden entsprechen nicht den Anforderungen

Arbeiten am Katzentisch? Viele Arbeitsplätze in den eigenen vier Wänden entsprechen nicht den Anforderungen

Foto: Henrik Sorensen/ Digital Vision/ Getty Images

Herr Reuter, noch steht der größte Teil der Bürogebäude wegen der Pandemie leer, die Menschen arbeiten so weit wie möglich im Homeoffice. Wie handhabt es Verdi mit seinen gut 3000 Beschäftigten?

Norbert Reuter: Gewerkschaftliche Arbeit erfordert seit jeher flexibles Agieren hinsichtlich Art, Zeit und Ort. Daher ist mobiles Arbeiten inklusive Homeoffice für meine Kolleg:innen und mich nicht grundsätzlich neu. Bereits 2018, also lange vor der Corona-Pandemie, hatte der Verdi-Bundesvorstand mit dem Gesamtbetriebsrat eine Vereinbarung »Mobile Arbeit« abgeschlossen. Hieran konnten wir nun gut anknüpfen.

Was heißt das in der Praxis?

Das heißt, so weit wie möglich arbeitet derzeit ein Großteil der Verdi-Beschäftigten – ausgerüstet mit den notwendigen technischen Hilfsmitteln – mobil von Zuhause aus. Die jeweiligen Führungskräfte sind gemäß Betriebsvereinbarung aufgefordert, einer Entgrenzung zwischen beruflicher und privater Sphäre vorzubeugen. Das heißt unter anderem eine klare Begrenzung der Arbeitszeit – auch bei mobiler Arbeit.

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Kay Herschelmann / ver.di

Norbert Reuter (60) leitet seit 2016 die Tarifpolitische Grundsatzabteilung im Verdi-Bundesvorstand in Berlin. Der habilitierte Volkswirt war von 2002 bis 2017 Privatdozent für Volkswirtschaftslehre an der RWTH Aachen und von 2011 bis 2013 sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« des Deutschen Bundestages. Er hat umfassend zu den Themen Arbeitsmarkt- und Tarifpolitik, Strukturwandel, demografischer Wandel, Rente, Verteilung, Wachstum und Entwicklung publiziert.

Welches Feedback geben die Verdi-Beschäftigten den Führungskräften, klappt das mit der Trennung von Beruf und Privatsphäre im Homeoffice und beim mobilen Arbeiten?

Von meinen Kolleg:innen weiß ich, dass das schwierig ist. Diejenigen, die ihre Arbeit vor der Pandemie hauptsächlich im Büro ausgeübt haben und nun primär mobil arbeiten, sind keineswegs zu Homeoffice-Fans geworden. Viele haben auch gar nicht den Platz für ein gut ausgerüstetes Homeoffice. Das heißt, ihre jetzige Arbeitssituation sehen sie selbst nicht als Dauerzustand. Beklagt wird, dass Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen, eine klare Trennung fehlt. Wenn es um die Frage der Wochenplanung geht, wollen zunehmend mehr Kolleg:innen im Büro statt mobil von Zuhause arbeiten. Hier zeigt sich, dass auch der persönliche Kontakt und Austausch mit Kolleg:innen ein hohes Gut ist, das man zunehmend zu schätzen weiß – eine Erfahrung, die viele erst machen mussten.

»Beklagt wird, dass Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen, eine klare Trennung fehlt«

Norbert Reuter, Leiter Tarifpolitische Grundsatzabteilung im Verdi-Bundesvorstand Berlin

Wie erfasst und kontrolliert Verdi mögliche Mehrarbeit der eigenen Beschäftigten im Homeoffice?

Verdi hat eine Zeiterfassung für alle Beschäftigen. Damit werden Überstunden erfasst. Die Führungskräfte müssen dafür sorgen, dass bei einem bestimmten Umfang an Überstunden diese wieder abgebaut werden.

Was glauben Sie, wird sich die Quote von Homeoffice zu Büro bei den Verdi-Beschäftigten nach der Pandemie verändert haben?

Das ist schwer zu sagen, zumal – wie bereits erwähnt – die Grenzen zwischen mobiler Arbeit beziehungsweise Homeoffice und Büro bei uns immer schon fließend waren. Das heißt, auch vor der Pandemie waren Kolleg:innen, die etwa Unternehmen betreuen, Tarifverhandlungen führen oder an Betriebsversammlungen oder öffentlichen Anhörungen teilnehmen, oftmals nur ein oder zwei Tage pro Woche im Büro. Ich glaube, das wird sich nach der Pandemie wieder ähnlich einstellen. Aber dies liegt auch an der besonderen Arbeitssituation von Mitarbeiter:innen einer Gewerkschaft.

Versicherer, Banken, Verlage und andere Branchen haben in der Corona-Krise die Heimarbeit als Kostenhebel auch für die Zukunft entdeckt. Die Allianz etwa erwartet, dass 40 Prozent und mehr ihrer Beschäftigten künftig von zu Hause oder mobil arbeiten werden. Wie schätzt Verdi das für die von ihr vertretenen Branchen ein?

»Wir sehen die Gefahr, dass Arbeitgeber diese Möglichkeiten für eine Kostensenkungsrunde nutzen, indem sie Kosten ... auf die Beschäftigten verlagern«

Arbeit ins Homeoffice zu verlegen ist keine grundsätzlich neue Entwicklung. Die Pandemie hat sie aber enorm beschleunigt. Wir sehen jetzt die große Gefahr, dass vor allem Banken, Versicherungen, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und ähnliche Arbeitgeber, bei denen mobile Arbeit und Homeoffice gut umsetzbar ist, diese neuen Möglichkeiten für eine weitere Kostensenkungsrunde nutzen, indem sie Kosten für Büroraum, Heizung, Möbel oder Ausstattung auf die Beschäftigten verlagern. Insofern fordert Verdi hier klare gesetzliche Regelungen für das Homeoffice. Dazu muss auch dringend das betriebliche Mitbestimmungsrecht bei der Einführung und Ausgestaltung von mobiler Arbeit inklusive Homeoffice erweitert werden. Vor allem aber muss das Arbeiten von Zuhause absolut freiwillig sein, es darf nicht vom Arbeitgeber angeordnet werden dürfen. Ein betrieblicher Arbeitsplatz muss bestehen bleiben, damit auch jederzeit eine Rückkehr möglich ist.

In den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich haben die Beschäftigten rechtlich eine starke Position, wenn sie Homeoffice oder mobiles Arbeiten wünschen. Von einem »Recht auf Homeoffice« war während der Pandemie auch hierzulande die Rede, im Entwurf zum »Mobile-Arbeit-Gesetz« ist davon keine Rede mehr. Befürwortet Verdi so einen Rechtsanspruch?

Ein »Recht auf Homeoffice« hört sich auf den ersten Blick gut an. Nur wie soll das in der Praxis funktionieren? Viele Arbeitsplätze können nicht ins Homeoffice verlagert werden. Da muss man gar nicht nur an Berufe in der verarbeitenden Industrie denken. Das gilt auch für viele Dienstleistungsberufe, man denke nur an Pfleger:innen, Friseur:innen oder Lehrer:innen. Die hätten nichts von einem »Recht auf Homeoffice«. Das kann man nicht universell regeln. Eine gute Lösung ist es, dies in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen zu lösen, die es in vielen Firmen bereits gibt.

Laut einer Studie des Bundesarbeitsministeriums  wünschen sich rund 90 Prozent der Beschäftigten, auch nach der Pandemie mehrere Tage in der Woche im Homeoffice arbeiten zu können. Immerhin 63 Prozent votieren für einen Rechtsanspruch auf Homeoffice und mobiles Arbeiten. Warum tut man sich in Deutschland so schwer mit einem Rechtsanspruch auf diese neue Arbeitsformen?

Wie gesagt, für viele Berufe geht das gar nicht, und meine Erfahrung zumindest bei Beschäftigten von Verdi selbst ist, dass jene, die längere Zeit im Homeoffice waren, den betrieblichen Arbeitsplatz neu zu schätzen lernen. Wir werden aber sicher in kommenden Tarifverhandlungen dies zum Thema machen und dort, wo es möglich und von den Beschäftigten gewünscht ist, in Tarifverträgen Regelungen zur mobilen Arbeit und zum Homeoffice festschreiben.

Laut Entwurf Mobile-Arbeit-Gesetz , sind Arbeitgeber künftig verpflichtet, die Arbeitszeit im Homeoffice als auch mobil vollständig zu erfassen. Der Arbeitgeberverband wähnt hier eine »Ausweitung der Arbeitszeiterfassung durch die Hintertür«. Die Aufzeichnungspflicht widerspreche auch der beabsichtigten Flexibilisierung. Teilen Sie die Einschätzung?

Hier scheinen einige Arbeitgeber nicht auf der Höhe der Rechtsprechung zu sein. Jenseits aller Debatten um mobile Arbeit und Homeoffice hatte bereits Mitte 2019 der Europäische Gerichtshof in Brüssel geurteilt, dass Arbeitgeber verpflichtet sind, die Arbeitszeiten von Arbeitnehmer:innen systematisch und genau zu erfassen. Damit stellt sich die Frage »ob« und »wie« gar nicht mehr. Ohnehin hat mich immer schon gewundert, dass sich Arbeitgeber gegen die Aufzeichnung der Arbeitszeiten wehren. Wie soll denn ohne korrekte Aufzeichnung festgestellt werden, ob Beschäftigte etwa den gesetzlichen Mindestlohn erhalten oder sie am Ende des Monats den versprochenen Stundenlohn erhalten?

Mit dem ersten Lockdown mussten die meisten Beschäftigten fast fluchtartig das Büro verlassen. Arbeitsschutz im Sinne ergonomisch gerechten Arbeitens ist im Homeoffice in den meisten Fällen zwangsläufig zu kurz gekommen. Was sollten Arbeitgeber aus Ihrer Sicht Heimarbeitern in Zukunft an Ausstattung garantieren – reicht da schon ein Laptop?

Selbstverständlich nicht! Wenn Beschäftigte freiwillig zu Hause arbeiten, muss der Arbeitgeber ihnen eine den Ansprüchen des Arbeitsschutzes genügende Ausstattung sicherstellen. Da ist es mit einem Laptop bei Weitem nicht getan. Hier müssen dann auch Bürostuhl, Schreibtisch, Beleuchtung bis hin – je nach Notwendigkeit – zum Kopierer, Drucker und Telefon bereitgestellt werden.

Wer zuhause arbeitet, hat mehr Kosten – vor allem für Heizung, Strom, Wasser, Gas. Auch Ausgaben für leistungsfähigere Internetanschlüsse laufen in der Regel auf, umgekehrt entfallen Essenszuschüsse oder andere Zuwendungen. Wie beteiligen sich Arbeitgeber derzeit Ihrer Erfahrung nach an diesen Kosten? Welche Chance sehen Sie, das künftig verbindlich festzuschreiben?

»Beschäftigte müssen für die Nutzung der heimischen Wohnung finanziell entschädigt werden und auch eine umfassende Arbeitsplatzausrüstung erhalten«

Das ist ganz unterschiedlich geregelt. Vielfach haben Beschäftigte in der Tat nur ein dienstliches Laptop – und das war's. Aber so geht das nicht. Beschäftigte müssen für die Nutzung der heimischen Wohnung finanziell entschädigt werden und auch eine umfassende Arbeitsplatzausrüstung erhalten. Im Rahmen tariflicher Regelungen gehen wir das jetzt an. Inzwischen ist in einzelnen Tarifverträgen, etwa mit dem ZDF, geregelt, dass alle im Zusammenhang mit der Einrichtung, dem Betrieb, der Wartung sowie auch mit einer vertragsgemäßen Auflösung des häuslichen Arbeitsplatzes entstehenden Kosten vom Arbeitgeber getragen werden müssen. Das muss selbstverständlich werden. Arbeitgeber mit einer hohen Homeoffice-Quote dürfen allein deswegen keine Kostenvorteile haben. Doch freiwillig geben sie selten etwas ab, sodass es im konkreten Fall immer erst durchgesetzt werden muss – daran arbeiten wir. Hier wären klare gesetzliche Vorgaben natürlich hilfreich.

Wenn keine Einigung auf Beteiligung laufender Kosten möglich scheint, könnte dann nicht ein modifiziertes Steuerrecht für Ausgleich sorgen?

Zunächst sehen wir die Arbeitgeber hier in der Pflicht. Schließlich sind sie es, die Kosten sparen. Steuerliche Erleichterungen – etwa eine erweiterte steuerliche Absetzbarkeit von Kosten für ein Arbeitszimmer oder auch für einen Arbeitsplatz in der heimischen Wohnung – bedeuten immer, dass dies zulasten der Allgemeinheit geht. Und warum sollte die für Kosten aufkommen, die eigentlich die Arbeitgeber zu tragen haben und von deren Abwälzung sie profitieren?

Ungeklärt scheinen auch Fragen des Unfallschutzes: Wer sich in der Kaffeeküche mit Heißwasser verbrennt, ist versichert – im Homeoffice dagegen nicht.

»Versicherungslücken im Homeoffice müssen geschlossen werden«

In der Tat gibt es Versicherungslücken im Homeoffice, die müssen geschlossen werden, genauso wie der Arbeitsschutz und die Einhaltung der Arbeitszeiten sichergestellt werden müssen. Bereits der Weg zur Küche zum Kaffee holen gilt als Arbeitsunterbrechung – im Juristendeutsch als »eigenwirtschaftliche Tätigkeit«. Passiert auf dem Weg dahin etwas oder in der Küche, wäre das im Betrieb ein klarer Arbeitsunfall. Nicht so im Homeoffice. Hier brauchen wir eine klare gesetzliche Regelung. Wenn – wie in Ihrem Beispiel – der Unfall in der Arbeitszeit geschieht, muss er als Arbeitsunfall gelten. Hier zeigt sich, wie wichtig eine genaue, digitale Arbeitszeiterfassung ist. Dann könnten auch solche Probleme geklärt werden.

Das klingt nach vielen rechtlichen Baustellen, die noch offen sind ...

Klar ist, der beschleunigte Trend zu mehr mobiler Arbeit inklusive Homeoffice erfordert vielfältige neue Regelungen. Gesetzliche und tarifliche Regelungen müssen angepasst werden und ineinandergreifen. Gewerkschaften haben hier den Vorteil, durch ihren engen Kontakt mit der betrieblichen Praxis nah an den Problemen zu sein – und konkrete Lösungen zusammen mit den Unternehmen zu vereinbaren. Und dort, wo der Gesetzgeber gefordert ist, den Gesetzgeber zu entsprechenden Regelungen aufzufordern. Wir arbeiten dran.

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