Inflation Verbraucherlaune auf tiefstem Niveau seit 19 Jahren

Die rasant steigenden Preise auch von Alltagsgütern drücken die Stimmung der Verbraucher in Deutschland massiv. Die Gewerkschaften fordern starke Lohnerhöhungen, die die Inflation auffangen sollen.
Es leert sich immer schneller: Die Inflation drückt auf die Haushaltsbudgets der Deutschen, sie müssen immer mehr Geld für alltägliche Güter ausgeben

Es leert sich immer schneller: Die Inflation drückt auf die Haushaltsbudgets der Deutschen, sie müssen immer mehr Geld für alltägliche Güter ausgeben

Foto: Monika Skolimowska/ dpa

Der Ukraine-Krieg und die hohen Preise drücken die Verbraucherlaune in Deutschland auf ein Rekordtief. Damit droht der private Konsum als wichtige Stütze für die Erholung der Konjunktur vorerst auszufallen. Das Barometer der Nürnberger GfK-Marktforscher signalisiert für Mai einen Einbruch und fällt um 10,8 Zähler auf minus 26,5 Punkte, teilte die GfK am Mittwoch mit. Damit wurde das Rekordtief vom Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 noch deutlich unterboten.

GfK-Fachmann Rolf Bürkl sprach von einem "schweren Schlag" für die Verbraucher, deren Kaufkraft durch die hohe Inflation dahinschmelze. "Gestiegene Preise von Alltagsgütern üben einen beständigen Druck auf Portemonnaies aus", betonte auch Chefökonom Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. "Für den Konsum sieht es für das laufende Quartal schon jetzt sehr düster aus."

"Die Konsumenten gehen vor der immensen Inflation in die Knie"

DekaBbank-Ökonom Andreas Scheuerle

Ein spürbarer Anstieg der Sparneigung im April beschleunigte nach Bürkls Worten den Absturz der Verbraucherlaune. "Damit haben sich die Hoffnungen auf eine Erholung als Folge der Lockerungen pandemiebedingter Beschränkungen endgültig zerschlagen." Neben der allgemeinen Verunsicherung dämpfe vor allem die mit 7,3 Prozent höchste Inflation seit Ende 1981 die Konsumlaune. "Wenn für Benzin, Heizöl und Gas deutlich mehr ausgegeben werden muss, bleiben entsprechend weniger finanzielle Mittel für andere Anschaffungen", erläuterte Bürkl. Das Risiko für die Konjunktur sei zudem aus Sicht der Verbraucher weiter gestiegen, sie schätzten die Gefahr einer Rezession als hoch ein. In der jüngsten Umfrage des Ifo-Instituts unter Führungskräften der Wirtschaft hatte sich deren Laune nach dem Ukraine-Schock jüngst zumindest etwas stabilisiert.

Stimmungswechsel wohl nur bei Kriegsende absehbar

"Die Konsumenten gehen vor der immensen Inflation in die Knie", bilanzierte Dekabank-Ökonom Andreas Scheuerle. Aktuell laufe der Konsum nach den Corona-Lockerungen noch gut. "Aber gemessen an der Stimmung der Verbraucher könnte sich das schon bald ändern." Die Bundesregierung rechnet im Jahresschnitt 2022 mit einer Inflation von 6,1 (2021: 3,1) Prozent, wie Reuters jüngst berichtet hatte. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stellt die neue Prognose am Nachmittag vor.

Einen nachhaltigen Stimmungswechsel bei den Konsumenten kann es nach Ansicht des GfK-Experten nur dann geben, wenn es beim Krieg in der Ukraine zu erfolgreichen Friedensverhandlungen kommt. Der explosionsartige Anstieg der Energiepreise im Zuge des Konflikts vor den Toren der EU habe die Aussichten der Verbraucher für die eigenen Finanzen abrutschen lassen. So sank die Einkommenserwartung im April auf den niedrigsten Wert seit Februar 2003. Das Barometer für die Bereitschaft zu größeren Einkäufen - die Anschaffungsneigung - fiel auf den tiefsten Stand seit der Finanz- und Wirtschaftskrise im Oktober 2008.

Einkommenserwartungen sinken - DGB fordert deutliche höhere Löhne

Die enorm hohe Inflation schürt bei Fachleuten die Sorge einer Lohn-Preis-Spirale - dass sich also Löhne und Preise gegenseitig immer weiter hochschaukeln. So dringt DGB-Chef Reiner Hoffmann wegen des Preisschubs auf deutliche Lohnerhöhungen im laufenden Jahr. "Ein Inflationsausgleich, eine Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an den Produktivitätsgewinnen und eine gerechtere Verteilung bleiben die Hauptziele unserer Tarifpolitik", sagte Hoffmann der "Rheinischen Post". Die IG Metall etwa fordert in der kommenden Tarifrunde für die Beschäftigten der Stahlindustrie 8,2 Prozent mehr Lohn.

Empfänger von Sozialleistungen sollen bereits wegen der Belastungen durch die Corona-Pandemie im Juli eine Einmalzahlung in Höhe von 200 Euro erhalten. Das geht aus einem Gesetzentwurf der Ampel-Koalition hervor, den das Bundeskabinett an diesem Mittwoch verabschiedet hat.

In Frankreich trübte sich das Konsumklima im April ebenfalls ein. Das Barometer dazu rutschte laut Statistikamt Insee auf 88 Punkte von 90 Zählern. Ein ähnlich tiefes Niveau gab es zuletzt im Corona-Lockdown 2020. Ökonomen hatten für April sogar ein leichtes Plus erwartet.

Von Klaus Lauer und Reinhard Becker, Reuters