7,69 Euro pro Tag in Deutschland Deutsche-Bank-Ökonom schlägt Steuer aufs Homeoffice vor

Während die Politik über die Entlastung von Millionen Beschäftigten im Homeoffice berät, schlägt die Deutsche Bank die Gegenrichtung ein: Ein Konzeptpapier schlägt eine neue Steuer vor, um volkswirtschaftliche Kosten gerecht zu teilen.
Privilegiert? Die Vorteile des Homeoffice überwiegen die Nachteile bei Weitem, meint Deutsche-Bank-Ökonom Luke Templeman.

Privilegiert? Die Vorteile des Homeoffice überwiegen die Nachteile bei Weitem, meint Deutsche-Bank-Ökonom Luke Templeman.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Beliebtheitspunkte wird Luke Templeman bei den zig Millionen Beschäftigten im Homeoffice nicht sammeln. Aber der Ökonom, der als Makrostratege für die Deutsche Bank in London arbeitet, folgt dem Anspruch, kühl zu rechnen.

Das Ergebnis: Wer von zu Hause arbeitet, soll dafür eine Steuer zahlen – in Deutschland 7,69 Euro pro Tag. Das schlägt Templeman in einem umfangreichen Konzeptpapier  vor, das die Deutsche Bank am Mittwoch auf Englisch (aber mit dem deutschen Titel "Konzept") veröffentlicht hat. Nach dem Wahlsieg Joe Bidens (77) in den USA und der positiven Impfstoffnachricht wollen die Strategen vordenken, wie die Nach-Corona-Welt am besten aufzubauen sei: mit Hilfe für die Jugend, einem Recht auf Internet, Investitionen in Wasserstoff – und eben auch einer Homeoffice-Steuer.

"Die haben wir schon seit Jahren gebraucht, Covid macht es nur offensichtlich", erklärt Templeman in dem dreiseitigen Kapitel über die Steuer. Diese Position liegt konträr zur allgemeinen Debatte. Die deutsche Politik etwa bewegt sich – getrieben von den Wünschen der Wähler – eher in Richtung eines Steuerrabatts fürs Homeoffice und streitet über die Frage, ob es einen Rechtsanspruch auf den Arbeitsplatz zu Hause geben solle.

Der Banker begründet seinen Ansatz mit den Kosten für Infrastruktur, die auf die bisherige Arbeitswelt ausgelegt sei. Man benötige sie auch weiterhin für die zu physischer Präsenz am Arbeitsplatz gezwungenen Beschäftigten. Sie lasse sich durch die fehlende Nachfrage der zuhause Bleibenden aber nicht mehr finanzieren. "Unser Wirtschaftssystem ist einfach nicht dafür gemacht, mit Leuten fertig zu werden, die sich von der persönlichen Gesellschaft abkapseln können", so Templeman. Im Klartext: Busse, U-Bahnen, Lunch-Versorgung in den Innenstädten – all das muss es weiterhin geben. Nur lohnt es nicht mehr, wenn auch in Zukunft große Teile der Arbeitnehmerschaft im Homeoffice hocken.

Homeoffice steigert das Einkommen netto um 5 Prozent

Solange das Homeoffice von den Regierungen vorgeschrieben ist, sieht Templeman keine Grundlage für eine Homeoffice-Steuer. Aber auch nach der Pandemie sei mit einem Abkapseln vieler Büroarbeiter zu rechnen. Das lasse sich aus Umfragen ablesen, laut denen die meisten das Homeoffice fortsetzen würden – zumeist an zwei oder drei Tagen pro Woche. Je länger man sich an die neue Arbeitswelt gewöhne, umso stärker werde sie als Zukunftsperspektive gesehen. In Deutschland seien zwei Drittel des Arbeitsmarkts während der Pandemie in die eigenen vier Wände verlegt worden.

Individuell hätten die meisten einen ökonomischen Vorteil aus dem Homeoffice. Man spare Geld für Fahrten zur Arbeit, Reisen, Restaurants, teure Bürokleidung oder auch Kneipenbesuche nach Feierabend; dazu kommen immaterielle Vorteile der Heimarbeit wie höhere Flexibilität. Die oft genannten Nachteile des Homeoffice wie zusätzlicher Stress oder eine schlechtere Arbeitsplatzausstattung seien hingegen verkraftbar. Unterm Strich errechnet Templeman für Homeoffice-Nutzer im Durchschnitt einen Gewinn in Höhe von 5 Prozent ihres Einkommens – genug für eine zusätzliche Steuer, ohne schlechter gestellt zu werden.

Das Plus der Heimarbeiter gehe nämlich zulasten der "Masse von Menschen, die von Kräften außerhalb ihres Einflusses verdrängt wird". Angestellte eines klassischen Mittagspausen-Cafés etwa würden gar nicht mehr gebraucht, viele andere Servicekräfte auch nicht. Und Industriearbeiter oder Pflegekräfte, die zum Pendeln gezwungen bleiben, müssen künftig mit ihren Beiträgen den öffentlichen Nahverkehr aufrechterhalten – unmöglich.

Vorschlag für Deutschland: 7,69 Euro Homeofficesteuer pro Tag

Diesen Unterschied soll die Templeman-Steuer ausgleichen. Zahlen sollten sie die Unternehmen. Nur wenn deren Angestellte künftig freiwillig und trotz eines vorhandenen Büroarbeitsplatzes im Homeoffice bleiben, müssten sie selbst zahlen. Von den Einnahmen könnte der Staat das ärmste Achtel der Bevölkerung per Lohnzuschuss unterstützen.

Und konkret gerechnet hat der Deutsche-Bank-Ökonom auch. Er bietet Modellrechnungen für die USA, Großbritannien und Deutschland an. Im deutschen Fall würde er das durchschnittliche Homeoffice-Einkommen von 40.000 Euro mit 7,69 Euro pro Tag besteuern lassen. Der Staat könnte so 15,4 Milliarden Euro pro Jahr einnehmen und Niedriglöhne um 1538 Euro pro Kopf aufstocken.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing (50) ist übrigens ein Fan des Homeoffice  – und hat auch eine einfache Rechnung parat: "Brauchen wir noch so viel Büroraum in teuren Metropolen?"

ak
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