Henrik Müller

Weltwirtschaft Zittern vor den USA

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Aus Angst vor Inflation schwenkt die amerikanische Notenbank auf einen strikteren Kurs ein. Die Schockwellen werden rund um den Globus zu spüren sein, gerade in ärmeren Ländern.
Inflationsbekämpfer: Fed-Chef Jerome Powell zieht die geldpolitischen Zügel an - aber mit welchen Folgen?

Inflationsbekämpfer: Fed-Chef Jerome Powell zieht die geldpolitischen Zügel an - aber mit welchen Folgen?

Foto: Andrew Caballero-Reynolds / AFP

Was bisher geschah: Der Chef der mächtigsten Notenbank der Welt kündigte eine Kehrtwende an. Einen Kurswechsel, der heftiger ausfallen dürfte als erwartet. Daraufhin brach an den Finanzmärkten rund um den Globus Nervosität aus: Kurse stürzten, Zinsen stiegen, Währungen bröckelten.

Fortsetzung folgt: Hoch verschuldeten Staaten und Firmen weltweit steht eine schwierige Phase bevor – Zahlungsausfälle und Pleiten inklusive.

In der abgelaufenen Woche hat Jerome Powell, der Chairman der US-Notenbank Federal Reserve, eine schärfere Gangart angekündigt. Die Fed werde wohl ihre Anleihekäufe schneller herunterfahren, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Powell verzichtete bei seinem Auftritt im US-Kongress  auf ein Schlüsselwort, das bislang noch für relative Beruhigung gesorgt hatte: "vorübergehend" ("transitory"). Seit Monaten hatte seine Kernbotschaft gelautet: Der derzeitige Preisanstieg sei nur "vorübergehend" – das Resultat außergewöhnlicher Verspannungen, hervorgerufen durch die Covid-Krise. Nun formuliert er dringlicher, spricht von selbstverstärkenden Faktoren, den Löhnen beispielsweise, die "in flottem Tempo" steigen. Es bestehe das Risiko, dass sich die Inflation "festsetzt". Und das müsse die Fed mit allen Mitteln verhindern.

So sieht es aus: In der geldpolitischen Erzählung der USA beginnt ein neues Kapitel. Regierung und Notenbank sehen die Inflation nun als drängendes innenpolitisches Problem. Die Zeiten, als sich die Fed entspannt gab und die Dinge laufen ließ, sind vorbei. Nun stehen die Zeichen in den USA auf Action, was Schockwellen durch die Weltwirtschaft schicken wird.

Freitag gibt es neue Zahlen zur US-Inflation. Zuletzt sind die Verbraucherpreise gegenüber Vorjahr um 6,2 Prozent gestiegen. Möglich, dass sich die Raten Richtung 7 Prozent beschleunigen. Noch höhere Werte würden dafür sprechen, dass die Fed umso rascher aus den Wertpapierkäufen aussteigt. Eine Erhöhung der Leitzinsen würde näher rücken: gut für inflationsgeplagte Bürger – Gift für die Finanzmärkte.

Der "Wutanfall" der Börsen

Die Konstellation erinnert an 2013. Damals hatte Fed-Chairman Ben Bernanke im Kongress in Aussicht gestellt, dass man die Anleihekäufe, die die Notenbank während der Finanzkrise begonnen hatte, vorsichtig herunterfahren wolle . Die Reaktionen waren spontan und heftig: In den USA stiegen die langfristigen Zinsen rasch  – aber noch mehr schnellten sie in hochverschuldeten Schwellenländern nach oben, wo parallel dazu die Kurse abrauschten, weil ausländische Anleger die Kapitalflucht ergriffen. Betroffen waren vor allem Länder mit hoher Auslandsverschuldung und großem Leistungsbilanzdefizit – und daher hohem laufenden Finanzierungsbedarf –, darunter Argentinien, die Türkei, die Ukraine, Brasilien und Indien.

Von einem "Wutanfall" der Finanzmärkte ("taper tantrum") war die Rede. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die betroffenen Schwellenländer waren bitter. Der Ankündigungsschock aus Amerika zwang sie zu einem restriktiven Kurs in der Wirtschaftspolitik: In vielen Ländern schraubten die Notenbanken die Leitzinsen in die Höhe, während die Finanzminister auf Sparkurs gingen; sie verhängten Kapitalverkehrskontrollen und intervenierten an den Devisenmärkten – alles mit dem Ziel, die Kapitalflucht zu stoppen.

Der Dollar mag die Währung der USA sein und die Fed jene Notenbank, die sich um die Geldversorgung der USA kümmern soll. Tatsächlich aber ist die Washingtoner Behörde eine Art globale Zentralbank. Der Dollar ist die Weltwährung Nummer eins, führend insbesondere bei internationalen Finanzströmen. Die Fed hat sich deshalb angewöhnt, Rücksicht auf den Rest der Welt zu nehmen – sofern sie kann.

2013 war dies der Fall. Nach den Verwerfungen, die Bernankes Ankündigung eines Ausstiegs aus den Wertpapierkäufen verursacht hatte, ging die Fed ganz sachte vor: Sie ließ sich mehr als ein halbes Jahr Zeit, bis sie überhaupt begann, die Ankaufvolumina herunterzufahren. Und auch dann schlich sie sich eher aus den Marktinterventionen heraus, als machtvoll Zeichen zu setzen – bloß kein Chaos, bloß keine weitere Verwirrung. Die Taper-Tantrum-Periode habe gezeigt, welch weitreichende Schäden entstehen könnten, wenn die Fed geldpolitische Überraschungen produziere, heißt es in einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) .

Wenig Rücksicht auf Rest der Welt

Der große Unterschied zu heute besteht darin, dass 2013 in den USA Ruhe an der Inflationsfront herrschte. Für die Fed bestand kein Zwang, rasch die Zügel anzuziehen. Sie handelte vorsorglich – um Übertreibungen an den Märkten zu begrenzen und für künftige Krisen handlungsfähig zu bleiben. Steigende Preise waren damals kein vordringliches Problem.

Das ist jetzt anders: Die Inflation läuft davon. Und allmählich steigen auch die Inflationserwartungen der Bürger und der Anleger. Wenn es schlecht läuft, verfestigt sich die Preisdynamik, indem sich das ganze Wirtschaftssystem auf höhere Preissteigerungsraten einstellt. Eine solche Spirale wieder abzubremsen, wäre ein enormer Kraftakt. Dazu kommt die Sorge um innenpolitische Spannungen, weil Inflation eine Belastung gerade für ärmere Bürger darstellt, wie Fed-Chef Powell betont. Inflationsbekämpfung hat deshalb Priorität. Die Interessen des Rests der Welt müssen dahinter zurückstehen.

Es ist nur so: Die USA beeinflussen das weltweite Zinsniveau. Wenn die Fed die Zinsen nach oben schleust, steigen sie auch anderswo.

Das billige Geld, das die US-Notenbank in den vergangenen Jahren ausgab und das auch in ärmeren Ländern nach Anlagemöglichkeiten suchte, beginnt nun zurückzufließen. Betroffen sind vor allem Länder, die sich in den vergangenen Jahren in – scheinbar – billigen Dollars verschuldet haben. Jetzt stehen sie vor einem dreifachen Schlag: Die Zinsen steigen, sodass Finanzierungen teurer werden; der Dollar wertet gegenüber ihren Währungen auf, wodurch ihre aufgelaufene Schuldenlast schwerer wiegt; die andauernde Corona-Krise belastet Wirtschaftsaktivitäten und Staatsfinanzen zusätzlich.

Asien erweist sich als relativ stabil – noch

In ihrem jüngsten "Wirtschaftsausblick”  warnt denn auch die OECD, die internationale Organisation der Marktdemokratien, vor hohen Fremdwährungsschulden in Ländern wie Argentinien, Bulgarien, Rumänien und der Türkei. Diese Volkswirtschaft seien "anfällig für abrupte Wechselkursbewegungen"; denn eine Aufwertung des Dollars lässt dort die Dollar-Schulden im Wert steigen. Eine schmerzhafte Konstellation. Kommt dann noch politisches Versagen im jeweiligen Land hinzu, kann schon mal eine ausgewachsene Währungskrise die Folge sein – wie in der Türkei, wo sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan nach Autokratenmanier in die Geld- und Währungspolitik einmischt und die Verarmung weiter Teile des Landes billigend in Kauf zu nehmen scheint.

Abwertungen gegenüber dem Dollar wiederum tragen dazu bei, den amerikanischen Inflationsschub rund um den Globus zu verbreiten: Weil Einfuhren in den jeweils betroffenen Ländern teurer werden, steigen auch dort die Lebenshaltungskosten. Diverse Notenbanken haben bereits die Zinsen angehoben. Falls eine "weitere Straffung der Geldpolitik" nötig wird, würde das die wirtschaftliche Erholung in ärmeren Ländern "zusätzlich belasten", warnt die OECD.

Betroffen sind bislang vor allem Volkswirtschaften in Lateinamerika und in Europa. Asiatische Schwellenländer hingegen erweisen sich relativ stabil. Aber auch das würde sich ändern, sollte in China das Wirtschaftswachstum einbrechen. Das Risiko, dass ein solches Szenario eintritt, sei gestiegen, sagt die OECD. Die schwelende Pleitewelle in Chinas Immobiliensektor könnte den Wachstumsmotor der Region abwürgen – und entsprechend andere Länder in Mitleidenschaft ziehen. Reise- und Handelsrestriktionen wegen der neuen Omicron-Variante des Coronavirus stellen ein neues, schwer kalkulierbares Risiko dar.

Inflation ist "wie ein Buckel"

Währenddessen in Europa: Die Europäische Zentralbank ist noch nicht so weit wie ihr US-Pendant. Die Unsicherheit sei derzeit so groß, dass man erst mal längerfristige Festlegungen vermeiden wolle, sagte EZB-Chefin Christine Lagarde dieser Tage der Agentur Reuters . Eine Straffung der Geldversorgung jedenfalls ist diesseits des Atlantiks bislang nicht in Sicht. Klar, wenn nötig, werde die EZB "nicht zögern zu handeln" und die Zinsen anheben. Aber wer weiß, ob und wann es so weit komme. Bislang sehe die Inflationsentwicklung für sie aus "wie ein Buckel", sagt Lagarde. Und den habe man wohl bald überwunden.

Kann sein. Aber es ist auch möglich, dass sich die wilde Geschichte vom stabilen Geld auch in Europa als Märchen erweist.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag
Berlin – Grüner wird’s nicht – Bei den Grünen endet die Urabstimmung über den Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien.

Dienstag
LuxemburgBip, Bip, Bip – Die Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht Kennzahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) und zur Beschäftigung.

Luxemburg – El Condor pasa – Der Europäische Gerichtshof verhandelt über die Rechtmäßigkeit der deutschen Corona-Subventionen für den Charterflieger Condor.

Mittwoch
Allensbach – Pläne, Ängste, Perspektiven – Die Demoskopen des Instituts Allensbach haben wieder der "Generation Mitte" auf den Zahn gefühlt. Im Auftrag des Versichererverbands GdV legen sie eine Standortbestimmung des Mindsets der mittleren Generation vor – zwischen Aufschwung, Klimawandel und Corona.

Frankfurt – Fall-out – Creditreform legt Erkenntnisse zu Insolvenzen in Deutschland vor.

Donnerstag
Washington – Freedom, that’s just some people talkin' – US-Präsident Joe Biden hat einen internationalen Gipfel für Demokratie einberufen. Es geht darum, (online) Flagge zu zeigen gegen den Autoritarismus und Illiberalität (bis Freitag).

Peking – Inflation, fernöstlich gesehen – Chinas Statistikamt legt neue Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise im November vor.

Wiesbaden – Abfuhr für die Ausfuhr – Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zum deutschen Export vor. Zuletzt stiegen die Auftragseingänge ziemlich dynamisch, doch fehlende Vorprodukte sorgten für Produktionsengpässe.

Wolfsburg – Ein Kampf um Chrom – Aufsichtsratssitzung bei Volkswagen: Es geht um die Investitionspläne für die kommenden Jahre und den Machtkampf zwischen VW-Chef Diess und dem Konzernbetriebsrat.

Freitag
Washington/Wiesbaden – Beim Sezieren der Inflation – Die US-Regierung gibt die Inflationsrate für November bekannt. Kurz zuvor wird das Statistische Bundesamt Details zur Preisentwicklung in Deutschland vorlegen.

Liverpool – Bewegte Zeiten – Treffen der Außen- und Entwicklungsminister der G7 (bis Samstag). Es gibt viel zu besprechen: Russland und die Ukraine, China und Taiwan, Klimaschutz und Afrika…

Frankfurt/Stuttgart – Daimlers Heavy Metal – Die Konzernabspaltung Daimler Truck kommt an die Frankfurter Börse.

Samstag

Berlin – General Kevin – Der SPD-Parteitag wählt die neue Parteispitze. Erstaunlichste Personalie: die Nominierung von Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert als Generalsekretär.

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